Rache an Bin Laden Er ist tot. Hurra?

Jubelnde Amerikaner und erfreute deutsche Politiker: Offensichtlich soll man den Tod Osama Bin Ladens feiern. Aber wenn Menschen, die stets auf ihre zivilisatorische Überlegenheit pochen, auf der Straße tanzen, weil ihr Feind erschossen wurde, graust es Stefan Kuzmany ein wenig.

Jubel auf dem Times Square in New York: Zivilisatorische Überlegenheit?
AFP

Jubel auf dem Times Square in New York: Zivilisatorische Überlegenheit?


Wo sich Osama Bin Laden jetzt befindet und was dort mit ihm geschehen soll, daran haben die "New York Daily News" keinen Zweifel: "Rot in Hell!" ("Verrotte in der Hölle!") - mit drastischen Worten feiert die US-Boulevardzeitung am Tag nach dem Tod Osama Bin Ladens ganzseitig das Ableben des Erzfeindes der USA. Schon kurz nach Verbreitung der Todesnachricht in der Nacht auf den 2. Mai hatten sich US-Bürger vor dem Weißen Haus in Washington und am Times Square in New York versammelt, um tanzend und singend die Erschießung zu begehen.

Kanzlerin Angela Merkel freut sich mit den Amerikanern und sieht einen "Sieg der Kräfte des Friedens", ihr Außenminister Guido Westerwelle spricht von einer "guten Nachricht", CSU-Chef Seehofer gar von einem "Gefühl der Freude". Allseits herrschen Jubel und Trubel.

Osama Bin Laden ist tot. Und, da gibt es kein Vertun, es ist eine gute Nachricht, dass er kein Unheil mehr anrichten kann. Die Frage ist nur, wie wir mit dieser Nachricht umgehen.

Die Legende von der Überlegenheit

Viel bildet sich der christlich geprägte Westen ein auf seine zivilisatorische Überlegenheit den islamischen Ländern gegenüber. Doch das, was gerade in den USA geschieht, vermittelt einen anderen Eindruck. Wenn US-Amerikaner den Tod Bin Ladens mit Tänzen und Sprechchören feiern, graust es den hiesigen Betrachter - der Jubel wirkt befremdlich, weil er uns zeigt, dass die US-Gesellschaft uns fremder ist, als es scheinen mag.

"In God we trust" steht auf jeder US-Dollar-Note, doch dieser Gott ist nicht der verzeihende, neutestamentarische Gott - sondern der rachsüchtige aus dem Alten Testament. Hierzulande gilt Resozialisierung als Ziel von staatlicher Strafe - in den USA ist es die Vergeltung, bis hin zur Todesstrafe.

Dass die Todesstrafe, wie bei Bin Laden, auch ohne Prozess verhängt werden darf, wenn nur das Verbrechen und der Zorn darüber groß genug sind, und dass ihr Vollzug euphorisch gefeiert wird, belegt, wie tief die "Auge um Auge"-Ideologie in der US-amerikanischen Gesellschaft verwurzelt ist. Die Rachsucht mag mächtig sein - moralisch überlegen ist sie nicht.

Der vorgebliche Respekt vor dem Todfeind

Ähnliches gilt für den Umgang mit dem Körper des Besiegten. Bin Ladens Leichnam sei dem Meer übergeben worden, hieß es schon bald nach der Nachricht vom Tod des Oberterroristen, und zwar aus Rücksicht auf islamische Glaubensvorschriften, nach denen ein Toter noch am Tag seines Ablebens zu bestatten sei.

US-Präsident Barack Obama hat stets betont, dass es sich beim amerikanischen "Krieg gegen den Terror" nicht um einen Krieg gegen den Islam handeln soll. Die schnelle Seebestattung sollte offenbar als Geste des Respekts auch vor dem Todfeind verstanden werden.

Was hier als Beispiel moralischen Handels ausgegeben wird, entpuppt sich allerdings schnell als Scharade: Um islamische Glaubensvorschriften ging es bei der schnellen Entsorgung des Leichnams jedenfalls nicht. Die 24-Stunden-Regel ist längst nicht so bindend, wie sie dargestellt wird. Und verstorbene Muslime sollen gewaschen und in ein Tuch gehüllt mit dem Gesicht Richtung Mekka in die Erde gelegt werden.

Eine Seebestattung ist - wenn überhaupt - nur in Notfällen vorgesehen: wenn ein Mensch auf hoher See stirbt und kein Land in Sicht ist. Die politisch durchaus nachvollziehbare Vermeidung einer Grabstätte, die zum Pilgerort werden könnte, lässt sich religiös nicht begründen.

Man mag die Betrachtung solcher Einzelheiten als Spitzfindigkeit abtun. Aber wenn der sogenannte Krieg gegen den Terror seine Legitimation aus einem Bewusstsein der eigenen moralischen und zivilisatorischen Überlegenheit zieht, dann sind gerade solche Details von Bedeutung.

Angela Merkels befremdliche Freude

Ebenso wie die befremdliche Freude Angela Merkels und Horst Seehofers, den Vorsitzenden sich christlich nennender Parteien, über die Erschießung eines Verbrechers. Der Vatikan hat bereits verbreiten lassen, dass es sich für Christen nicht gehört, den Tod eines Menschen zu bejubeln - und sei es auch ein noch so schlechter Mensch.

Es sind wohl letztlich leider nicht "die Kräfte des Friedens", die hier gesiegt haben, wie Merkel meint, sondern die Anhänger einer archaischen Blutrache-Moral. Dass sich die Spitzen unserer Regierungsparteien dieser Ideologie unterwerfen, bedeutet einen zivilisatorischen Rückfall. Die Erleichterung über den Tod Bin Ladens ist nachvollziehbar, der Applaus für seine Hinrichtung ist es nicht.

Ob die Welt mit seinem Abgang friedlicher wird? Das darf man bezweifeln.



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insgesamt 438 Beiträge
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Seite 1
Ion, 03.05.2011
1. ???
Zitat von sysopJubelnde Amerikaner und erfreute deutsche Politiker: Offensichtlich soll man den Tod Osama Bin Ladens feiern. Aber wenn Menschen, die stets auf ihre zivilisatorische Überlegenheit pochen, auf der Straße tanzen, weil ihr Feind erschossen wurde, graust es Stefan Kuzmany ein wenig. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,760151,00.html
Ich verstehe es auch nicht, warum sich Merkel über den Tod von Bin Laden freut, schließlich gibt es in Deutschland und in der ganzen EU keine Todesstrafe,ist sie jetzt für die Einführung der Todesstrafe ???
vk64 03.05.2011
2. Nachdenklich
Zitat von sysopJubelnde Amerikaner und erfreute deutsche Politiker: Offensichtlich soll man den Tod Osama Bin Ladens feiern. Aber wenn Menschen, die stets auf ihre zivilisatorische Überlegenheit pochen, auf der Straße tanzen, weil ihr Feind erschossen wurde, graust es Stefan Kuzmany ein wenig. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,760151,00.html
Ein lesenswerter Beitrag, der zwar nicht in die allgemeinen Jubelarien des Mainstream hineinpasst, der dafür aber umso nachdenklicher stimmen sollte...
no_panic 03.05.2011
3. Danke
Stefan Kuzmany. Wahre und wichtige Worte. Der sich wie toll gebärdende Mob in den USA schockiert nachgerade und die Statements diverser Politiker entbehren jeglichen Respektes vor dem Leben. Christlich? Gäbe es Gott, er schritte ein und massregelte diese Heuchler......
mbschmid, 03.05.2011
4. Tut mir leid, wenn es mir anders geht.
Ich fand die tanzenden Palästinenser am 11. September 2001 viel grausiger.
Tertinator, 03.05.2011
5.
Die Bilder sind die Gleichen, wie man sie nach den Anschlägen des 11. Septembers in Teilen der arabischen Welt gemacht hat. Ne jubelnde Menge, die sich freuen, dass der Anschlag so "erfolgreich" verlief… Damals sagte Arafat (zu den Anschlägen selbst: (OTon) "Iam really shocked" Welcher Politiker der westlichen Welt ist eigentlich "shocked" über die gezielte Tötung BinLadens?
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