Von Stefan Kuzmany
Er ist doch noch für Überraschungen gut.
Eigentlich, war anzunehmen, hätte man sich das alles doch sparen können: Dass Wladimir Putin wieder Präsident werden würde, war schon klar, lange bevor ein einziges russisches Wahllokal geöffnet hatte. Dass er sich von begeisterten, teilweise extra herbeigekarrten Anhängern für seinen Sieg würde feiern lassen, das stand wohl schon fest, bevor die Stimmauszählung überhaupt begonnen hatte. Dass er dann ein starkes Russland beschwören würde, die Einheit des Vaterlands, das konnte jeder ahnen, der ihn seit der Jahrtausendwende auch nur ein einziges Mal als Staatenlenker hat reden hören.
Und dann das: Putin stand auf dem Podest auf dem Roten Platz in Moskau, beschwor die Nation, bedankte sich bei seinen Wählern. Und weinte.
Ein Mann, ein Gesichtsausdruck
Wladimir Putin, so hat man sich an ihn gewöhnt, so wurde er uns gezeigt auf offiziellen Bildern, ist ein starker Mann. Einer, der auf die Jagd geht. Einer, der angelt. Einer, der mit nacktem Oberkörper auf einem Pferd reitet. Einer, der mit wenigen Handgriffen Judo-Gegner auf die Matte legt. Vor allem aber: Einer, der exakt einen einzigen Gesichtsausdruck zeigt.
Der Mund ein gerader Strich, niemals ein Lächeln oder eine Schnute, der Blick stets taxierend, vielleicht auch abschätzig, aber das wäre schon zu viel gesagt, denn Putins Mimik sollte offenbar keine einzige Emotion preisgeben, nur deren vollkommene Abwesenheit zeigen. Was dieser Mann sagt und tut, so die Botschaft, ist komplett rational, nicht irgendwelchen menschlichen Regungen folgend, sondern allein dem Wohl Russlands geschuldet.
Der russische Präsident, erzählte der Blogger und Fotograf Rustem Adagamow im Interview mit SPIEGEL ONLINE, darf niemals müde abgelichtet werden. Er bezog sich dabei zwar auf den Interimschef Dmitrij Medwedew - doch wenn dieser seine Auftritte sorgfältig inszenierte, dann tat und tut es Wladimir Putin wohl umso akribischer. Im Gegensatz zu beispielsweise Barack Obama, sagt Adagamow, wirken Russlands Mächtige wie sakrale Figuren.
Niemals eine wirklich private Aufnahme
Was eigentlich beruhigen konnte, es nämlich mit einem Mann zu tun zu haben, der niemals geifernde Wutreden halten würde, dem keine unüberlegten Handlungen zuzutrauen sind, war zugleich unheimlich: Niemals hat man eine wirklich private Aufnahme von Putin gesehen, niemals eine mit seinen Kindern, keine zärtliche Geste zu seiner Frau ist in Erinnerung. Hatten wir es hier gar nicht mit einem Menschen zu tun, sondern mit einem kalt berechnenden Machtroboter?
Haben wir nicht, wie man jetzt sehen konnte. Oder: Wie wir jetzt sehen sollten?
Menschliche Seiten des Herrschers zeigte bereits die ARD-Dokumentation "Ich Putin" von Hubert Seipel, und wurde dafür als allzu menschelnd gescholten: Putin lässt sich von seinem Hund abschlecken, Putin grillt seine Jagdbeute, Putin schwitzt beim Eishockey und Judo. Einmal lacht Putin sogar: als ihn Seipel darauf anspricht, der Westen errichte sein Raketenschild nicht gegen Russland. Doch die Bilder sind inszeniert: Dem deutschen Journalisten zeigte sich Putin genau so, wie er sich zeigen wollte.
Die kleinen Tränen auf dem Roten Platz könnten also auch Inszenierung sein, doch wahrscheinlich ist das nicht. Wahrscheinlicher ist es, dass Wladimir Putin tatsächlich unglaublich erleichtert war. Er hat einen harten Wahlkampf geführt, ist quer durch sein riesiges Reich geflogen, hat sich offenbar, auch das ist in Seipels Film zu ahnen, bis zur Erschöpfung verausgabt. Und dann hat er es tatsächlich geschafft - im ersten Wahlgang.
Putin selbst wusste am besten, wie sauber oder abgekartet der Wahlkampf und die Wahlen gelaufen sind. Er selbst wusste am besten, wieviele aus der jubelnden Menge nicht spontan gekommen, sondern geplant herbeigeschafft worden waren. Und dennoch war Wladimir Putin im Moment seines Triumphs überwältigt vom Jubel der Menge, von der Macht der Bilder, die er selbst erschaffen hat. Eigentlich zutiefst menschlich.
Den scheinbaren Beweis für die Spontaneität der Tränen Putins lieferte am Tag nach der Wahl sein Pressesprecher. Doch, die Tränen seien echt gewesen, sagte der. Aber Putin habe nicht geweint. Es sei nur der "scharfe Ostwind" gewesen, der ihm in die Augen gefahren ist. Echte Männer flennen nicht, schon klar. Ist das nicht eine so offensichtlich vorgeschobene Erklärung, dass sie zu weiteren Spekulationen einlädt? Waren es doch falsche Tränen, die Emotionalität also nur eine neue Facette der Putin-Inszenierung als liebender Landesvater?
Wir werden es nie erfahren. Aber trotzdem pflanzt genau dieses Rätselspiel eine bisher ungeahnte Möglichkeit in unsere Köpfe: So unwahrscheinlich es bisher auch schien - Wladimir Putin könnte tatsächlich ein Mensch sein.
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