Ratefuchs Bohlen "Sozialismus bei Jauch"

Dauerangeber trifft seriösen Journalisten: Am Montag war Dieter Bohlen erstmals bei "Wer wird Millionär?" zu Gast. Und hat sich dabei auch ohne Fachwissen wacker geschlagen. Jauch jedenfalls freute sich auf seinen Gast wie ein hibbeliger Schuljunge.

Von Peer Schader


Wer schon immer mal wissen wollte, warum Dieter Bohlen so erfolgreich ist, hat am Montagabend bei RTL eine Erklärung bekommen: Der Mann denkt nicht nach. Jedenfalls nicht zuviel. Bohlen verlässt sich lieber auf sein Bauchgefühl. Das kann eigentlich unmöglich reichen, um bei "Wer wird Millionär?" zwölf Fragen nacheinander richtig zu beantworten, ohne Hilfe in Anspruch zu nehmen. Bei Bohlen schon.

 " Wer wird Millionär?"-Gast Bohlen: Konsequent durchgeraten
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"Wer wird Millionär?"-Gast Bohlen: Konsequent durchgeraten

"Es gibt drei Joker in diesem Spiel – und normalerweise nutzt man die, vor allem wenn man unsicher ist", ermahnte Günther Jauch seinen Rategast in einem Anflug von Verzweiflung bei der 125.000-Euro-Frage, zu der sich Bohlen davor konsequent durchgeraten hatte. Jauch saß daneben und stöhnte: "Das hätte ich mich nie getraut." Funktioniert hat es trotzdem.

Auf die Frage "Was müssen unsere einheimischen Frösche in der Regel nicht tun?" fragte Bohlen zwar erst: "Ist das so gemeint, dass die ihre Tage haben?" Aber dann antwortete er prompt: trinken. Weil Frösche sowieso die ganze Zeit am Wasser rumsäßen. Nun ja: Zumindest die Antwort war richtig – und Jauch wollte schon zur korrekten Erklärung ansetzen, aber die war für den "Superstar"-Juror nicht von Bedeutung: "Ist mir völlig wurscht. Hauptsache richtig."

Vielleicht bleibt einem, der Millionen Platten verkauft hat, nichts anderes übrig, als derart konsequent auf sein Gefühl zu hören? Den anderen Kandidaten bei "Wer wird Millionär?" geht es ja manchmal genauso. Im Unterschied zu Bohlen haben die aber in den meisten Fällen zumindest geringe Bedenken, dass sie sich irren könnten.

Bohlen aber ist kein Mann der Unschlüssigkeit, er geht lieber volles Risiko ein. Und alle, die ihn an diesem Abend hätten scheitern sehen wollen, bekamen ihren Wunsch nicht erfüllt – bei Jauchs "Prominentenspecials" wird schließlich stets für den guten Zweck gespielt.

"Ich hab da mal'n Hit geschrieben"

Stattdessen verriet Bohlen das Geheimnis seines Rateerfolgs. Bei der Frage, welche Stadt der französische Offizier Antoine de la Mothe Cadillac gegründet habe, kombinierte er: "Ich hab da ja mal'n Hit geschrieben: 'Geronimo's Cadillac'". Und weil er sich immer intensiv in ein Thema einlese, bevor er Songs darüber schreibe, wisse er, dass General Motors in Detroit seine Cadillacs produziere – als müsse es Antwort C sein: Detroit. Wieder richtig.

Jauch hatte sich schon den ganzen Abend darauf gefreut, endlich einmal seinem RTL-Konterpart gegenüberzusitzen: Seriöser Journalist trifft sprücheklopfenden Dauerangeber. Auf diese beiden Herren baut RTL einen Großteil seines Erfolgs. Jetzt lässt sich sagen: Sie verstehen sich ganz gut. Nachdem die anderen Promis fertig geraten hatten, hüpfte Jauch wie ein Schuljunge auf Bohlen zu und holte ihn ans Pult. Eine gewisse Faszination ließ sich da kaum leugnen.

Dabei hatten zuvor auch Jürgen von der Lippe und Cordula Stratmann (Ex-"Schillerstraße") dafür gesorgt, dass es ein unterhaltsamer Abend wurde. Von der Lippe spielte den weisen alten Entertainer aus grauer Vorzeit, der dem jungen Jauch was beibringen wollte. Stratmann versuchte den ganzen Abend, ihren Kollegen aus dem Hintergrund vorzusagen, und motzte nach einer Ermahnung: "Ich hätte gerne geholfen – aber wenn Sie das unbedingt torpedieren wollen."

"So 'ne Nuss hatten wir auch noch nicht"

So gehört sich das, wenn man bei Jauch eingeladen ist: Die Gäste geben sich stets größte Mühe, sich mit einem besonders gut gelaunten Moderator die Gags zuzuspielen. Jauch hat sichtlich Spaß daran, auch mal so richtig schnoddrig sein zu dürfen, und wirkt dabei jedes Mal ein bisschen aufgedrehter.

"So 'ne Nuss hatten wir auch noch nicht in der Sendung", witzelte er, als Stratmann ihren Telefonjoker, den Verleger Helge Malchow, anrief, aber beim ersten Mal nur dessen Anrufbeantworter ranging.

Nur die Europa-Politikerin Silvana Koch-Mehrin zitterte sich als erste Kandidatin durch die einfachsten Fragen und strengte dabei ganz schön an. Bei der 8000-Euro-Frage lästerte Jauch deswegen: "Wenn ich nicht die Schreie der Kinder in den SOS-Kinderdörfern hören würde, hätte ich diese Veranstaltung längst abgebrochen!"

Nicht aus der Ruhe zu bringen

Am Ende haben aber doch alle 125.000 Euro für ihren guten Zweck erspielt. "Ich bin für Sozialismus bei Jauch – alle kriegen das gleiche", sagte Bohlen kurzentschlossen bei der 500.000-Euro-Frage, nachdem dann doch alle Joker aufgebraucht waren und das Risiko zu groß wurde.

Zuvor hatte Jauch Bohlen ein einziges Mal zu irritieren versucht und das ziemlich deutliche Abstimmungsergebnis auf die Frage "Sagt der Österreicher: 'Wuzel ma a Tschick!', dann meint er: …?" in Frage stellen wollen. 68 Prozent des Publikums stimmten für die richtige Antwort D: Dreh mir 'ne Zigarette. Und Bohlen ließ sich nicht aus der Ruhe bringen: "Wenn ich den Leuten nicht vertraue, kann ich einpacken." Kann aber sein, dass das falsch ist und dann blieben nur 16.000, warnte Jauch wieder. Und Bohlen wusste: "Dann sind eben die Leute schuld!"

So ist er, der volksnahe Platinplattenproduzent: Kann sich ganz auf sein Gespür verlassen – und wenn nicht, sind einfach die anderen schuld. Es muss sich herrlich anfühlen, Dieter Bohlen zu sein.



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