RAF-Todesmasken Dem Terror ins Gesicht sehen

Nur eine Nacht nach ihrem Selbstmord hat der Bildhauer Gerhard Halbritter die Totenmasken der RAF-Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe angefertigt. Nun will sie Kunsthändler Andreas Albrecht an ein Museum geben.

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Zinnowitz - Nie zuvor hat Andreas Albrecht mehr öffentliche Aufmerksamkeit erhalten als für seine jüngste Erwerbung. Seit am Wochenende die Nachricht vom Auftauchen der Totenmasken der RAF-Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe die Runde machte, klingelt das Telefon in der kleinen Kunsthandelsfiliale von Albrecht in der Zinnowitzer Waldstraße fast ununterbrochen.

Die Reaktionen seien unterschiedlich, sagt der 43-Jährige, der eigentlich mit Kunstwerken von der Antike bis zur Moderne handelt. Neben Medienanfragen gebe es auch Anrufe von Privatpersonen. Teilweise seien ihm schon hohe Summen für die Masken geboten worden.

Andere Anrufer empörten sich, dass mit den Gipsabdrücken von Verbrechern jetzt Geld gemacht werden solle. Das Gegenteil sei der Fall, versichert Albrecht, der unbedingt verhindern will, dass die Gesichtsabdrücke in die Hände dubioser Verehrer gelangen. Er denke nicht an einen Verkauf, und auch Fotoaufnahmen der Masken für etwaige Veröffentlichungen in den Medien lehne er ab.

Wer in Zinnowitz einen Blick in den Pappkarton mit der Aufschrift "Die drei Verbrecher" werfen will, in dem der inzwischen verstorbene Tübinger Bildhauer Gerhard Halbritter die von ihm angefertigten Masken verstaut hatte, wird deshalb enttäuscht. Ohnehin seien die sensiblen, von Halbritters Tochter erworbenen Objekte inzwischen vorsorglich an einen anderen Ort ausgelagert, sagt Albrecht.

Politische Physiognomie

Doch dass die Masken in irgendeinem Keller verstauben und gänzlich aus der Öffentlichkeit verschwinden, will Albrecht ebenfalls nicht. Als Kunsthändler habe er eine Verantwortung: "Die ausdrucksstarken Kunstwerke mit den Abbildern der gerade erst ums Leben gekommenen Terroristen haben einen wichtigen zeitgeschichtlichen Wert und gehören ausgestellt."

Mittlerweile führe er Gespräche mit mehreren deutschen Museen. Das Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn habe leider abgelehnt. Den Museumspädagogen dort sei die Zurschaustellung zum jetzigen Zeitpunkt zu brisant.

Dennoch sähe Albrecht die Totenmasken am liebsten als Leihgabe für die dortige Ausstellung. Das Kapitel über den sogenannten Deutschen Herbst, in dem die RAF-Aktivisten Tod und Schrecken in Deutschland verbreiteten, müsse offensiver und deutlicher aufgearbeitet werden. Dazu gehöre nicht nur die Präsentation von Dokumenten wie historischen Bekennerschreiben, sondern eben auch von dreidimensionalen Exponaten.

"Ich stelle mir zum Beispiel einen Ausstellungsraum vor, in dem neben den drei Masken Fernseher der siebziger Jahre mit den Nachrichtensendungen in Ost und West über den damaligen RAF-Terror laufen." Sollte sich wirklich keine Einrichtung für eine wissenschaftlich fundierte Ausstellung finden, will Albrecht selbst Gesprächsrunden mit Historikern, Zeitzeugen, Politikern und vor allem jungen Leuten organisieren, in denen die Masken gezeigt werden könnten und über die Sinnlosigkeit von Gewalt diskutiert werde.

Halbritter hatte die Abdrücke in den Tagen nach der Selbstmordnacht zum 18. Oktober 1977 im Hochsicherheitstrakt der JVA Stammheim mit Einwilligung von Ensslins Vater an den Leichen von Baader, Ensslin und Raspe genommen. Schon Stunden zuvor hatte der damalige deutsche Star-Gerichtsmediziner Hans Joachim Mallach drei Masken angefertigt, allerdings ohne Auftrag der Staatsanwaltschaft und ohne Genehmigung der Angehörigen.

Zwei der Masken-Sätze, die sich deutlich von denen des Künstlers Halbritter unterscheiden, sollen heute in der Polizeiakademie Freiberg und im Landeskriminalamt Stuttgart lagern. Die dritte Serie, die Mallach in seinem Institut aufbewahrt haben soll, gilt als vermisst.

Ralph Sommer, ddp



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