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Quotenmisere im US-TV: Der Samstagabend wird versteigert

Verzweifelte Experimente: Das Samstagabendprogramm im amerikanischen Free-TV wird von den Zuschauern derart gemieden, dass der Sender ABC seinen Prime-Time-Platz an einen Produzenten mit einer guten Idee versteigern will – sofern es nur billig ist.

Es ist die ewige Frage, wenn es ums Fernsehen geht: Sieht keiner zu, weil das Programm so schlecht ist? Oder senden die Kanäle nur langweilige Shows, weil sowieso niemand einschaltet? Eine Antwort darauf müssen die Verantwortlichen der amerikanischen Network-Sender finden.

Der Samstagabend hat sich laut einem Bericht der Nachrichtenagentur AP zum Stiefkind der Fernsehunterhaltung entwickelt, die Sender sind verzweifelt. ABC bietet sogar den besten Sendeplatz um 20 Uhr feil, sofern es einem Produzenten gelingt, eine Show für weniger als 500.000 US-Dollar auf die Beine zu stellen. Zum Vergleich: Eine Folge der Erfolgsserie "Desperate Housewives" kostet mehr als das Vierfache.

Erfolgsformat "Desperate Housewives": Mehr Zuschauer als der gesamte Samstagabend
DPA

Erfolgsformat "Desperate Housewives": Mehr Zuschauer als der gesamte Samstagabend

Der Sender ist bereit, neue Wege zu gehen, um eine drohende Krise abzuwenden. "Gerade weil es sich um den Samstagabend handelt, sind die Verantwortlichen bereit, Dinge zu versuchen, die man unter der Woche eher lassen würde", sagt ABC-Programmchef Jeff Bader. Weil bekannt ist, dass viele Zuschauer diesen Tag anderweitig verplanen, biete der Sendeplatz Möglichkeiten für Experimente. So entstand die Idee, den Hollywood-Produzenten das Angebot zu unterbreiten, einen Sendeplatz für eine billig produzierte Show zur Verfügung zu stellen.

"Es ist die einsamste Nacht in der Woche für das Fernsehen überhaupt", sagte NBC-Vizepräsident Mitch Metcalf zu AP. Viele Menschen würden an diesem Tag ins Kino gehen oder etwas anderes unternehmen. Wenn sie zu Hause blieben, dann würden sie sich einen Film im Kabelfernsehen oder auf DVD ansehen. Das Fernsehprogramm der Network-Sender sei keine ernstzunehmende Alternative. Lediglich 23,1 Millionen Zuschauer schalten durchschnittlich eines der nationalen Free-TV-Programme ein. Das ist weniger, als Hitserien wie "CSI: Crime Scene Investigation" und "Desperate Housewives" an einem Wochentag generieren.

Nascar-Rennen: Schlechte Einschaltquoten
AP

Nascar-Rennen: Schlechte Einschaltquoten

Auch die anderen US-Sender haben am Samstagabend nicht viel zu melden: CBS zeigt Wiederholungen von Krimis und nennt die zweistündige Zusammenfassung den "Crimetime Saturday". TNT hält sich mit Nascar-Rennen, alten Filmen und der Serie "Law & Order" über Wasser, während NBC "Without a Trace" und andere Wiederholungen sendet. Warner Brothers verzichtet am Samstag komplett auf eine Übertragung.

Lediglich die Reality-Show "48 Hours Mysteries" auf CBS um 22 Uhr erzielt gute Einschaltquoten. "Wir versprechen einen frischen Apfelkuchen um 10 Uhr abends", sagte Produzentin Susan Zirinsky zu AP. Obwohl sich die Show mit Verbrechen befasst, die auf wahren Begebenheiten beruhen, soll die Serie mit Dramen und Filmen aus dem Abendprogramm zusammenpassen. Deshalb werden in den ersten fünf Minuten keine Hinweise auf eine Reality-Show gezeigt. Wie ein dauerhaftes Erfolgskonzept klingt das jedoch nicht.

Experimentieren könnte deshalb die Lösung für die Sender in den nächsten Monaten sein. Manche Sender könnten sogar Pilotfolgen von Shows zeigen, die eigentlich abgelehnt wurden. Wenn eine dieser Sendungen an einem Samstag entgegen der Erwartungen Zuschauer anzieht, könnte das Format Zukunft haben. Ähnlich verfahren die amerikanischen Fernsehsender bisher nur im Sommer. "Der Samstag kann unser wöchentlicher Sommer werden", sagt Bader.

In den siebziger Jahren war der Samstagabend noch eine feste Bastion im amerikanischen Fernsehen. Serien wie "M*A*S*H" und "The Mary Tyler Moore Show" sorgten für hohe Einschaltquoten. Mit Einführung des Kabelfernsehens und Pay-TV sanken die Zuschauerzahlen, da die neuen Kanäle am Samstag vor allem aktuelle Spielfilme sendeten. Seit 2000 sanken die Quoten laut Nielsen Media Research bei Network-Sendern um weitere 39 Prozent. Nielsen ist die einflussreichste Anstalt für Quotenmessung in den Vereinigten Staaten.

Zu Network-Sendern gehören in den Vereinigten Staaten unter anderem NBC, ABC, TNT, Warner Brothers, FOX und CBS. Sie können landesweit ohne zusätzlich Kosten empfangen werden und stehen in Konkurrenz zu regionalen Sendern, Pay-TV-Kanälen wie HBO und dem Kabelfernsehen.

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