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Raab-Spiele: Ein Riesenego geht in die Knie

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Er nervt ohne Ende und fesselt doch über vier Stunden lang: Bei Pro7 wurde zum dritten Mal Stefan Raabs für den Grimme-Preis nominierter Vielseitigkeitszweikampf ausgetragen. Es wurde gekickert, gepuzzlet und betatscht. Doch diesmal musste sich der Allround-Champion geschlagen geben.

Wenn es dieses Gesicht nicht schon gäbe, man müsste es glatt erfinden: Metzgerbub Stefan Raab, mit dem Konzept zu "Schlag den Raab" frisch für den Grimme-Preis nominiert, erzeugte auch bei seiner dritten Tausendsassa-Wettbewerbsshow am Samstagabend wieder jene unheimliche Ambivalenz zwischen Reinschlagen-Wollen und fasziniertem Zuschauen.

Jetzt musste er erstmals den Champion-für-alles-Rang an einen irgendwie einfach zu aalglatten Herausforderer abgeben, der daraufhin mit 1,5 Millionen Euro nach Hause gehen durfte. Dem grotesken Vergnügen tat das freilich keinen Abbruch. Zu perfekt passt das überdimensionale Format zum großmäuligsten der Fernsehnasen, zu fröhlich balancierte der Johnny Knoxville aus Köln-Sülz zwischen Wagemut und Bauernschläue.

So konnte man die Sym- und vor allem die Antipathien schön gerecht verteilen, am liebsten hätte man zwar beide verlieren sehen, den trockenen, konzentrierten und gruselig mathefesten freiwilligen Feuerwehrmann Matthias Göbel genau wie die grinsende Nervensäge Raab.

Doch die Nervenstärke des Herausforderers machte das Spiel spannend: Beim Kickern, Eisschnelllauf, Eishockey und Curling verlor Matthias, Biathlon, Puzzlen und fast sämtliche Wissensspiele gewann er bravourös und dabei völlig humorfrei - was ist denn das für ein Typ?

Küchenpsychologisch betrachtet entwickelte sich das Match zwischen dem 41-jährigen Entertainer und dem 32-jährigen Hobbysportler ohnehin höchst interessant. Allein über Göbels vergebliche Versuche, mit dem Promigegner Blickkontakt aufzunehmen, könnte Samy Molcho mehrere Bücher veröffentlichen: Ist es Raabs perfide Art, seinen Herausforderer zu dissen, wenn er einfach nicht zurückguckt? Gehört das Ignorieren des Gegenübers zu Raabs Schutzrüstung als Medienprofi? Oder war Raab, dem bei manchem Wissensquiz schon mal die Beine zuckten wie einem pubertierenden Computerspieler, schlichtweg doch so nervös, dass er nicht angemessen auf die leicht devote Körpersprache des anderen reagieren konnte?

Dazu kam eine recht unterhaltsame Spielauswahl - beim "Wiegen" mussten Raab und Göbel allein durch visuelles Abschätzen eine Gruppe von Studiogästen zusammenstellen, deren gemeinsames Gewicht möglichst nah an die 417 Kilo heranreichte, beim "Fühlen" betatschten und klassifizierten sie mit verbundenen Augen kleine Tiermodelle - welche Art von Intelligenz braucht man denn eigentlich dazu? Muss man für das blinde Ertasten eines 25 Zentimeter langen Orca-Wals eher biologisch oder haptisch geschult sein?

"Es geht um 1,5 Millionen - und wir puzzlen"

Allgemeinwissensspiele wie "Was war wann?" oder "Wo liegt was?" machen normalerweise immer Spaß, vor allem, wenn eine gesuchte Jahreszahl erst durch nur irritierend langsam sickernde Informationen eingekreist wird, bevor sich einer traut, seinen Tipp abzugeben – dagegen sind die Multiple-Choice-Contests der üblichen Quizshows etwas für den Kindergarten.

Und dass das vorletzte Spiel, bei dem noch alles offen stand, ausgerechnet aus dem Wett-Puzzlen eines süßen kleinen Hundebabybildes bestand, kommentierte Moderator Matthias Opdenhövel nicht ohne die angebrachte Süffisanz: "Es geht hier um 1,5 Millionen Euro - und wir puzzlen."

Raab und sein Gegner überzogen fast anderthalb Stunden, das schafft sogar Thomas Gottschalk eher selten. Und auch wenn man sich die weit über vier Stunden gehende Veranstaltung nicht die ganze Zeit mit der gleichen Aufmerksamkeit angucken mochte, kann der Unterschied zwischen öffentlich-rechtlicher und privater Samstagabendunterhaltung punktgenauer nicht ausgefochten werden.

Seinen Quotenvorsprung hält Showrelikt Thomas Gottschalk ohnehin nur durch die hohe Dichte an Prominentenbesuchen. Dass die Pro-7-Spiele-ohne-Grenzen mit - für Privatfernsehenverhältnisse - relativ wenigen Prominenten auskommen, ist dagegen gerade einer ihrer Pluspunkte. Raab reicht schließlich - sein Riesenego unterhält für fünf.

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