RAF-Ausstellung "Es geht nicht um Wahrhaftigkeit"

Mit einem Jahr Verspätung eröffnet die umstrittene Berliner Ausstellung über die Rote Armee Fraktion. Mehr als 100 Arbeiten teils prominenter Künstler werden in der Schau gegen zeitgenössische Medienberichte gestellt. Es gehe um die Macht der Bilder, betonte Kurator Klaus Biesebach, nicht um Glorifizierung der Terroristen.


Journalist bei der Presse-Besichtigung: "Es ist eine Kunstausstellung und keine über die RAF"
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Journalist bei der Presse-Besichtigung: "Es ist eine Kunstausstellung und keine über die RAF"

Berlin - Von allen Seiten starren sie mit großen Augen. Unter den Porträts stehen ihre Namen: Hanns-Martin Schleyer, Jürgen Ponto, Alfred Herrhausen, Detlev Karsten Rohwedder - alles Opfer der RAF. Ein Bild zeigt auch den bei einem Polizeieinsatz getöteten Terroristen Wolfgang Grams. Die Installation "Die Toten" von Hans-Peter Feldmann zeigt insgesamt 90 Menschen, die im Zusammenhang mit der RAF ums Leben kamen.

Das Werk ist ein zentraler Teil der umstrittenen Ausstellung "Zur Vorstellung des Terrors: Die RAF", die morgen in der Berliner Galerie Kunst-Werke eröffnet wird. Auch sieben Jahre nach ihrer Selbstauflösung ist die Rote Armee Fraktion noch ein Reizthema. Bereits im Sommer 2003 kam es zu heftigen Protesten, als ein unautorisiertes Konzept der Galerie in die Öffentlichkeit gelangte und Kritiker den Initiatoren daraufhin vorwarfen, Terroristen so zu Pop-Ikonen zu machen. Nach einer kontroversen Debatte in den Medien überarbeitete Kunst-Werke-Gründer Klaus Biesenbach den Entwurf, verschob den Start um ein Jahr und verzichtete auf öffentliche Förderung, um staatlicher Einflussnahme zu entgehen.

Kurator Ensslin: "Kunst braucht Freiräume"
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Kurator Ensslin: "Kunst braucht Freiräume"

Mit dieser Geschichte im Hintergrund geriet die Pressekonferenz vor weit über 100 Medienvertretern zu einem Spektakel - passend inszeniert im Theater von Frank Castorfs Volksbühne. "Es ist eine Kunstausstellung und keine über die RAF", betonte Biesenbach immer wieder. Sie habe keine politischen Ambitionen und sei auch nicht historisch angelegt. Den von den Medien produzierten Bildern über die RAF werde Kunst entgegengesetzt, um so eine andere Form der Zeitzeugenschaft sichtbar zu machen. Ziel sei es, einerseits die Reflexionen zur RAF in den Medien und andererseits die künstlerischen Positionen, die sich mit der Geschichte der RAF auseinander setzten, erstmalig gemeinsam zu präsentieren.

Insgesamt sind mehr als 100 Arbeiten von 50 Künstlern zu sehen, die sich seit den siebziger Jahren mit der Roten Armee Fraktion beschäftigt haben. Unter den Künstlern finden sich Prominente wie Gerhard Richter, Joseph Beuys, Martin Kippenberger, Sigmar Polke, Klaus Staeck und Jörg Immendorff - insgesamt drei Künstlergenerationen, die Arbeiten zur RAF gestaltet haben. Ihnen gegenüber gestellt ist eine "mediale Zeitleiste": Sie dokumentiert anhand von Zeitungsausschnitten und Fernsehnachrichten, wie die Medien auf die RAF reagierten, beispielsweise auf den Selbstmord von Ulrike Meinhof oder die Ermordung von Arbeitgeberpräsident Schleyer. Die Mehrzahl der Arbeiten beschäftigt sich mit den Tätern. Eindrucksvoll ist Gerhard Richters Arbeiten aus dem berühmten RAF-Zyklus, in der er unscharfe Fotos von Andreas Baader und Ulrike Meinhof zeigt und so darauf aufmerksam macht: Die Wahrnehmung der medial erzeugten Realität kann vielschichtig sein und sollte hinterfragt werden.

Berühmtes Schleyer-Foto: Keine Angst vor Glorifizierung
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Berühmtes Schleyer-Foto: Keine Angst vor Glorifizierung

Auf hohen Betonstelen, auf die die Namen von Terroristen gemalt sind, stehen abgeklemmte Autobatterien. "Entladung der Militanz" nennt Rudolf Herz sein Werk. Und von Joseph Beuys sind zwei Schilder zu sehen, die in Pantoffeln stecken. "Dürer, ich führe persönlich Baader + Meinhof durch die Dokumenta V" ist auf ihnen zu lesen.

Es gibt aber auch Arbeiten, die sich mit den Opfern der RAF beschäftigen. Ein Ölgemälde von Felix Droese zeigt eine kaputte Landschaft, auf die die Namen von Schleyer, Ponto, Herrhausen und Buback gepinselt sind. Von Marcel Odenbach stammt das berühmte Bild von Schleyer, in der er das Schild "Gefangener der RAF, 6.9.1977" in der Hand hält. Die RAF-Opfer seien keinesfalls vergessen worden, sagte Co-Kurator Felix Ensslin, 37, dessen Mutter Gudrun Ensslin Mitbegründerin der RAF war. Die Angst vor einer Glorifizierung der RAF sei völlig unbegründet: "Es geht in dieser Ausstellung nicht um Wahrhaftigkeit", betonte Ensslin, der als Dramaturg am Deutschen Nationaltheater in Weimar arbeitet. Kunst brauche Freiraum, wo auch Kontroversen ausgetragen werden dürften. Die Ausstellung ermögliche eine Auseinandersetzung mit der Macht der Bilder.

Für die Öffentlichkeit wird die Ausstellung am Sonntag zugänglich. Sie ist bis zum 16. Mai in den Kunst-Werken zu sehen. Danach wandert sie in die Neue Galerie am Landesmuseum Joanneum in Graz. Zur Ausstellung ist ein knapp tausendseitiger Katalog (Steidl Verlag, Göttingen) erschienen.

Holger Mehlig, AP



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