Umgang mit Rassismus Wisch und weg?!?

Niedermachen statt prüfen: Es scheint für manche naheliegender, dass sich Menschen Rassismus einbilden, als dass sie ihn selbst nicht mitbekommen. Dieses Beiseitewischen ist Teil des Problems.

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Als Tausende Menschen anfingen, unter #MeTwo von dem Rassismus zu erzählen, der ihnen im Alltag begegnet, gab es bald auch einige, die sagten, der Begriff "Alltagsrassismus" sei unangemessen, aus verschiedenen Gründen. Als ob es einen lässigen Rassismus für den Normalgebrauch gäbe und einen besonderen für Feiertage. Oder als ob täglich stattfindender Rassismus weniger schlimm sei als besonders skandalöse Fälle. Ob nicht gerade die vielen kleinen Botschaften sich besonders einbrennen würden.

Es wird wieder mehr über Rassismus diskutiert, dabei hatten so viele Menschen versucht, das Thema beiseitezuwischen, nach all der Özil-Aufregung. Die ehemalige Familienministerin Kristina Schröder erklärte, es sei für sie kein Alarmzeichen, dass Mesut Özil sich Rassismus ausgesetzt sieht, sondern "eher ein Alarmzeichen, wenn die Politik auf den billigen und beliebten Versuch reinfällt, mit dem Rassismusvorwurf das eigene Verhalten gegen jede Kritik zu immunisieren".

Apropos billig. Obwohl es bei Mesut Özils Rücktrittserklärungen und den Erfahrungen unter #MeTwo um verschiedene Dinge geht, sind viele der Reaktionen sehr ähnlich: Sobald Menschen erklären, wie häufig sie schlecht behandelt werden, weil ihr Name oder ihr Aussehen oder ihr Geburtsort für andere Menschen wie etwas wirken, das man unbedingt kommentieren oder herabsetzen müsste, taucht irgendwer auf, der ihnen klarmachen will, dass es kein Problem mit Rassismus gibt, sondern dass sie wahlweise dumm oder verrückt sind. Wisch und weg. Oder es heißt: Rassismus, das kann schon sein, aber das ist doch hier nicht die Frage. Die Frage ist dann immer nur, wie sich Rassismusvorwürfe möglichst spurlos beseitigen lassen.

Ist der Papst katholisch?

Bei Mesut Özils Rückzug gab es Leute, die meinten, es könne gar nicht sein, dass ein Millionär wie Özil diskriminiert werde. Ein häufiges Missverständnis, das dadurch entsteht, dass "Diskriminierung" ein eindeutiges Von-oben-nach-unten-Phänomen zu sein scheint, aber niemand nur zu einer einzigen gesellschaftlichen Gruppe gehört. Man kann auch sexistisch gegenüber der Queen sein, man kann klassistische Witze über Melania Trump reißen, sich schwulenfeindlich über hohe Politiker äußern, oder antisemitische Sprüche über preisgekrönte Künstlerinnen machen. Es ist egal, wie reich und angesehen eine Person ist, sie muss noch nicht mal getroffen oder verletzt sein oder überhaupt etwas davon bemerken, und trotzdem kann man von Rassismus, Sexismus, Klassismus, Homofeindlichkeit oder Antisemitismus sprechen.

Je simpler das Verständnis von Diskriminierung - im Zweifel einfach als "die Leute sind fies zu mir" -, desto leichter fällt es, Betroffenen vorzuwerfen, sie würden nur rumheulen. Dabei ist der Vorwurf, nörgelig zu sein, nicht so schwerwiegend gegenüber dem Vorwurf, wahnsinnig oder sehr dumm zu sein (oder als Feministin: hysterisch).

Die aktuelle Diskussion über Özil und #MeTwo lässt sich auf die doch etwas jämmerliche Frage reduzieren: Gibt es in Deutschland mehr Rassismus als Deutsche wahrnehmen, die von Rassismus nicht betroffen sind? Das ist für diejenigen, die Rassismus erfahren, eine Frage der Sorte "Ist der Papst katholisch?" und für andere ein richtig schönes Debattenthema. Es scheint für einige Leute naheliegender, dass sehr viele Menschen, die ein Ü, Y oder Z im Namen tragen, paranoid sind und sich Diskriminierung einbilden, als dass sie selbst etwas nicht mitgekriegt haben.

Ohne Grund mit deutsch-deutschem Gütesiegel

Aktuell sind wieder allenthalben Hobbypsychologen unterwegs, die "Verfolgungswahn" ("FAZ") diagnostizieren oder Rassismusvorwürfe als "wirr" und "absurd" abtun, in der grotesken Anmaßung, sie könnten anderen nicht nur ihre Urteilskraft über gesellschaftliche Zustände absprechen, sondern auch ihre Erfahrungen selbst.

In der "Welt" trug Jan Küveler einen Fragenkatalog über Mesut Özil zusammen, in dem es hieß: "Ist jemand, der, wie man liest, in seiner Freizeit nichts weiter tut, als sich selbst auf der Playstation zu spielen, überhaupt in der Lage zu beurteilen, ob und wann es sich um Rassismus handelt? Und wann bloß um die eigene Blödheit?"

"Nein, wir Deutschen sind nicht rassistisch. Und ja: Wir können Integration", twitterte "BamS"-Vizechef Christian Lindner, wobei die Formulierung "wir Deutschen" durchscheinen lässt, dass er zwei zentrale Punkte an der Debatte nicht verstanden hat. Es ging zum einen nie darum, dass "die Deutschen" allesamt rassistisch sind, und zum anderen: Diejenigen, die Rassismus beklagen, sind selbst Deutsche. Wer ein Verständnis von "wir Deutsche" hat, in dem diejenigen nicht vorkommen, die über Rassismus klagen, der ist ein Teil des Problems.

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insgesamt 215 Beiträge
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Seite 1
desertking 31.07.2018
1. Der letzte Absatz...
So wahr wie traurig. Und Herr Lindner ist nicht dumm, der weiß das schon, was er da sagt und schreibt. Aber es ist wie immer: Mit Deutschen und insbesondere mit deutschen Männern über Rassismus zu sprechen, kann man sich sparen. Meist will gar nicht verstanden werden, so auch in dieser Debatte nicht. Hauptsache, man muss selbst nicht nachdenken oder gar das eigene Verhalten reflektieren. Man WILL ja geradezu diskriminieren und rassistische Sprüche machen dürfen. Hat man ja früher auch gemacht, was ja in diesem Land immer dafür steht, dass alles okay gewesen sein muss, was früher war. Es besteht schlicht und ergreifend kein Interesse an dieser Debatte, weil man sie in großen Teilen der Bevölkerung einfach nicht versteht und nicht verstehen will, siehe Herr Lindner.
filie1972 31.07.2018
2. Wisch und Weg
Ich finde die Autorin hat völlig Recht. Erschreckend sind auch die verhärteten Fronten. Erstaunlich finde ich auch das sich versichern „wir sind doch keine Rassisten“. Kein Ruhmesblatt für Deutschland. Ich fühle mich aber auch selbst beleidigt, wenn von Biodeuschen die Rede ist. Ich habe nicht das Gefühl, dass die Debatte zu etwas führt oder ein Umdenken einleitet. Das benachteigen von Menschen ist ein ernstes Problem, besonders Kinder und Jugendliche sind dem hilflos ausgeliefert und sollten von der Politik aber auch von der Gesellschaft, uns, besser geschützt werden.
charlybird 31.07.2018
3. Das ist ein
etwas klügerer Artikel in Sachen Rassismus, wenn ich mir die letzten 5 oder 6 der Kollegen Augstein, Diez, Kazim oder Ataman so ins Gedächtnis rufe. Aber auch er wird nichts nützen, außerdem fehlt da ein Stichwort (Erdogan), aber letztlich geht es ja eben um Rassismus und der war auch vor dem Foto vorhanden. Ich für mich habe jetzt nach all dem Gelesen, auch die dramatischen Auslassungen einiger Autoren, Künstler und Menschen vorwiegend mit türkischen Wurzeln im Printspiegel, bedauerlicherweise feststellen müssen, dass ich wohl Rassist bin. Zwar noch nie auffällig gewesen, aber ich hatte schon mal böse Gedanken, wie man der Macht im Beichtstuhl früher anvertraut hätte, dennoch werde ich versuchen mich zu bessern. Aber ich kann nichts versprechen.
unky 31.07.2018
4. Danke, Frau Stokowski ...
... Sie haben es genau getroffen. Ihrer Analyse ist nichts mehr hinzuzufügen. Alltagsrassismus erlebe ich hierzulande als sog. Biodeutscher oft genug, wenn ich mit Familienmitgliedern unterwegs bin, deren Hautfarbe schon sehr dunkel ist. Das reicht von total unfreundlicher Bedienung an der Supermarktkasse über Nichtbedientwerden in Gaststätten außerhalb Berlins bis hin zu offenen Beschimpfungen auf der Straße.
nesmo 31.07.2018
5. Wenn "den Deutschen"
vorgeworfen wird, rassistisch zu sein, warum soll dann ein Deutscher nicht sagen dürfen, "wir Deutsche" sind nicht rassistisch? Und es wird ja den Biodeutschen vorgeworfen rassistisch zu sein und nicht den eingebürgerten Deutschen. Also geht der Vorwurf der Autorin rabulistisch ins Leere. Und "man kann auch sexistisch gegenüber der Queen sein", aber er wäre sehr fraglich, wenn die Queen sich über Sexismus ihr gegenüber beschwert, und deswegen ihr Amt aufgibt, ob dies ein ernstzunehmender Beitrag zur Sexismusdebatte wäre.
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