Putin-Merkel-Eklat: Kalter Krieg um Beutekunst

Deutschland und Russland streiten bis heute um Kunstschätze, die Wehrmacht und Rote Armee im Zweiten Weltkrieg verschleppt haben. Jetzt sagte Angela Merkel die Eröffnung einer Ausstellung in St. Petersburg ab, weil Wladimir Putin sie nicht zum Thema sprechen lassen wollte. Hintergründe eines Eklats.

Hamburg/Berlin - Dem Eklat zwischen Russlands Präsident Wladimir Putin und Bundeskanzlerin Angela Merkel um die abgesagte gemeinsame Eröffnung der Ausstellung "Bronzezeit - Europa ohne Grenzen" liegt ein Konflikt zugrunde, der auf den Zweiten Weltkrieg zurückgeht: Deutsche und sowjetische Einheiten nahmen in großem Umfang Kunstwerke und Bücher aus den von ihnen besetzten Gebieten mit. Die von deutscher Seite während der NS-Zeit geraubten Kulturgüter wurden kurz nach Kriegsende größtenteils zurückgegeben. Russland dagegen sieht Beutekunst wie die Troja-Funde von Heinrich Schliemann oder den Eberswalder Goldschatz als Wiedergutmachung für Schäden aus dem Zweiten Weltkrieg.

Deutschland hatte mit Blick auf internationales Recht immer wieder auf Rückgabe der Kunst bestanden. Russland machte immer wieder deutlich, dass die Schätze mit dem Blut seiner Soldaten bezahlt worden seien. Erst seit 1990 wird auf der Grundlage von deutsch-russischen Verträgen über einen Austausch verhandelt.

Über 1700 Objekte aus der Bronzezeit

In der Ausstellung "Bronzezeit - Europa ohne Grenzen" in der berühmten Eremitage in St. Petersburg soll unter anderem auch der berühmte Goldschatz von Eberswalde ausgestellt werden, den Sowjetsoldaten nach dem Zweiten Weltkrieg nach Moskau brachten. Der 1913 in einem Tongefäß in Eberswalde gefundene Schatz verschwand 1945 aus dem Berliner Museum für Früh- und Vorgeschichte. Der Verdacht, das er Teil der von der Roten Armee nach Moskau verbrachten Beutekunst geworden sei, wurde von russischer Seite jahrzehntelang bestritten. Erst 2004 konnte Spiegel TV nach monatelanger Recherche die Goldobjekte in einem Geheimdepot des Moskauer Puschkin Museum ausfindig machen.

Die Ausstellung ist das Ergebnis der Zusammenarbeit zwischen der Eremitage und Museen in Moskau und Berlin anlässlich des derzeit laufenden deutsch-russischen Jahres. Laut der beteiligten Stiftung Preußischer Kulturbesitz wird dabei mit mehr als 1700 Objekten aus allen beteiligten Museen das Bild der Bronzezeit nachgezeichnet.

Ein Großteil der auf sowjetischen Befehl abtransportierten Kunstschätze lagert im Moskauer Puschkin-Museum. Die Expertenschätzungen, was sich noch in russischen Depots befindet, schwanken zwischen 300.000 und einer Million Kunstobjekten sowie zwei bis vier Millionen Büchern.

Merkel nimmt am Freitag zunächst am Wirtschaftsforum in St. Petersburg teil. Geplant sind dabei weiterhin eine öffentliche Podiumsdiskussion mit Putin sowie bilaterale Gespräche mit einer gemeinsamen Pressekonferenz. Anschließend speisen Putin und Merkel auf einem Schiff zu Abend. Danach war ein gemeinsamer Besuch der Ausstellung angesetzt.

Vor Merkels Abflug nach St. Petersburg wurde von deutscher Seite ohne nähere Begründung mitgeteilt, dass dieser Termin nicht stattfinden und die Kanzlerin früher nach Berlin zurückfliegen werde. Aus deutschen Delegationskreisen verlautete, es habe Unstimmigkeiten darüber gegeben, ob Putin und Merkel Grußworte bei der Eröffnung halten sollten.

Womöglich wollte Angela Merkel nicht wortlos hinnehmen, dass Putin sie durch eine Ausstellung mit Kunstwerken führt, auf die Deutschland weiterhin Ansprüche erhebt - die von Moskau rundweg abgelehnt werden: 2008 erklärte Russland per Gesetz die strittigen Kunstschätze zu russischem Eigentum.


Lesen Sie dazu im SPIEGEL 28/2012 ein Gespräch mit der Direktorin des Moskauer Puschkin-Museums: Warum der Eberswalder Goldschatz ihrem Museum gehört - nicht den Deutschen (9.7.2012)

twi/dpa

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insgesamt 44 Beiträge
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1. Kunst
DasKlo 21.06.2013
Es ist völlig egal wem diese Gegenstände gehören, hauptsache sie sind für jeden öffentlich zugänglich. Darüber zu streiten lohnt sich nicht!
2.
Obi-Wan-Kenobi 21.06.2013
Zitat von sysopÜber 1700 Objekte aus der Bronzezeit Putin-Merkel-Eklat über Beutekunst-Ausstellung - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/putin-merkel-eklat-ueber-beutekunst-ausstellung-a-907090.html)
nunja, die rechtmäßigen Eigentümer dürften schon seit mindestens 2800 Jahren tot sein. Jeder Besitzer der danach kam dürfte es schwer haben nachzuweisen, dass er rechtmäßiger Eigentümer ist. Wo ist also genau das Problem?
3. wladimir putin =
spon-facebook-10000026491 21.06.2013
ein lupenreiner demokrat ! gut gemacht, frau merkel ! langsam werd ich unsicher, ob ich nicht zum ersten mal in meinem leben das eigentlich undenkbare ... sollte ich wirklich mal CDU wäh... ?!
4. Russland soll es zurück geben.
dutchmaster 21.06.2013
Aber was haben wir? Die Büste der Nofretete, Napoleons Hut. Gehören Schliemann's Troja funde wirklich uns nur weil ein Deutscher sie endeckt hat? Im Neuen Museum Berlin gibt's ganze Wände die irgendwo aus dem Mittleren-Osten geschnitten wurden.
5.
gustavbamgans 21.06.2013
Ist doch egal in welchem Land diese historischen Objekte liegen, solang sie frei zugaenglich sind.
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