RAF-Gemälde in Berlin: Wenn Terroristen-Bilder verwischen

Von Marco Dettweiler

Mit der Ausstellung "Das MoMA in Berlin" kehrt der umstrittene RAF-Zyklus des Malers Gerhard Richter nach Deutschland zurück. Der Künstler rechnet fest damit, dass Politiker ihm und anderen Künstlern vorschreiben werden, wie sie mit der Vergangenheit umzugehen haben.

RAF-Zyklus von Gerhard Richter in der Nationalgalerie: "Die Bilder sind Vergangenheit"
REUTERS

RAF-Zyklus von Gerhard Richter in der Nationalgalerie: "Die Bilder sind Vergangenheit"

Im Auftrag der Neuen Nationalgalerie wurden die Terroristen-Bilder von New York nach Berlin in verschiedenen Flugzeugen überführt. Bodyguards haben die Gemälde begleitet. Mit dabei sind die Köpfe der ersten Generation der RAF: Andreas Baader und Ulrike Meinhof. Gerhard Richters fünfzehnteiliger Bilderzyklus "18. Oktober 1977" mussten die Begleiter ebenso schützen wie weltberühmte Kunstwerke von Picasso, Monet, Chagall, Duchamps, Hopper, Van Gogh und Pollock.

Die Schwarz-Weiß-Gemälde deutscher Terroristen, gemalt vom bedeutendsten deutschen Maler der Gegenwart, kehren erstmals nach sieben Jahren nach Deutschland zurück. Gerhard Richter hatte seinen Bilderzyklus 1995 an das MoMA in New York für drei Millionen Mark verkauft. Zwei Jahre später war die Gemäldefolge das letzte Mal in Deutschland zu sehen. Kritiker waren damals der Meinung, dass er dadurch "eines der ungelösten Traumata der Nachkriegszeit gleichsam durch Export unschädlich machte" ("Frankfurter Allgemeine Zeitung"). Richter sagte gegenüber SPIEGEL ONLINE, es sei auch nach wie vor gut, dass sich "18. Oktober 1977" im New Yorker MoMA befände. Dem 72-Jährigen tue es leid, "dass die Bilder immer noch nicht unvoreingenommen angesehen werden können".

Es sind 16 Jahre vergangen, seit Richter 1988 den Zyklus fertig stellte. Die heftige Kritik an seinem Werk begann schon, als er die Bilder ein Jahr später, 1989, erstmals im Haus Esters in Krefeld der Öffentlichkeit zugänglich machte. Danach stellte das Frankfurter Portikus den Zyklus aus. Auch nach dem Ortswechsel riss die Diskussion nicht ab, ob durch das Kunstwerk mordende Terroristen glorifiziert werden oder ob Richter versucht hat, dem Phänomen des Terrorismus durch seine Kunst näher zu kommen und so gegebenenfalls besser verstanden hat. Als die Gemäldefolge innerhalb Frankfurt ins Museum für Moderne Kunst verlegt wurde, erreichte die Debatte dann ihren Höhepunkt.

Der "Bullshit Artist" ("New Republic") überließ dem damals neu gegründeten Museum die 15 Bilder als Dauerleihgabe. Das ging einem der Förderer des Museums zu weit. Die Dresdner Bank, deren ehemaliges Vorstandsmitglied Jürgen Ponto von der RAF ermordet wurde, zog sich aus Protest aus dem Förderkreis des Museums zurück. Richters Werke seien "einseitig" und "sparen die Tragödie der Opfer aus." Aus kunsthistorischer Sicht hat der Maler allerdings nur das getan, was er auch in anderen Arbeiten versucht hat: Etwas darzustellen, was schon einmal abgebildet wurde. Vorlage für "18. Oktober 1977" waren unter anderem Polizeifotos von Ulrike Meinhof.

Ab heute ist "eines der zentralen Werke einer politischen Kunst" ("FAZ") nun in der Neuen Nationalgalerie zu sehen. Bis jetzt hat sich über Richters RAF-Referenzen niemand aufgeregt. Der in Köln lebende Künstler hat jedoch Bedenken: "Zum einen ist das sehr schmeichelhaft, weil man mit all den anderen großen Künstlerin ausgestellt wird. Zum anderen ist es auch belastend, weil die Bilder wieder eine gereizte Diskussion auslösen können."

Kritik im Vorfeld der Ausstellung, die sich gegen ihn persönlich richtet, blieb Richter erspart. Vorwürfe wurden meist gegen Peter Raue laut, dem Vorsitzenden des Berliner Vereins der Freunde der Nationalgalerie. Raue hatte die Wanderausstellung des MoMA New York für viel Geld nach Berlin geholt. Um die Ausgaben von 8,5 Millionen Euro wieder reinzuholen, müssen mindestens 700.000 Kunstinteressierte ein Ticket lösen. Die Veranstalter geben sich optimistisch, sie erwarten sogar bis zu einer Million Zuschauer.

Der RAF-Bilderzyklus kommt nun zufällig zu einem Zeitpunkt nach Berlin, an dem die Köpfe einiger Politiker noch rot glühen, weil sie in den vergangenen Monaten wegen eines anderen Terroristenthemas heiß diskutiert haben. Auch hier geht es um die Rote Armee Fraktion. In den "Kunstwerken" in Berlin findet im Winter 2004/2005 eine Ausstellung mit dem Titel "Mythos RAF" statt. Angehörige der RAF-Opfer befürchten, dass die RAF - wie schon der Titel vermuten lassen könnte - durch die Ausstellung glorifiziert wird. Daraufhin setzten sie Politiker unter Druck, weil der Hauptstadtkulturfonds das Projekt mit 100.000 Euro fördern wollte.

Ergebnis der Empörung: Die "Kunstwerke" hätten nur das Geld gekriegt, wenn sie ihr Konzept geändert hätten und sich durch die Bundeszentrale für politische Bildung beraten ließen. Und dass, obwohl Kulturstaatsministerin Christina Weiss den Zuschuss bereits zugesagt hatte. Reaktion der "Kunstwerke": Während das Projekt aufgrund des politischen Drucks ein zweites Mal geprüft wurde und das Ergebnis offen war, zog Klaus Biesenbach, der Leiter der "Kunstwerke", den Antrag zurück. Die Ausstellung findet nun ohne staatliche Hilfe statt.

Gerhard Richters RAF-Zyklus ist nicht Teil der Ausstellung. Der Künstler zeigte sich gegenüber SPIEGEL ONLINE erleichtert: "Ich bin heilfroh, dass ich nichts mit der Ausstellung zu tun habe. Meine Bilder haben mit dem Konzept der Ausstellung nichts zu tun." Er will sich auch gar nicht mehr mit "18. Oktober 1977" auseinandersetzen. "Das ist 16 Jahre her. Ich habe mittlerweile völlig andere künstlerische Interessen." Ganz entziehen kann er sich dennoch nicht. Er spüre es, "dass die Bilder wieder provozieren werden. Es ist immer noch ein Reizthema".

Wenn die erwarteten Zuschauer auf die "MoMA in Berlin" kommen, dann werden eventuell eine Million Menschen an den verschwommenen und grauen Darstellungen der RAF-Terroristin Meinhof vorbeiziehen. Einer davon wird Gerhard Richter sein. Er werde sich die Ausstellung anschauen, sagt der 72-Jährige. "Ich werde aber anonym hingehen". Dann wird er sich die Reaktionen in aller Ruhe ansehen können.

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