Raabs Wahl-Show Die Wok-WM war spannender

Wenige Stunden vor Öffnung der Wahllokale gab's im Fernsehen noch eine ungewöhnliche Elefantenrunde zu sehen. Entertainer Stefan Raab hatte fünf Spitzenpolitiker für eine halbe Stunde in seine TV-Show eingeladen. Die Zuschauer durften schon mal wählen. Die meisten Stimmen bekam dabei Rot-Grün.

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Raab (l., mit Wulff und Westerwelle): "Alles ein großer Spaß"
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Raab (l., mit Wulff und Westerwelle): "Alles ein großer Spaß"

Hamburg - Selbstverständlich war das nicht: Komiker Stefan Raab, Erfinder seines eigenen Schlager-Grand-Prix und der Wok-WM, hatte gestern Abend zur "TV Total Bundestagswahl" gerufen und (fast) alle kamen: SPD-Partei- und Fraktionschef Franz Müntefering, Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU), FDP-Chef Guido Westerwelle, für die Grünen Umweltminister Jürgen Trittin, und selbst die CSU schickte mit dem bayerischen Innenminister Günther Beckstein hochkarätigen Ersatz für den eigentlich angefragten Parteivorsitzenden Edmund Stoiber. "Eine Runde, für die Sabine Christiansen lange stricken muss", wie Peter Limbourg, N24-Chefredakteur und Raabs Co-Moderator für einen Abend, feststellte.

Fehlte nur die Linkspartei. "Wir wollten Spitzenpolitiker haben", klärte Raab zu Beginn der Sendung auf. Doch die Linkspartei habe Katja Kipping schicken wollen. "Katja Kipping? Wo macht die denn gerade Realschulabschluss?" habe man sich da gefragt, sagte Raab. Kipping kandidiert in jenem Dresdner Wahlkreis, wo die Wähler wegen des Todes einer NPD-Kandidatin erst am 2. Oktober ihre Stimme abgeben dürfen. TV Total wollte Kipping nicht, die Linkspartei wollte keinen der Spitzenkandidaten, Oskar Lafontaine oder Gregor Gysi, schicken. Letztlich saß kein Vertreter auf der Bühne, und auch die 50 als Studiogäste geladenen Anhänger wurden kurzerhand wieder ausgeladen. Ein Sprecher der Partei habe angekündigt, diese wollten die Sendung lautstark stören, erklärte Raab.

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Der Wahlkampf in Bildern: Hundefutter, linke Helden, heiseres Zugpferd

Ein paar Stühle am linken Rand der Zuschauerränge blieben also leer bei der "TV Total Bundestagswahl", der letzten Elefantenrunde vor der Wahl am Sonntag - mitsamt der kurzfristigsten und größten Umfrage wenige Stunden vor Öffnung der Wahllokale. Die Fanblocks in den Farben der anderen Parteien grölten und jubelten dafür nach jedem Halbsatz, was die Stimmbänder nach dem Blitz-Wahlkampf noch hergaben, reckten Plakate oder und buhten die Konkurrenz aus.

Wickert als Kommunist

Er wolle junge Leute motivieren, von ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen, hatte Raab, 39, vor der Sendung erklärt. "Das ist eine gute Sache", begründete Franz Müntefering, 65, denn auch sein Kommen. Mit wenig Aufwand noch ein paar Wähler mobilisieren, so könnte man es auch ausdrücken, denn der Erkenntniswert der Runde war gering. Zwar mussten die fünf Politiker durchaus ernsthaft zum zentralen Thema der Jugend, der Bildungspolitik, Stellung nehmen. Eine Diskussion oder ein Hinterfragen der Positionen fand allerdings nicht statt, was weniger an Raabs fehlender Gesprächskompetenz ("Vielleicht mal eine Frage an Herrn Beckstein") lag. Die konnte Nachrichten-Mann Limbourg kaschieren. Aber nur eine halbe Stunde für ein Polit-Quintett in einem Unterhaltungsformat? Dann sollte man sich lieber auf die pure Unterhaltung beschränken.

Zur Einstimmung spielte Raab den Wahlkämpfern Szenen aus seinem "Erstwähler-Check" vor, in dem junge Erwachsene Antworten auf einfache Fragen aus dem Bereich der Politik geben sollen. Da wurden gerade Volljährige auf bemitleidenswerte Weise vorgeführt, wie sie hinter der Abkürzung SPD irgendetwas mit Sozialpädagogik vermuten, Ulrich Wickert für einen Kommunisten, Jürgen Trittin für Edmund Stoiber und Edmund Stoiber für Hans-Dietrich Genscher von der SPD hielten. Den Ersten Artikel des Grundgesetzes ergänzte einer zu "Die Würde des Menschen ist unauffindbar".

Auf Basis des "spitz ausgewählten", "unterhaltsamen und nachdenklich stimmenden" Zusammenschnitts (Raab) durfte die Polit-Prominenz dann ihre Pläne für die deutsche Bildung erklären. Müntefering will keine Studiengebühren, Westerwelle eine Eliten-Förderung, Becksteins Bayern liegt im Pisa-Test ganz vorn, Wulff hat in Niedersachsen schon ganz viel investiert, und Trittin wusste von der Uni Göttingen ganz anderes zu berichten. Noch vor dem ersten Werbeblock kündigte Raab das Schlussstatement der Anwesenden an. Ein Blick auf die Uhr: Zu diesem Zeitpunkt sollte die Sendung noch fast zwei Stunden dauern.

Aber soviel Zeit hatte die Prominenz dann doch nicht. Eine Minute gab Raab seinen Gästen für den abschließenden persönlichen Wahlaufruf. Jugendarbeitslosigkeit, Ausländerfeindlichkeit, Atomkraft, Schuldenstaat, Bürokratieabbau, Technologieförderung - kaum vorstellbar, dass bei einem 60-sekündigen Sprint durch die Politik beim Jungwähler viel hängen bleibt. Das war auch nicht das Ziel. Sympathien werben war angesagt.

Müntefering warnte vor Westerwelle

Müntefering gab sich zu Beginn betont locker, merkte dann aber, dass der heisere Westerwelle, der dank früherer Besuche ohnehin so etwas wie Kult-Status bei "TV Total" genießt, nicht nur zum Späßchen machen gekommen war: "Vorsicht, wenn Sie Herrn Westerwelle fragen, der hält immer gleich einen politischen Vortrag", warnte Münte die Moderatoren. Wulff gab sich wie immer unauffällig, Trittin verfiel in einen erstaunlich aggressiven Wahlkampfton. Beckstein merkte man an, dass er sich nicht so richtig wohl fühlte in seiner Haut. Dass die Zuschauer sein Schlusswort mit den lautesten Buh-Rufen quittierten, nahm er mit einem breiten Grinsen allerdings gelassen hin.

Nachdem die Promis sich verabschiedet hatten, waren die Zuschauer gefragt. Per Telefon und SMS durfte 30 Minuten lang jeder seine Stimme abgeben - auch ausländische Mitbürger und Minderjährige. Wenn es nach ihnen geht, bleibt Gerhard Schröder Kanzler. Denn 36,5 Prozent der "TV-Total"-Zuschauer wählten die SPD, für die Union stimmten nur 30,2 Prozent. Beliebt in allen Bundesländern - deren Ergebnisse Raab in einer äußerst zähen Zeremonie ("Ich bin gespannt, wie es weitergeht") einzeln nacheinander präsentierte - war die FDP. Trotz der starken 13,7 Prozent hätte sie nach dieser Umfrage allerdings wahrscheinlich auf der Oppositionsbank Platz nehmen müssen. Die Linkspartei wurde auch ohne Vertreter in der Sendung zweistellig: 10,8 Prozent. Die Grünen kamen mit 8,8 Prozent etwa auf das Ergebnis der Bundestagswahl von 2002.

"Alles ein großer Spaß, ein Spiel, nicht repräsentativ" betonte das Tandem Raab-Limbourg immer wieder. Ein Spiel, nicht repräsentativ, in der Tat - ein großer Spaß? Na ja. Die Wok-WM war spannender.

Der eigentliche Gewinner war wieder einmal Raab selber, der es versteht, sich in Szene zu setzen. Immerhin 2,63 Millionen Zuschauer verfolgten die Show. Wenn er tatsächlich ein paar junge Menschen für die Politik gewonnen hat, hat es sich schon gelohnt. Darüber hinaus ist den weisen Worten seines Co-Moderators nichts mehr hinzuzufügen: "Da muss man jetzt wirklich sehen, was morgen bei rumkommt."

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