Tarantino über Weinstein "Ich wusste genug, um mehr zu tun, als ich getan habe"

Der Oscar-prämierte Regisseur Quentin Tarantino bedauert es, nicht schon früher auf die Missbrauchsvorwürfe gegen Harvey Weinstein reagiert zu haben. Es bleibt die Frage: Wer wusste noch Bescheid?

Quentin Tarantino
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Quentin Tarantino


Weinstein-Tarantino, das war eine berufliche Symbiose, die viele erfolgreiche Filme hervorgebracht hat. Die Produzenten-Legende Weinstein begann 1994 mit "Pulp Fiction", ebenso wie die Regisseur-Legende Tarantino. Kaum ein Regisseur profitierte so sehr von der Figur Weinstein. Jetzt hat sich Tarantino zu den Vorwürfen gegen Harvey Weinstein geäußert.

"Ich wusste, er hat einige dieser Dinge getan", sagte der Regisseur Quentin Tarantino in einem am Donnerstag veröffentlichten Interview der "New York Times" zu den sexuellen Übergriffen durch den Filmproduzenten Harvey Weinstein. "Ich wusste genug, um mehr zu tun, als ich getan habe", sagte er mit Blick auf Schauspielerinnen, die ihm von Belästigungen Weinsteins erzählt hätten. Er hätte viel früher "Verantwortung" übernehmen und seine Zusammenarbeit mit Weinstein beenden müssen, sagte Tarantino.

Mehr als 20 Jahre lang arbeiteten Tarantino und der Hollywoodproduzent eng zusammen an Filmen wie "Pulp Fiction", "Kill Bill", "Inglourious Basterds" und "Django Unchained". Vor Kurzem organisierte Weinstein sogar noch die Party anlässlich der Verlobung von Tarantino mit der Sängerin Daniella Pick.

In dem Interview mit der "New York Times" räumte Tarantino nun ein, schon lange von sexuellen Übergriffen gewusst zu haben. 1995 hätte ihm seine damalige Freundin, die Schauspielerin Mira Sorvino, von früheren Belästigungen erzählt. Er sei damals "schockiert und aufgebracht" gewesen und habe danach von weiteren Fällen gehört, aber nie das ganze Ausmaß der angeblichen Vorfälle erkannt. Er habe die Anschuldigungen verdrängt und als isoliertes Missverhalten des Produzenten abgetan.

Dutzende Frauen, darunter auch Sorvino im "New Yorker", haben in den vergangenen zwei Wochen Vorwürfe gegen Weinstein von Belästigungen bis zu Vergewaltigung öffentlich dargelegt. Zahlreiche Branchen-Kollegen, darunter Filmstars wie Tom Hanks, Leonardo DiCaprio und Meryl Streep haben sich deutlich gegen Weinstein positioniert.

Weinstein müsse nun für diese Taten geradestehen

Auch Tarantino distanzierte sich bereits vorige Woche mit dem Statement, er sei "erstaunt und erschüttert über die Offenbarungen, die über Harvey Weinstein, meinen Freund seit 25 Jahren, ans Licht gekommen sind". Er bat um einige Tage Zeit, "um meinen Schmerz, meine Emotionen, meine Wut und meine Erinnerungen zu sortieren", bevor er sich äußern wollte.

Nach Bekanntwerden der massiven Vorwürfe habe er mehrfach bei Weinstein angerufen, aber nichts von ihm gehört. Er habe keine Erklärung für dessen angeblichen Vergehen. Weinstein müsse nun für diese Taten geradestehen, sagte Tarantino der "New York Times"

Inzwischen beschäftigt sich Hollywood nicht mehr mit der Frage: Wer hat davon gewusst? Sondern vielmehr mit dieser: Wer hat noch davon gewusst? Und warum äußern sich erst alle jetzt? Inzwischen haben mehr als 40 Frauen von sexuellen Übergriffen durch den Filmproduzenten Harvey Weinstein berichtet.

Wie eng kann man mit einem Mann zusammenarbeiten - und nichts von dessen Verhalten und Übergriffen mitbekommen? Der Drehbuchschreiber Scott Rosenberg ("Con Air", "High Fidelity") sorgte unlängst für Aufsehen mit einem inzwischen nicht mehr öffentlich zugänglichem Facebook-Post, in dem er über seine eigene Komplizenschaft, aber auch über die der vielen Regisseure, Schauspieler und Produzenten schrieb, die von Weinsteins Verhalten gewusst haben müssen. "Und was ist mit seinen Angestellten", schreibt Rosenberg, "haben sie nichts gewusst? Natürlich wussten sie es."

"Wir wussten, dass unser Chef manipulativ sein konnte"

Ehemalige Angestellte der Weinstein Company haben inzwischen ein Statement veröffentlicht, indem sie darauf bestehen, nichts von Weinsteins Verhalten gewusst zu haben. Das Schreiben liegt dem "New Yorker" vor. Darin heißt es: "Wir alle wussten, dass wir für einen Mann mit berüchtigtem Temperament gearbeitet haben. Nicht für einen Sexualstraftäter. Wir wussten, dass unser Chef manipulativ sein konnte. Wir wussten nicht, dass er seine Macht ausnutzte, um Frauen systematisch anzugreifen und zum Schweigen zu bringen."

Die Quintessenz des Schreibens: Weinstein war ein aggressiver, ehrgeiziger Typ, dessen Aggressivität und Ehrgeiz zum Erfolg der Firma beigetragen habe. "Jetzt wissen wir, dass diese Eigenschaften ihn hinter verschlossenen Türen zu einem Monster gemacht haben."

Die Polizei in Los Angeles hat inzwischen Ermittlungen gegen Weinstein aufgenommen. Auch soll schon ein mögliches Missbrauchsopfer von den Beamten befragt worden sein.

gia/dpa



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