Rafael Horzon Es ist ein Regal, aber...

Der Berliner Unternehmer Rafael Horzon feiert das 500-tägige Bestehen seines Modocom-Imperiums mit einer Gratisgala im hippen WMF-Club. Das schlichte Geheimnis seines großen Erfolges: Die Leute wollen, dass was passiert.

Von Gunnar Luetzow


Rafael Horzon ist ein eher untypischer Berliner - schließlich sind doch an der Spree fast alle zwischen 20 und 40 irgendwie kreativ. Ganz egal, ob ihn die Unwirtlichkeit des Alltags inzwischen zum Kellner, Taxifahrer oder gar Fernsehredakteur degradiert hat, eigentlich ist jeder ein Künstler: Abstraktes Puppentheater am Prenzlauer Berg, bewusstes Feuerspucken in Kreuzberg, biologisch-dynamische Hanfskulpturen in Friedrichshain oder surreales Internet in Mitte - die Möglichkeiten, sich selbst schöpferisch zu verwirklichen, sind so vielfältig wie die Biografien. Und selbst, wenn man es nach tausend "Projekten" im Off-Off-Bereich noch immer nicht in die Künstlersozialkasse geschafft hat, behält in Berlin milde Nachsicht die Oberhand. Diese oder jener, so heißt es dann, machten eben "ihr eigenes Ding". Denn Künstler sein, das wollen sie alle. Bis auf Rafael Horzon.

Das verwundert, denn seine Arbeit lässt sich durchaus als zeitgemäße, gewitzte und überaus gescheite Kritik eines Künstlers am Trend zu einer rein marktwirtschaftlich orientierten Gesellschaft interpretieren, die das Individuum zur Verwandlung in eine Ich-AG zwingt. Der von ihm verfasste Ratgeber "Modern sein - Fit im Kopf ins 3. Jahrtausend" liest sich beispielsweise wie eine Persiflage auf längst vergangene Zukunftseuphorien, "Ruck"-Gerede und mit heißer Nadel gestrickte Management-Ratgeber für den Grabbeltisch. Und auch die von ihm gegründete "Wissenschaftsakademie Berlin", in der man nach einem kurzen Vortrag seine Scheine über den "Schabrackentapir - Säuger des Dschungels", "Hüftgelenkoperationen in Indien", "Frühe Sozialisation und Konfliktlösungen bei Berberaffen" oder "Brutalistische Architektur" bekommt, zwinkert kräftig mit den Augen.

Horzon-Möbelstück: stellvertretend für die Berliner Republik?

Horzon-Möbelstück: stellvertretend für die Berliner Republik?

Dazu erst, was der 29-jährige Gründer der "Modocom"-Unternehmensgruppe über seine Angestellten berichtet: "Der ideale Modocom-Mitarbeiter sieht sehr gut aus, hat eine fast universelle Bildung, ist flexibel und in der Lage, neue Ideen selbst zu entwickeln und zu verwirklichen." Da fehlt dann nur noch der spöttische Blick auf die neue Stadt, die alle beschwören: "Das neue Berlin ist eine faszinierende, pulsierende Metropole, die sich täglich neu erfindet, neu definiert."

Doch vielleicht ist es ein Fehler, hier Ironie zu vermuten, denn zu den Kunden des mit dem Slogan "Moebel Horzon: Leben Sie, wir kümmern uns um die Regale" beworbenen Möbelhauses, das nach Aussage von Horzon einen "unfassbaren Anstieg der Verkaufszahlen, den wir selber kaum überblicken können", verzeichnet, gehören nicht wenige Namen aus den Kreisen zwischen Szene, Prominenz und Semiprominenz: DJ Koze, Stephan Wirth (Kings Club), Christoph Leich (Die Sterne), Andreas Koch (Galerie Koch & Kesslau), Ben Debiel (Maria am Ostbahnhof /Elektronauten), Burkhard Riemschneider (Galerie neugerriemschneider), Isabelle Graw (Texte zur Kunst), Erobique, Armin von Milch, Schneider TM, Vredeber Albrecht (Commercial Breakup), Fetisch (Terranova), und das Label Kitty-Yo International. Angeblich hat sogar der Kultautor Bret Easton Ellis auch schon ein Regal bei Moebel Horzon bestellt.

Außen trist, innen hip: Moebel Horzon in der Brunnenstraße

Außen trist, innen hip: Moebel Horzon in der Brunnenstraße

Das schlichte Geheimnis diesen großen Erfolges hat die Hamburger HipHop-Band 5 Sterne Deluxe bereits auf den Punkt und in die Charts gebracht: Die Leute wollen, dass was passiert - und für Action ist im Hause Horzon gesorgt. Mit glamourösen Möbel-Galas, bei denen mehrere hundert Menschen den Bürgersteig vor dem Geschäft belagerten und Umtauschaktionen mit "Zuständen wie bei Auftritten von N'Sync oder den Backstreet Boys" ist es Rafael Horzon gelungen, das auf den ersten Blick nicht sonderlich spektakuläre, hellbraune Pressspan-Universalregal "Modern" in den Maßen 200 x 35 x 35 cm zum Stadtgespräch zu machen.

So erwirbt der Käufer zum Basispreis von 200 Mark eben nicht nur Platz für eine Plattensammlung oder 20 Aktenordner. Er darf sich auch für einen kleinen Teil des großen, tollen Berlin-Hypes halten, der anscheinend inzwischen die letzten Bastionen geknackt hat und aus der sprichwörtlichen "Berliner Simulation" die Berliner Stimulation werden lässt - immerhin trifft man selbst die Ikonen der Münchner Medienschickeria neuerdings im "Cibo Matto" am Hackeschen Markt. Kein Wunder also, dass Rafael Horzon, anders als die meisten vor Ort, nicht als Künstler verstanden, sondern als Unternehmer ernst genommen werden möchte.

Hozon-Modelinie Gelée Royale: Kopfschlips für gestresste Yuppies

Hozon-Modelinie Gelée Royale: Kopfschlips für gestresste Yuppies

In einem Punkt allerdings kommt der gebürtige Hamburger seiner traditionell unbescheidenen Wahlheimat dann doch recht nahe: "Ikea steht für die Bonner Republik, Moebel Horzon für die Berliner Republik und für das neue Berlin. Ich verstehe mich als Teil dieses neuen Aufbaus, das ist ganz unironisch", berichtet der Möbel-Guru, der auch den eher unglamourösen Sitz seines Möbelhauses in den höchsten Tönen lobt: "Die Torstraße ist gerade dabei, die zweite Friedrichstraße zu werden oder sie sogar abzulösen." Und so wie Berlin derzeit vom Trump-Tower am Alex träumt, hat er inzwischen nicht nur zusätzlich das Modelabel "Gelée Royale" gegründet, das interessante Kleidungsstücke wie den "Headtie" für gestresste Yuppies zwischen Büro und Tennisplatz anbietet und demnächst ein eigenes Parfum auf den Markt bringt.

Obendrein steht jetzt auch das aus mondänem Zedernholz-Imitat gefertigte Universalregal "Royale" im Programm, das inklusive Agavenschrein erhältlich ist - für schlappe 25 000 Mark.

Moebel-Gala am 12. Dezember 2000 Im WMF, Ziegelstraße 23, Berlin-Mitte
Live: Lord Fried Rich, die Ibiza-Roxy-Allstars und Amen Imperativ



Rafael Horzons modocom-Imperium:

modocom Headoffice Brunnenstraße 24, 10119 Berlin
Tel. 0049-30-44 01 77 00 / modocom@modocom.de


Wissenschaftsakademie Berlin Linienstraße 114, 10115 Berlin
Tel. 0049-30-442 60 88 / akademie@modocom.de


Moebel Horzon Torstraße 68 10119 Berlin
Tel 0049-30-28 09 88 74 / moebelhorzon@modocom.de


www Verlag Rosa-Luxemburg-Straße 22, 10178 Berlin
Tel 0049-30-44 05 88 33 / wwwverlag@modocom.de


Gelée Royale c/o modocom Brunnenstraße 24 10119 Berlin
Tel 0049-30-44 01 77 00 / gelee.royale@modocom.de



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