RAF-Bewältigung Schweigen im Packeis

Die heftige Diskussion über die Begnadigung der letzten RAF-Terroristen ist eine Debatte um die Aufklärung des deutschen Terrors. Der Ruf nach Versöhnung und Schlussstrichen kommt zu früh: Neun RAF-Morde sind noch ungelöst - Sympathisanten und Mitwisser von damals schweigen noch immer.

Von Reinhard Mohr


Wir sind schon ein komisches Völkchen, wir Deutschen. Seit Tagen geht es lauthals und in aller Medienöffentlichkeit um die Begnadigung beziehungsweise Freilassung von zweien der letzten vier RAF-Gefangenen. Wie aus dem Nichts wird der deutsche Linksterrorismus mit seinem Höhepunkt im "Deutschen Herbst" 1977 so gegenwärtig und lebendig, als sei das alles eben erst passiert. Unmittelbar nach den Uschi-Obermaier-Festspielen erleben wir nun den RAF-Retro-Rummel.

Zellentrakt in der JVA Bruchsal, Gefängnis von Christian Klar: Das große Schweigen
AP

Zellentrakt in der JVA Bruchsal, Gefängnis von Christian Klar: Das große Schweigen

Im gleichen Augenblick reden viele davon, es müsse jetzt aber endlich einmal Schluss sein mit dieser unseligen Geschichte. Die Haftentlassung von Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar, zwei der skrupellosesten und fanatischsten Überzeugungstäter der "Rote Armee Fraktion", diene deshalb in gewisser Weise einer Versöhnung der Gesellschaft mit sich selbst. Dies wäre zugleich eine Art politisch-moralischer Schlussstrich unter die Vergangenheit. Ein historischer Abschluss.

In Talkshows und Titelgeschichten werden die Argumente hin und her gewendet. Glaubt man den Umfragen, ist die Mehrheit der Bevölkerung gegen eine vorzeitige Freilassung der RAF-Häftlinge, während die Repräsentanten der politischen und intellektuellen Elite, im Namen rechtsstaatlicher Prinzipien, eher dafür sind.

Doch bei vielen, die stets für Recht und Freiheit und gegen populistische Stimmungen sind, bleiben Bauchschmerzen, auch wenn sich niemand ernsthaft vorzustellen wagt, was es heißt, das halbe Leben in der Zelle verbracht zu haben.

Gerade bei ehemals linken Staatsfeinden, die inzwischen gelernt haben, den Rechtsstaat zu lieben, gibt es politisch-psychologische Vorbehalte gegen die grassierende Schlussstrichmentalität, die man im anderen Zusammenhang stets aufs Äußerste bekämpft hat.

Auch wenn die Unvergleichbarkeit mit dem Nazi-Terror auf der Hand liegt, der nach 1945 nur allzu oft ungesühnt blieb: Die 34 Todesopfer der RAF, die Hunderten von Verletzten, Lebenszerstörten und Hinterbliebenen sind nicht gerade ein Argument dafür, das Geschehene nun endlich in Frieden ruhen zu lassen.

Wir sind noch nicht fertig

"Wenn's der Wahrheitsfindung dient..." - die berühmt-berüchtigte Reaktion von Fritz Teufel auf die strenge Anweisung eines Richters, sich im Gerichtssaal von den Plätzen zu erheben, hat ihre Aktualität nicht verloren. Immer noch geht es um die Wahrheit, so schwer sie auch zu finden sein mag inmitten all der Mythen, Rituale und Symbole. Und um Aufklärung, um Aufklärung im doppelten Sinne: Kriminalistisch-juristisch und politisch.

Vor allem aber: Um Aufklärung gegen das Vergessen, gegen Beschönigung und Verdrängung. Und gegen einen moralischen Relativismus, den wir schon aus der DDR-Stasi-Debatte kennen.

Bettina Röhl, deren Mutter Ulrike Meinhof sich am 9. Mai 1976 in ihrer Stammheimer Zelle das Leben nahm, wies zu Recht darauf hin, dass jene Reue, die nun von den Ex-Terroristen gefordert wird, in Wahrheit Aufklärung sei: Aufklärung über die Taten, aber auch Selbstaufklärung der Mörder darüber, wie sie zu denen wurden, die sie sind, nicht zuletzt: Aufklärung der Gesellschaft.

Gerade die gegenwärtige Erregung zeugt davon, dass wir offenbar noch nicht fertig geworden sind mit den traumatischen Ereignissen. Die bisherige Weigerung von Christian Klar und Brigitte Mohnhaupt, wenigstens gegenüber den Opfern ihrer Mordtaten, wenn schon nicht in aller Öffentlichkeit, selbstkritisch Rechenschaft abzulegen, ist ja nur die Spitze der Verdrängung. Immerhin kann man den jahrzehntelang gefangen Gehaltenen psychologisch zubilligen, dass eine rückhaltlose Vergegenwärtigung ihrer dramatischen Irrtümer womöglich den endgültigen Selbstmord, den völligen psychischen Zusammenbruch nach sich zöge.

"Mensch oder Schwein, Sieg oder Tod!"

Das Packeis des großen Schweigens der RAF über sich selbst aber bedeckt einen ganzen weißen Kontinent, den Tausende bevölkern. Darunter sind nicht zuletzt jene, die damals in den "Solidaritäts"-, "Anti-Folter"- und "Hungerstreik-Komitees" aktiv waren und alle, auch linke Kritiker der RAF als Verräter, Agenten der "Counterinsurgency" und Vertreter des "Schweinesystems" beschimpften. In diesen Kreisen, die in den siebziger Jahren von Staatsseite zuweilen als "Sympathisanten" bezeichnet wurden, gab es nur eine einzige Moral: die der größten und "konsequentesten" Radikalität, die Moral der unbedingten "revolutionären" Tat, die absolute Moral der Märtyrer.

Ein Sinnbild dieses Wahns war das schreckliche und in der Szene mit revolutionärem Ingrimm verbreitete Foto des verhungerten, völlig abgemagerten Holger Meins, von dem die Worte überliefert sind: "Mensch oder Schwein, Sieg oder Tod!"

Wer damals etwa im Hörsaal VI der Frankfurter Johann Wolfgang Goethe-Universität auf dem Podium neben diesem oder jenem jungen RAF-Anwalt saß, brauchte schon ziemlich viel Mut, um dezent darauf hinzuweisen, dass auch Chauffeure und Personenschützer von Arbeitgeberpräsidenten ein gewisses Recht auf Leben hätten.

Von all diesen Maulhelden des bewaffneten Kampfes hört man so gut wie nichts mehr. Die großen Ankläger von einst sind sehr still geworden, nicht viel anders als ihre Väter, denen sie das faschistoide Schweigen beim Sonntagsbraten vor die Füße warfen und auf die Teller spuckten. Eine Gruppe um das Ex-RAF-Mitglied der ersten Generation, Irmgard Möller, behauptet bis heute in mythischer Verblendung, die Selbstmorde von Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe am 18. Oktober 1977 seien in Wahrheit ein staatliches Mordkomplott gewesen.

Natürlich gibt es inzwischen - neben Stefan Austs Standardwerk "Der Baader Meinhof Komplex" - eine ganze Reihe hervorragender zeitgeschichtlicher Werke über die RAF, unter anderen von Gerd Koenen, Butz Peters und Wolfgang Kraushaar (der jüngst noch eine hoch interessante, 1400-seitige Anthologie mit 60 Beiträgen zum linken Terrorismus vorgelegt hat), die allesamt den Mythos RAF in seine äußerst deprimierenden Einzelteile zerlegen.

Doch nur sehr wenige der ehemaligen RAF-Mitglieder wie Astrid Proll, Klaus Jünschke, Susanne Albrecht, Silke Maier-Witt und Birgit Hogefeld, haben wenigstens im nach hinein einigermaßen klar politische Irrtümer und moralisch schuldhaftes Verhalten eingestanden. Die Mehrheit der längst wieder in Freiheit lebenden einstigen Terroristen allerdings hat sich, wie der Schleyer-Entführer, Buback-Attentäter und Polizistenmörder Knut Folkerts, der jetzt in einer Hamburger Logistikfirma die Geschäftsbücher führt, in eine unauffällige bürgerliche Existenz zurückgezogen.

Kein Hauch des Bedauerns

Noch Ende Mai 1997, zwanzig Jahre nach dem "Deutschen Herbst", brachte Karl-Heinz Dellwo, RAF-Mitglied der "zweiten Generation", die RAF-Ideologie noch einmal auf den Punkt. Auf einem denkwürdigen Veteranentreffen in der "Roten Fabrik" in Zürich, bei dem auch Knut Folkerts auf dem Podium saß - Titel der Veranstaltung: "Revolte, Militanz, Revolution - Zwischenberichte" - sagte er, der Mord an dem früheren Chef der "Treuhandgesellschaft", Detlev Karsten Rohwedder, im Jahr 1991 sei der Versuch gewesen, "einen sozialen Bezug aufzunehmen". Einen sozialen Bezug. Wahrscheinlich "ein Stück weit" und "irgendwie".

Einen sozialen Bezug sucht Karl-Heinz Dellwo, der sich laut TV-Programmankündigung vorgestern Abend bei Bärbel Schäfer im Nachrichtensender "N24" zur aktuellen Debatte hätte äußern sollen, noch heute. Inzwischen allerdings nicht mehr im speziellen Bezugsrahmen der RAF, sondern als Mitglied des Hamburger "Sozialforums gegen Hartz IV". Dort will er immer noch die "innere Logik des Kapitals" brechen und für eine "Systemalternative" kämpfen.

Am 25. April 1975 hatte Dellwo im Kampf für eine Systemalternative noch mit fünf Komplizen die deutsche Botschaft in Stockholm überfallen, Geiseln genommen und die Befreiung von RAF-Genossen aus deutschen Gefängnissen gefordert. Als sich die schwedische Polizei weigerte, vom Gebäude abzuziehen, befahlen Dellwo & Co. dem Militärattaché Andreas Baron von Mirbach, "mit gefesselten Händen auf den Flur zu treten" - so beschreibt Stefan Aust die makabre Szene. "Dann schossen sie. In Kopf, Brust und Bein getroffen, brach der Oberstleutnant zusammen." Stunden später wurde der 64-jährige Wirtschaftsattaché Hillegaart ähnlich grausam ermordet. Kurz vor Mitternacht erschütterte eine vom RAF-Kommando versehentlich ausgelöste Explosion das Botschaftsgebäude. Ergebnis: Viele verletzte, teils schwer verbrannte Geiseln, zwei tote RAF-Terroristen.

Bis heute sind neun Morde der letzten RAF-Terroristen aus der sogenannten "dritten Generation" unaufgeklärt - unter anderem an dem Manager Ernst Zimmermann 1985, dem US-Soldaten Edward Pimental (der nur wegen seines Passes erschossen wurde), dem Siemens-Vorstand Karl-Heinz Beckurts und seinem Fahrer Eckhard Groppler, Gerold von Braunmühl, Deutsche-Bank-Vorstandssprecher Alfred Herrhausen und "Treuhand"-Chef Detlev Karsten Rohwedder. "Wie und wo die dritte "Generation" seit Herbst 1985 lebte, liegt heute noch immer komplett im Dunkeln", resümiert RAF-Biograph Butz Peters.

"Heute beenden wir dieses Projekt, weil wir auf diesem Weg nicht durchkommen konnten", hieß in dem achtseitigen Papier, mit dem die RAF 1998 offiziell ihre Auflösung bekannt gab. 26 "Genossen" werden in der Totenehrung feierlich erwähnt, die im bewaffneten Kampf "alles gegeben" haben und "in ihm gestorben sind". Kein Wort über die 34 anderen Opfer des bewaffneten Kampfes, kein Wort an die Angehörigen, kein Wort an die lebenslang Verstümmelten. Kein Hauch irgendeines Bedauerns.

Was es denn zur Wahrheitsfindung beitrage, wenn sich die RAF-Kämpfer von einst nun offenbarten, fragte Julia Albrecht, Schwester des früheren RAF-Mitglieds Susanne Albrecht, vor wenigen Tagen an dieser Stelle. Vielleicht könne man ja "das Kapitel RAF, das die Bundesrepublik wie kaum ein anderes in den siebziger und achtziger Jahren in Atem hielt, nur lautlos zu Ende bringen". Mit Verlaub: Die aktuelle Debatte, die nur der Auftakt des durchaus bizarren Jubiläumsjahres "30 Jahre Deutscher Herbst" sein dürfte, spricht nicht gerade dafür.

Und wir werden wohl kaum allzu lange darauf warten müssen, bis Brigitte Mohnhaupt, Christian Klar oder andere RAF-Veteranen ihr steinernes Herz bei "Kerner", "Beckmann" oder "3 nach 9" ausschütten. Wenn das kein Grund für Bauchschmerzen ist.

Ein Trost bleibt. Ob laut oder leise - wir Deutsche sind und bleiben die unbestrittenen Weltmeister der Vergangenheitsbewältigung.

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.