Rassismus in Deutschland Hört uns endlich zu

Rassismus ist ein alltägliches Problem in Deutschland. Dank Özil und #MeTwo wird endlich offen darüber debattiert. Doch anstatt zuzuhören, versuchen manche, die Debatte ins Lächerliche zu ziehen.

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Ein Debattenbeitrag von


"Lassen wir uns nicht einreden, dass wir rassistisch sind", schreibt Christian Lindner, Vizechefredakteur der "Bild am Sonntag". "Wir sind in der Regel freundlich, offen und hilfsbereit, auch und vielfach gerade bei Zuwanderern und erst recht bei deren Kindern", lobt er weiter. Und dann folgen gleich zwei gut gemeinte Ratschläge an die Migranten: Sie sollten sich "nicht einigeln, sondern auf uns zugehen". Außerdem sollten sie "Respekt für unsere Lebensweise zeigen", dann erreichten sie "unsere Herzen viel leichter, als wenn sie unsere Werte spürbar ablehnen".

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Heft 31/2018
Die Özil-Affäre und das Problem mit der Integration

Der Text Lindners will seine Leser beruhigen: Ihr seid keine Rassisten! Lasst euch nix einreden! Aber genau das ist das Problem: der Unwille zuzuhören, wenigstens einmal, ohne gleich reflexartig in Abwehrhaltung zu verfallen, darüber nachzudenken, was Menschen wie ich, die unter #MeTwo über rassistische Erfahrungen berichten, zu sagen haben.

In der #MeTwo-Debatte, angestoßen durch den Umgang mit dem Fußballer Mesut Özil, geht es überhaupt nicht um die Frage, ob Deutschland oder die Deutschen generell rassistisch sind. Tatsache ist, dass viele Menschen mit Wurzeln in fremden Ländern in Deutschland rassistische Erfahrungen machen. Manche nahezu täglich. Viele wissen davon nicht, deshalb erzählen wir, was wir erlebt haben und erleben. Wir haben genug davon, wir wollen das thematisieren, damit es endlich aufhört - was eine Illusion ist - oder zumindest weniger wird - was ein erreichbares Ziel ist. Wir wollen nicht schweigen.

Nichts, was Rassismus rechtfertigt

Doch genau das wünschen sich Rechtspopulisten bis Rechtsextremisten: dass Menschen wie ich gefälligst den Mund halten und dankbar sein sollen, dass man uns in Deutschland leben lässt, unserer Hautfarbe, unserer wenig geläufigen Namen zum Trotz. Deshalb versuchen sie, die Debatte abzuwehren, sie ins Lächerliche zu ziehen, sie verächtlich zu machen.

Da wird der Begriff Rassismus pauschal abgelehnt. Die Erfahrungen, die wir schildern, werden infrage gestellt ("Wer sagt uns, dass das überhaupt wahr ist?"). Allen Ernstes wird argumentiert, dass es woanders auch Rassismus gebe - als ob Missstände woanders die eigenen Missstände rechtfertigten. Oder es wird behauptet, als "Biodeutscher" oder "autochthoner Deutscher" könne man schließlich auch nicht in bestimmte Viertel deutscher Städte gehen, ohne Gefahr zu laufen, von Migranten angegriffen zu werden - noch einmal: Als ob das eine Problem das andere rechtfertigte.

Gleichzeitig wird versucht, die inhaltliche Debatte auf die emotionale Ebene zu ziehen und Menschen wie mich für den Rassismus, der uns entgegenschlägt, selbst verantwortlich zu machen: "Nun sei doch nicht so weinerlich!", "Du nimmst dir das viel zu sehr zu Herzen!", "Wäret ihr besser integriert, würdet ihr auch keinen Rassismus erfahren!"

Darum geht es in dieser Debatte

Und kaum wehrt sich jemand mit deutlichen Worten, benutzt gar ein Schimpfwort, stürzen sich die Rechten darauf: "Er hat Pisser zu uns gesagt!", wie sie mir in einem Fall vorwerfen. Aber wenn jemand über "Kanaken" und "Ziegenficker" schreibt oder mir mitteilt: "Dich muss man in den Gasofen schicken!!" oder "ich kannte mal 1 hund namens hasnain" und der "wurde auf jeden fall von 1 auto überfahren, war schlimm", kommt - nichts. So wie diese Leute das Grundgesetz und jeden Anstand mit Füßen treten, aber sofort "Einschränkung der Meinungsfreiheit!" und "Zensur!" brüllen, wenn man ihre rassistischen Auslassungen im Netz löscht und sie blockiert.

Neuerdings beschweren sich immer mehr Rechte, sie würden schließlich auch als "Almans" und "Kartoffeln" diffamiert. Das ist gewiss nicht nett. Darüber kann man sich aufregen, man kann es kritisieren. Aber das ist kein struktureller Rassismus, keine Diskriminierung bei der Wohnungssuche, bei der Bewerbung, bei der Benotung in der Schule, im alltäglichen Leben. Um genau das aber geht es in dieser Debatte.

Solange Menschen aus anderen Ländern an den Fließbändern standen, den Müll wegfuhren oder putzten, war alles in Ordnung. Da durften sie sogar Kopftuch tragen. Jetzt, da ihre Kinder, Enkel und Urenkel auch Ärzte, Ingenieure, Rechtsanwälte, Journalisten sind, jetzt, da sie Mitsprache, Mitgestaltung, Mitbestimmung beanspruchen, was für sie als Deutsche selbstverständlich ist, da ist das Geschrei groß, da wird auf jede Andersartigkeit gestarrt und darauf verwiesen, dass das nun keine gelungene Integration sei.

Es gibt keinen Weg zurück

Wir leben in einer pluralisierten Gesellschaft. Es geht darum, das Miteinander konstruktiv und gemeinsam zu gestalten. Das mag kontrovers vonstattengehen, mit Streit und unterschiedlichen Standpunkten. Aber klar muss sein: Es gibt keinen Weg zurück. Es sei denn, man wollte wieder Menschen deportieren oder sie umbringen.

Das sage doch niemand? Man schaue sich nur einmal die vielen Mord- und Gewaltfantasien an. Es gibt sie nicht nur im Netz, sondern auch auf öffentlichen Kundgebungen. Bei Pegida in Dresden skandierten sie kürzlich "Absaufen! Absaufen!", als es um Flüchtlinge ging. AfD-Politiker verhehlen nicht, dass es ihnen darum geht, Menschen wie mich loszuwerden.

"Auch für Herrn #HasnainKazim gilt: Hier ist die letzte Messe noch nicht gesungen!", schreibt mir öffentlich via Twitter der AfD-Bundestagsabgeordnete Udo Hemmelgarn, nur weil ich klargemacht habe, dass Deutschland immer vielfältiger wird und Menschen wie ich selbstverständlich den Anspruch erheben, Teil der deutschen Gesellschaft zu sein.

Anscheinend ist bei manchen Leuten noch nicht angekommen, dass wir in einer zivilisierten Gesellschaft keine Menschen umbringen, sie nicht in Gaskammern schicken oder am Galgen aufhängen. Wer so denkt, wer so redet, braucht kein Verständnis, kein gutes Zureden - sondern Widerstand.

Video: Der bürgerliche Rassismus (SPIEGEL TV 2014)

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insgesamt 157 Beiträge
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AZ1 30.07.2018
1. justiziabel?
Herr Kazim, neben der strukturellen Diskriminierung sprechen Sie vor allem verbale Diffamierung an. Die Beispiele sind wirklich erschreckend (und wohl keine Ausnahmen -- ich habe Ähnliches von anderen gelesen). Aber sie könnten das leichter zu lösende Problem sein. Meine Fragen dazu: Sind die Diffamierungen nicht zum Teil justiziabel? Welche, und welche nicht? Und gedenken Sie, Anzeige zu erstatten, bzw haben Sie das bereits getan? Falls nicht, warum nicht? So oder so wünsche ich viel Erfolg bei diesem Kampf!
Sopherl 30.07.2018
2. Nicht vorstellbar!
Vielen Dank für diesen Artikel. Vielleicht öffnet er ja wenigstens Mal einem die Augen. Als Mensch ohne Migrationshintergrund ist es überhaupt nicht nachvollziehbar wie es vielen Menschen in Deutschland täglich ergeht. Es wird höchste Zeit etwas gegen diese Dumpfbacken und ihre Parolen zu unternehmen! Herr Seehofer, ihr Job!!
gogru 30.07.2018
3. Ich höre zu
Ich bin mir sicher, Ihre Erfahrungen werden von vielen geteilt. Es gibt die strukturelle Benachteiligung, aber ich meine sie wird weniger. In der Bank in der ich arbeite, was es vor 20 Jahren noch etwas besonderes wenn der Kollege Türke war, heute ist es alltäglich. Und nicht nur bei sogenannten niederen Tätigkeiten. Ich glaube auch nicht, das Ihre Beobachtung, seit die zweite und dritte Generation teilhabe fordert stören uns die Kopftücher und gar die Religion der Einwandererkinder. Es ist eben auch so, als die erste Generation Türken nach Deutschland kam, trugen sie kaum Kopftuch. Es war nicht der Islam das Problem, aber die sogenannten grauen Wölfe. Natürlich gibt es keinen strukturellen Rassismus gegen Deutsche, wie sollte es auch in Deutschland. Aber wie ist es denn mit Ehen zwischen Deutschen und Türken? Ich kenne einige türkisch-deutsche Ehepaare, keines in dem der deutsche Partner vorbehaltslos bejubelt wurde (wegen des deutsch seins). Während die Deutschen es toll multi kulti fanden. Oder wie ist es, wenn man als Kind als einziges Deutsch an einer Schule ist und von den Mitschülern deshalb gemobbt wird? Meinen Sie echt, für das deutsche Kind ist es weniger schlimm als für ein türkisches oder nordafrikanisches Kind?? Ich bin dafür, über Rassismus zu reden. Rassismus gegen Afrikaner jeglicher Hautfarbe, Türken und allen anderen Menschen. Aber auch der Rassismus der Einwanderer stört das Zusammenleben.
C.Rainers 30.07.2018
4. Mag ja sein
und geteiltes Leid ist halbes Leid, trotzdem nervt mich diese Debatte als absolut „Nichtbetroffenen“ an. Bei mir zumindest wird das Gegenteil erreicht. Außerdem genau wie bei der meToo Kampagne ufert das immer mehr aus und jeder der meint mal scheel von der Seite angesehen worden zu sein , ist ein Opfer von Rassismus
schreckgespenst 30.07.2018
5. Blubb
Lieber Herr Kazim, Sie unterliegen, genau wie z.B. Staatssekretärin Chebli, einem Missverständnis bzw. geben die Realität falsch wieder. Außer einige wenige rechte Dumpfbacken hat niemand ein Problem mit Ärzten, Ingeneurinen etc., die aus Einwandererfamilien stammen bzw. zugewandert sind. Das Narativ, solange Frauen mit Kopftuch niedere Arbeiten verrichtet haben, war das Kopftuch okay, ist einfach nicht richtig. Wenn die Mehrheitsgesellschaft Probleme sieht, dann aufgrund von Rückschritten in der Integration von Zuwanderern. Bei bestimmten Migrantengruppen sinkt z.B. die Beschäftigungsquote mit fortschreitender Generation. Türkischstämmige Migranten der dritten Generation sind häufiger arbeitslos als ihre Großväter bzw. Großmütter. Auch bestehen z.B. in dritter Generation erhebliche Sprachprobleme, die bei anderen Einwanderergruppen bereits ab der ersten (!) Generation seltener in dieser Form auftreten. Aus der Kritik an diesen Zuständen wird dann eine (rassistische) Ablehnung konstruiert. Witzigerweise auch von Personen, die trotz/wegen ihrer Migrationsgeschichte eine steile Karriere hingelegt haben. Insbesondere wird einem Land Rassismus vorgeworfen, dessen Bevölkerung einen Migranten der zweiten Generation zum Ministerpräsidenten gewählt hat, einen Migranten der zweiten Generation als Parteichef einer Bundestagspartei gut fand und einige Migranten an der Spitze der größten Konzerne "eträgt".
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