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Radio-Krieg: Amerikaner streiten um Berliner Frequenz

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Die Berliner Radiofrequenz 87,9 ist seit Jahrzehnten in den Händen der amerikanischen Regierung. Jetzt bekommt die Bush-Regierung Konkurrenz aus dem eigenen Land - und ideologische Konflikte brechen auf.

Berlin - Auf den ersten Blick scheint dieser Streitfall nichts Besonderes zu sein: Die Berliner Radio-Frequenz 87,9 ist zu haben - und es gibt eine Reihe von Interessenten, die sich Hoffnung machen. Alltagsgeschäft. Langweilig.

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Was aber normalerweise eher eine bürokratische Frage wäre, wurde überraschend zu einem Kampf um das Image der Vereinigten Staaten im Ausland. UKW 87,9 wird zurzeit von "Voice of America" (VOA) betrieben, einem von der US-Regierung finanzierten Sender, der weltweit zu empfangen ist.

Jetzt läuft die Lizenz aus. Und obwohl VOA erneut seinen Anspruch auf die Frequenz angemeldet hat, ist plötzlich ein anderer Bewerber aufgetaucht. Das National Public Radio (NPR), eine angesehener privater Rundfunkbetreiber für Nachrichten- und Unterhaltungsprogramme, hofft den Platz auf der Berliner Sendeskala übernehmen zu können. Doch VOA will sich nicht kampflos geschlagen geben. Und der Sender hat mächtige Unterstützer.

"Auf 87,9 hat schon immer ein amerikanischer Sender ausgestrahlt", sagt Ingeborg Zahrnt von der Medienanstalt Berlin-Bandenburg. Ihre Behörde hat das letzte Wort im Frequenz-Streit und wird wahrscheinlich Anfang Dezember die Entscheidung bekannt geben. "Natürlich möchte die US-Regierung, dass Voice of America der Platz zugesprochen wird. Es ist schließlich ihr Sender. Das ist eine Frage, wie man sich selbst als Nation darstellen will."

Rückzug ist Programm

In den vergangenen Jahren jedenfalls haben sich die Vereinigten Staaten im Berliner Radio eher schlecht als recht in Szene gesetzt. Am 4. August 1945 begann die amerikanische Regierung damit, ein Programm in der deutschen Hauptstadt auszustrahlen. Das American Forces Network (AFN) ging damals "on air" - ein englischsprachiger Soldatensender, mit denen viele Berliner herzliche Erinnerungen verbinden. Auf AFN folgten schnell die BBC und Radio France International, und beide Stationen sind heute immer noch stark präsent.

Doch nach dem Fall der Mauer zogen die USA immer mehr Soldaten aus Europa ab. Parallel dazu sank das Interesse bei Teilen der amerikanischen Regierung, die Rundfunkaktivitäten in Europa weiterhin zu unterstützen. Die Zahl der Zuhörer ging zurück. Seit 1997 sendet Voice of America auf der Frequenz jede Stunde ein paar Minuten Nachrichten. Die restliche Zeit läuft ein Musikprogramm, das der Rock-Sender Star FM liefert - ein enormer Unterschied zur legendären AFN-Ära.

Die Vernachlässigung hat aber offensichtlich nicht den Eifer mindern können, mit dem die Vereinigten Staaten jetzt eine Verlängerung der Lizenz anstreben. Kritiker behaupten, die US-Regierung würde auftreten, als ob der Sendeplatz ihr Eigentum wäre. Zahrnt besteht jedoch darauf, dass der staatliche Druck auf ihre Behörde minimal sei: "Bush hat hier nicht angerufen oder so." Aber sie gibt zu, dass es "gewisse Leute in der Regierung gibt, mit denen wir reden".

Es liegt was in der Luft

Den Vorgängen in Washington nach zu urteilen ist der Druck jedoch alles andere als "minimal". Die Bush-Regierung wird zurzeit nicht müde, die Jahrzehnte währende Präsenz in der Berliner Rundfunklandschaft zu betonen. Darüber hinaus befinden sich einige ranghohe Regierungsmitarbeiter, die der Corporation for Public Broadcasting (CPB) in Washington vorstehen, seit einiger Zeit auf dem Kriegspfad mit National Public Radio.

Deren Aufgabe ist es, Steuergelder an Rundfunkanstalten zu verteilen. Und ausgerechnet NPR war in diesem Jahr von schmerzhaften Einschnitten betroffen. Die Geschäftsführung der Corporation teilte seinen Mitarbeitern in diesem Jahr außerdem mit, dass sie in Betracht ziehen sollten, Fördergelder von der NPR-Nachrichtensparte zum Musikprogramm umzuleiten.

Die Erklärung liegt auf der Hand: Viele Konservative in den USA, darunter einige hohe Verwaltungsangestellte der Bush-Regierung wie der ehemalige CPB-Chef Kenneth Y. Tomlinson, sehen in National Public Radio eine Bastion des "linksliberalen" Journalismus.

Tomlinson, der erst in diesem Monat zurückgetreten ist, zog sogar in Erwägung, das NPR mit wissenschaftlichen Mitteln öffentlich zu diskreditieren. Eine Studie sollte beweisen, dass National Public Radio übermäßig großen Zuspruch bei Arabern im Nahen Osten genießt. Andere CPB-Vorstandsmitglieder wussten davon nichts.

Kritische Welle - Welle der Kritik

Man kann einwenden, dass Voice of America alles andere ist als ein Sprachrohr der US-Regierung. In der Tat, zu seinen Glanzzeiten war der Sender eine verlässliche Informationsquelle, und seine Berichterstattung über das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens im Jahr 1989 fand weltweite Beachtung. Aber in den vergangenen Jahren hat das für alle Auslandsprogramme zuständige Broadcasting Board of Governors, dem Tomlinson ebenfalls vorsitzt, seine Schwerpunkte deutlich verlagert.

Im Jahr 2004 hat VOA ein arabischsprachiges TV-Programm ins Leben gerufen: al Hurra. Außerdem wurden zwei Rundfunksender gegründet: Radio Sawa für den Irak und Radio Farda für Iran. Zur selben Zeit stieg der Druck, die US-Regierung in einem positiven Licht dastehen zu lassen. So wurden die Betreiber der VOA-Website gezwungen, Bilder der Abu-Ghureib-Folteropfer aus dem Netz zu nehmen. Das VOA-Management hat einem Artikel in der Zeitschrift "Foreign Affairs" zufolge mehrmals gegen redaktionelle Beiträge protestiert, in denen Politiker der Demokratischen Partei zitiert wurden oder die sich kritisch mit der Bush-Regierung auseinander gesetzt hatten.

Bisher hat der Kampf um UKW 87,9 nicht viel Aufsehen in der Hauptstadt erregt. Was wohl daran liegt, dass die meisten Berliner eher BBC einschalten, wenn sie englischsprachige Nachrichten hören wollen. Kaum jemand denkt groß darüber nach, warum das amerikanische Radioangebot so ärmlich geworden ist. Aber: Eine gewisse Sehnsucht nach den guten, alten AFN-Zeiten scheint doch noch zu bestehen. "Ich glaube, dass NPR das Rennen machen wird", sagt David Knutson, Chef der "Bridgebuilders", einer politisch unabhängigen Vereinigung im Ausland lebender Amerikaner.

Viele ältere Berliner wünschten sich NPR als neuen amerikanischen Senderbetreiber in der Hauptstadt. "Nach allem, was ich bisher gehört habe, scheint es so zu laufen. Aber das Konzert ist nicht vorbei, ehe die dicke Dame zu singen beginnt. Und die dicke Dame ist in diesem Fall die Medienanstalt Berlin-Brandenburg."

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