RAF-Debatte "Begnadigt wird nicht die Tat, sondern der Mensch"

Zwei Filme drehte Volker Schlöndorff über den deutschen Herbst. In der Debatte um die Freilassung der Ex-Terroristen Christian Klar und Brigitte Mohnhaupt plädiert der Filmregisseur und RAF-Experte für Gnade: Es gehe nicht darum, ihnen ihre Taten zu verzeihen.

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"Begnadigt wird ja nicht die Tat, sondern der Mensch, der sie begangen hat. Die Tat bleibt Mord", sagte Schlöndorff, 67, der zwei Spielfilme zum Thema RAF und ihre Folgen gedreht hat: "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" (1975, nach dem Roman von Heinrich Böll) und "Die Stille nach dem Schuss" (2000, über eine Terroristin, die in der DDR untertaucht). "Es geht nicht um Verzeihen, sondern darum, dass die Täter den Rest ihres Lebens in einer Zwei-Zimmer-Wohnung verbringen und nicht im Knast", stellte der Oscar-Preisträger ("Die Blechtrommel") gegenüber dem SPIEGEL klar.

Regisseur Schlöndorff: "Froh, dass es noch eine Volksseele gibt"
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Regisseur Schlöndorff: "Froh, dass es noch eine Volksseele gibt"

Das Oberlandesgericht Stuttgart prüft derzeit einen Antrag von Brigitte Mohnhaupt, sie vorzeitig zur Bewährung freizulassen. Mohnhaupt sitzt seit 1982 im Gefängnis, unter anderem wegen ihrer Beteiligung an den Morden an Generalbundesanwalt Siegfried Buback, Bankchef Jürgen Ponto und Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer. Christian Klar, ebenfalls seit 1982 wegen der Morde hinter Gittern, hat ein Gnadengesuch beim Bundespräsidenten gestellt. Seit Tagen tobt deshalb, knapp 30 Jahre nach dem mörderischen "Deutschen Herbst" 1977, eine Debatte über Schuld und Sühne, Rache und Gerechtigkeit.

Dass Schlöndorff eher unpopuläre Ansichten vertritt – in einer Umfrage für den SPIEGEL sprachen sich vergangene Woche 71 Prozent der Befragten gegen eine vorzeitige Entlassung von Klar aus –, nimmt er in Kauf. "Ich bin ja froh, dass es noch eine Volksseele gibt – und dass sie ab und zu kocht. Die totale Gleichgültigkeit wäre bedauerlich", meint der Regisseur, der mit Volkes Zorn sehr eigene Erfahrungen gemacht hat: Ein CSU-Abgeordneter durfte ihn in den siebzigern Jahren ungestraft als "hauptverantwortlichen Informationsstrategen der RAF" verleumden, unter anderem, weil Schlöndorff damals im Beirat eines Rechtshilfefonds für die Baader-Meinhof-Gruppe saß.

Den "anhaltenden Schrei nach Rache" erklärt er sich damit, dass die ehemaligen Terroristen "dafür bestraft werden sollen, dass das Volk einmal vor ihnen gezitterrt hat." Vorbedingungen für eine Freilassung von Mohnhaupt und Klar, etwa öffentliche Reue, lehnt Schlöndorff ab. "Ich würde Reue aus Anstand erwarten, aber ich würde sie nicht zur Vorbedingung machen, weil das der Scheinheiligkeit Tür und Tor öffnen würde", glaubt Schlöndorff. Denn "mit der menschlichen Schuld müssen die Täter allein fertig werden. Die kann ihnen auf dieser Welt niemand abnehmen."



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