"Räuber"-Premiere in Köln Dunkel war's, der Mord ging schnelle

In Köln zeigt der Regisseur Ersan Mondtag "Die Räuber" von Friedrich Schiller als Spukgeschichte - mit einer angehängten Polemik der Autorin Carolin Emcke gegen Rechtfertigungen von Hass.

Birgit Hupfeld

Als alles Klassikerblut vergossen, alle Familienkonflikte ungelöst und die Leichen in der mondlichtbeschienenen Bühnenlandschaft malerisch verteilt sind, spricht die großartige Schauspielerin Thelma Buabeng auf einer Videoleinwand einen Text von Carolin Emcke.

"Manchmal wäre es mir lieber, Gewalt käme unverkleidet daher, nackt, schonungslos, ohne diese Geschichten, mit denen sie als notwendig, als richtig, als humanitär, als gerechte Strafe ausgegeben wird", sagt sie, "ohne diese falschen Etiketten, die behaupten, die Verachtung sei patriotisch oder widerständig".

War Friedrich Schiller also ein großmäuliger Gewaltverklärer? Das Kölner Schauspiel hat am Freitagabend Schillers Schauspiel "Die Räuber" gezeigt, einen deutschen Klassiker. Das Stück erzählt eine Geschichte, in der es um diverse Versuche der Rechtfertigung von Gewalt geht.

Zwei unterschiedliche Brüder eines Vaters

Jeder der beiden Söhne des Grafen Maximilian von Moor, den in Köln der Schauspieler Bruno Cathomas als Tattergreis im schmutzigweißen Nachthemd spielt, fühlt in sich Grund zu Zorn und Mord und Totschlag.

Franz, dem jüngeren Sohn, wurde die väterliche Liebe verweigert, er wurde für seine unterlegene Intelligenz verhöhnt und wegen seines Mangels an Charme als "kalt" und "hölzern" verflucht.

Karl, der von Kindesbeinen an vom Vater mit übermäßiger Zuneigung manipulierte, empfindsam-kluge Erstgeborene, hat sich vor der Verhätschelung zuhause in ein Studentenlotterleben im fernen Leipzig geflüchtet; weil ihn der vom Bruder aufgehetzte Vater offenbar plötzlich verstoßen hat, beschließt er, die Verbrecherexistenz eines Räubers zu führen.

Frauen, die Männer spielen

Im Kölner Schauspiel werden die beiden feindlichen Brüder von zwei Frauen gespielt. Die Schauspielerin Sophia Burtscher ist "Franz, die Kanaille" (wie es im Stück heißt), trägt blonde Locken ums Haupt und ein violettfarbenes langes Seidenkleid am schmalen, hochaufgeschossenen Leib.

Die Schauspielerin Lola Klamroth stapft als Karl Moor gleichfalls groß und stolz in einem grünen Gewand auf die Bühne und trägt später beige Hosen zu schwarzen Stiefeln.

Beide Darstellerinnen verstehen sich prächtig auf Wutgebrüll und Degenschwingen. Das Objekt ihrer Begierde heißt Amalia und wird von dem äußerlich kompakten Schauspieler Jonas Grundner-Culemann als wimmerndes Häufchen Elend hingeschnieft. Die konsequente und nur manchmal komische Verdrehung der Geschlechterrollen ist an diesem Theaterabend Prinzip.

Dreieinhalb Stunden für einen Klassiker

Der Regisseur Ersan Mondtag lässt Schillers Sprache weitgehend unangetastet, seine Darstellerinnen und Darsteller sagen dreieinhalb Stunden getreulich den Text des vor mehr als 230 Jahren uraufgeführten Stücks auf - das ist eine der Überraschungen dieses Theaterabends, der keineswegs klassikerfromm sein will.

Der Regisseur hat Schillers Drama aus der Epoche des deutschen Sturm und Drang in eine schwarzromantische Spuk- und Geisterwelt verlegt. Die Rückwand der von Mondtag selbst entworfenen Bühne zeigt einen Vollmond über dunklen Tannen, links steht das Gruselschloss des Grafen Moor mit grotesken Ahnenporträts und glimmenden Wandleuchten, in der Bühnenmitte ist ein Wasserloch zu sehen, das wie eine Pferdetränke aussieht.

Kurz nach Beginn werfen sich die Frauen und Männer aus Karl Moors Räuberbande zu einem Initiationsritus in weißer Unterwäsche ins seichte Gewässer und verharren dort so starr, als lägen sie in einem Massengrab.

Surrealistische Waldesruh-Stimmung

Es ist eine geradezu surrealistische Waldesruh-Stimmung, die Mondtag hier beschwört. Der Ruf eines Käuzchens und leicht dissonante Streichermusik sind im Halbdunkel zu hören, Nebelschwaden wallen, vier mit Federhüten geschmückte schwarzbekleidete Todesbotinnen geistern durchs Gehölz und stimmen wiederholt das Schillersche Räuberlied an:

"Stehlen, morden, huren, balgen, heißt bei uns die Zeit zerstreu'n, morgen hangen wir am Galgen, drum lasst uns heute lustig sein."

Schillers Stück ist berühmt und ein bisschen berüchtigt als angebliches Freiheitsdrama. In Köln will man beweisen, dass es in Wahrheit weniger vom Konflikt zwischen Gesetzestreue und gerechtem Aufruhr als von Rache und jungmännerhaftem Gewaltrausch handelt.

Im Programmheft liest man, dass das Drama "die Ansprüche der Aufklärung zuspitzt und sie schließlich in Despotismus, Materialismus und Nihilismus münden lässt". Auf der Bühne wird daraus ein unbedingt staunenswertes, aber auch horrend langwieriges Atmosphäre-Arrangement. Mondtags Schauspielerinnen und Schauspieler sprechen Schillers Worte wahlweise in einem eingespielten Videofilm im Herbstwald des Elbsandsteingebirges und live im Grusicalsetting.

Atmosphäre ist alles, die Handlung Schall und Nebelrauch

Und so eifrig sie ihre Arbeit verrichten, so wenig Wert legt ihr Regisseur auf Plausibilität und psychologische Genauigkeit. Ob Amalias Leid oder der Streit im Räuberlager, alles wird hier im selben Ton abgehandelt - dunkel war's, der Mord ging schnelle; Atmosphäre ist alles, die Handlung Schall und Nebelrauch.

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"Die Räuber" in Köln: Gewalt war schon als Sturm-und-Drang-Kind scheußlich

Riesengroß steht im Dämmerlicht dieser "Räuber"-Aufführung eine Statue des alten Moor herum, die aussieht wie die Karikatur eines Lenin-Denkmals und lange einen Galgenstrick um den Hals trägt, bis sie endlich fällt.

Warum ausgerechnet der tattrige Graf Moor selbst die Statue zum Stürzen bringt, bleibt gründlich unbegreiflich - wie vieles an diesem mit großartigen Ideen, tollen Bildern und schönen Worten vollgestopften Theaterabend.

Es ist keine radikale Neudeutung eines kanonischen Texts, kein entschlossenes Schiller-Dementi, das Ersan Mondtag mit der Kölner "Räuber"-Seance gelingt, sondern ein eher diffuses Plädoyer zur Aussöhnung der zornigen Massen und der Geschlechter.

Es gelte "dem Autoritären zu widerstehen", formuliert Carolin Emcke in ihrem Epilog, der als "Monolog über die Freiheit" deklariert ist, "mit allen Körperlichkeiten, allem Geist, allem Witz, aller Vielfalt, und einem Wir, das durchlässig und wandelbar bleibt." Worte, die erst richtig deutlich machen: Ein bisschen mehr Witz und Spielwitz hätten dieser Aufführung nicht geschadet.


"Die Räuber". Schauspiel Köln, nächste Vorstellungen am 17., 24. und 27. März



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charlesdemasiado 16.03.2019
1. Der arme Schiller
Nun,Schiller kann sich ja nicht mehr wehren und das ist die eigentliche Tragik der Auffuehrung. Warum der Regiseur aus Maennern Frauen macht, bleibt ein Raetsel, das wohl nur durch massive Interpretation erklaerbar scheint, wobei, ein guter Text interpretiert sich von selber. Die Geschlechter zu versoehnen bedarf es auch nicht, denn Maenner fuehren keinen Krieg gegen Frauen, wohl eher umgekehrt , wenn ich mir all die weiblichen Hasstexte in der modernen sogenannten "Literatur" ansehe. Und wenn Carolin Emcke meint, es bedarf "einem Wir, das durchlässig und wandelbar bleibt", sind wir bereits bei der Geschlechtervielfalt und der Unverbindlichkeit. Aber Verbindlichkeiten sind die Kraefte, die alles zusammen haelt. Alles in allem wuerde ich mir eine solche Auffuehrung, auch wenn sie sich woertlich an Schiller haelt, niemals antun. Manchmal moechte und braucht der Mensch Autoritaeten, gerade wenn eine derartige widerspruechliche Vielfalt an Botschaften ueber ihn einstuerzt, wie es in den letzten 20 Jahren geschieht. Die "zornigen Massen" haben ihre Ursachen und sollen eben nicht ausgesoehnt werden zum Einheitsbreit moderner verquasteter Politik und Theaterinszenierungen. Da lobe ich mir immer noch Gruendgens der es nie noetig hatte den Faust zu modernisieren, sondern der durch Schauspielkunst ueberzeugte. Aber zu Zeiten da sich jeder Schauspieler oder Regiseur nennen darf.... Hinweis: Da ich auf einer spanischem Maschine schreibe, andere gibt es nicht wo ich lebe, habe ich keine Umlaute, ich btte dies zu entschuldigen.
The Independent 16.03.2019
2.
Zitat von charlesdemasiadoNun,Schiller kann sich ja nicht mehr wehren und das ist die eigentliche Tragik der Auffuehrung. Warum der Regiseur aus Maennern Frauen macht, bleibt ein Raetsel, das wohl nur durch massive Interpretation erklaerbar scheint, wobei, ein guter Text interpretiert sich von selber. Die Geschlechter zu versoehnen bedarf es auch nicht, denn Maenner fuehren keinen Krieg gegen Frauen, wohl eher umgekehrt , wenn ich mir all die weiblichen Hasstexte in der modernen sogenannten "Literatur" ansehe. Und wenn Carolin Emcke meint, es bedarf "einem Wir, das durchlässig und wandelbar bleibt", sind wir bereits bei der Geschlechtervielfalt und der Unverbindlichkeit. Aber Verbindlichkeiten sind die Kraefte, die alles zusammen haelt. Alles in allem wuerde ich mir eine solche Auffuehrung, auch wenn sie sich woertlich an Schiller haelt, niemals antun. Manchmal moechte und braucht der Mensch Autoritaeten, gerade wenn eine derartige widerspruechliche Vielfalt an Botschaften ueber ihn einstuerzt, wie es in den letzten 20 Jahren geschieht. Die "zornigen Massen" haben ihre Ursachen und sollen eben nicht ausgesoehnt werden zum Einheitsbreit moderner verquasteter Politik und Theaterinszenierungen. Da lobe ich mir immer noch Gruendgens der es nie noetig hatte den Faust zu modernisieren, sondern der durch Schauspielkunst ueberzeugte. Aber zu Zeiten da sich jeder Schauspieler oder Regiseur nennen darf.... Hinweis: Da ich auf einer spanischem Maschine schreibe, andere gibt es nicht wo ich lebe, habe ich keine Umlaute, ich btte dies zu entschuldigen.
Solche Aufführungen müssen ja nicht per se schlecht sein, wie hier der Artikel belegt, auch wenn der Autor des Artikels betont, dass "ein bisschen mehr Witz und Spielwitz" der Aufführung nicht geschadet hätten. PS: Warum lassen Sie sich keine deutsche Tastatur schicken? Die kann man auch an einer "spanischen Maschine" betreiben.
Newspeak 16.03.2019
3. ....
Ich frage mich ja immer, weshalb Schauspieler in "modernen" Inszenierungen immer (halb-)nackt auftreten müssen? Warum bemüht man sich um ein klassisches Bühnenbild, und ist dann bei den Kostümen nicht mehr konsequent? Auch im Hinblick auf übergriffiges Verhalten wäre eine Entsexualisierung des Schauspielberufs angebracht. Nackte Haut dort, wo es Sinn macht.
charlesdemasiado 17.03.2019
4. Deutsche Tastatur
Zitat: "The Independent "PS: Warum lassen Sie sich keine deutsche Tastatur schicken? Die kann man auch an einer "spanischen Maschine" betreiben.!" Danke fuer den Hinweis. Ich lebe seit ca. 30 Jahren in Lateinamerika und habe einen Laptop bei dem es nur englische und spanische Schreibmoeglichkeiten gibt. Ich muesste mir einen anderen Laptop kaufen, aber solange der hier funktioniert.... Nochmal zum Theater: Das Theater war und ist schon immer in der Krise. Und die heutigen Regiseure (soweit ich es mitbekomme !) versuchen krampfhaft etwas neues zu machen. Theaterspielen heisst, das weisse im Auge des Zuschauers sehen....sich also dem Zuschauer anzunaehern und nicht umgekehrt , dass der Zuschauer erahnen muss, was der Regiseur einem sagen will....in den alten Theatertraditionen, wie etwa "La Mama" aus Italien fuhren die Darsteller mit dem Planwagen in die Doerfer, trieben sich dort rum und hoerten einfach hin wo die Probleme der Bevoelkerung liegen, und das stellten sie dann mit einfachen Mitteln szenisch nach. So konnte sich der Zuschauer identifizieren. Wenn ich mir einige Filme ansehe, adaptionen von Shakespeare etwa, King Lear oder MacBeth, schaudert mir. Es muss heute alles sexualisiert und brutalisiert sein. Oder man hauft halt Leichen auf, stapelt sie, legt sie in Anfallgruben ect. Und am Ende, die allergroesste Katastrophe, wird die Buehne missbraucht zum Agitprop a la feministisches oder auch sozialistisches Manifest. Was hat eine Carolin Emcke mit Schiller zu tun? Davon abgesehen gibt es keine "nackte Gewalt", denn jegliche Agression und Gewalt hat ihren Hintergrund (man lese Prof. Arno Plack) , und den mochte die Dame Emcke ausgeklammert sehen. Ach es waere soviel zu diesen angeblich modernen Auffuehrungen zu sagen. Und nebenbei ein Lob an den Rezensenten: mir hat seine Ausfuehrung sehr gefallen.
charlesdemasiado 17.03.2019
5. Nachtrag
Zitat von Newspeak : "Auch im Hinblick auf übergriffiges Verhalten wäre eine Entsexualisierung des Schauspielberufs angebracht. " Das geht nicht. Theaterspielen ist Erotik, schon immer gewesen, Sinnlichkeit, ist Koerperlichkeit. Das lernt man auf jeder Schauspielschule. Diese erotische Spannung sollte sich auf den Zuschauer uebertragen, ihn fesseln. Wenn allerdings ein unsensibler Regiseur nicht den Unterschied zwischen Erotik und Sexualitaet kennt....ja dann huepfen alle nackt und sinnlos auf der Buehne....
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