Wegen Alkohol im Ramadan Unbekannte attackieren Radiohead-Fans in Istanbul

In Istanbul trafen sich junge Musikfans und hörten das neue Radiohead-Album. Plötzlich wurden sie von Unbekannten attackiert - angeblich, weil sie während des Ramadans Alkohol getrunken hatten.

Periscope/Velvet IndieGround Records

Die Stimmung war beschwingt, die jungen Leute lauschten "A Moon Shaped Pool", dem neuen Album der britischen Band Radiohead. Alles war friedlich, bis gegen 21 Uhr am Freitagabend mehrere Männer den Plattenladen Velvet IndieGround Records im Viertel Cihangir in Istanbul stürmten, die Musikfans nach draußen zerrten, schrien und offenbar handgreiflich wurden.

Von diesem Vorfall berichten Medien weltweit, und so zeigt es ein Video, das auf Youtube hochgeladen wurde und das die Attacke dokumentieren soll. Der Angriff ereignete sich demnach während eines weltweiten Streaming-Events des neuen Radiohead-Albums.

Nach eigenen Angaben wurden der Besitzer des Plattenladens sowie andere Besucher verprügelt, der Laden verwüstet. Es soll mindestens einen Verletzten gegeben haben.

Medienberichten zufolge sollen die Angreifer wütend gewesen sein, weil die jungen Leute in dem Plattenladen während des Fastenmonats Ramadan Alkohol tranken. Der Türkei-Korrespondent der "Welt", Deniz Yücel schreibt, das Video zeige, wie die Angreifer schreien: "Ihr Hundesöhne, ihr Ehrlosen". Einer rufe: "Ihr Bastarde", ein anderer: "Wir fackeln euch ab!" Ein Mann habe gebrüllt: "Ich ficke euch, ihr Ehrlosen. Wie kann man im Ramadan Alkohol trinken?"

Die Tat habe sich ausgerechnet nahe dem Stadtteil, der Inbegriff ist für das säkulare Leben in der Türkei, ereignet, schreibt Yücel. Bei den Angreifern handele es sich außerdem allem Anschein nach nicht um Salafisten oder Anhänger einer fundamentalistischen Sekte, sondern um Leute, die man wohl als "ganz normal" bezeichnen würde. Darum seien viele besonders schockiert. Die Islamisierung drohe auch auf "die letzten Nischen überzugreifen", so sähen es viele, schreibt der "Welt"-Journalist.

Radiohead reagierte bestürzt auf die Attacke. Dem Magazin "People" sagte die Band, sie sei in Gedanken bei den Opfern des Angriffs.

Ebenfalls am Freitag hatten die türkischen Behörden mit dem Verweis auf Sicherheitsbedenken ein Verbot der für Ende Juni geplanten Homosexuellen-Parade in Istanbul angekündigt. Die Gay Pride ist für den 26. Juni geplant, damit fällt sie in den muslimischen Fastenmonat Ramadan.

In einem Eintrag im Onlinenetzwerk Facebook kritisierten die Veranstalter das Verbot als "Verletzung der Verfassung und des Gesetzes". Die Gay Pride finde seit 2003 jedes Jahr am letzten Sonntag im Juni statt, um der Forderung nach Gleichberechtigung Homosexueller Gehör zu verschaffen, hieß es in dem Eintrag. Die Veranstalter warfen den Istanbuler Behörden vor, die Rechte der Bürger nicht zu schützen. Sie kündigten rechtliche Schritte an.

anr

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