Rückgabe von Raubkunst Klage gegen Freistaat Bayern

Die Erben des jüdischen Kunsthändlers und Sammlers Alfred Flechtheim reichen in New York Klage gegen den Freistaat Bayern ein. Den Museen des Landes wird mangelnde Kooperation im Umgang mit NS-Raubkunst vorgeworfen.

  Titelblatt "Illustrierter Beobachter" von 1932
Flechtheim-Nachlass

Titelblatt "Illustrierter Beobachter" von 1932

Von Ulrike Knöfel


Schon vor 1933 diffamierten die Nationalsozialisten den bekannten deutschen Kunsthändler und Sammler Alfred Flechtheim. Ende 1932 zeigte der "Illustrierte Beobachter" sein Profil auf dem Titelblatt, zu lesen war die Zeile: "Die Rassenfrage ist der Schlüssel zur Weltgeschichte."

Das war nicht die erste Diskriminierung, die der jüdische Galerist erlebte. Als die Nazis an der Macht waren, wurde es für ihn sofort lebensgefährlich, sie stürmten eine von Flechtheim mitorganisierte Versteigerung, erklärten seine Galerie für "erledigt", verwendeten in Zusammenhang mit ihm Vokabeln wie "Ausrottung". Er flüchtete noch 1933, wurde zum gebrochenen Mann, starb 1937 mit 58 Jahren im Londoner Exil.

In Deutschland stellt niemand diese frühe Verfolgungsgeschichte infrage. Nur will man trotzdem viele von Flechtheims Bildern, die unter umstrittenen Umständen in hiesige Museen gelangten, nicht an die Familie zurückgeben. Nun reichen die beiden einzigen Erben des Händlers in New York Klage ein - und zwar gegen den Freistaat Bayern sowie gegen die staatlichen Bayerischen Staatsgemäldesammlungen. In deren Beständen sind acht Werke zu finden, auf die diese Angehörigen seit längerer Zeit Anspruch erheben. Der Freistaat war wegen seines Umgangs mit NS-Raubkunst in den vergangenen Monaten ohnehin mehr und mehr in die Kritik geraten, diese Klage dürfte das Image der Bayern als Hardliner weiter verfestigen.

Von Raubkunst spricht man, wenn Werke von den Nazis in der für sie typischen Willkür beschlagnahmt oder einfach gestohlen wurden, oder wenn die Eigentümer ihren Kunstbesitz unter Druck aufgeben mussten, wenn sie damit etwa ihr Überleben oder ihre Flucht zu finanzieren versuchten. Die Nazis raubten sich so gigantische Bestände zusammen. In diesem aktuellen Fall geht es nur um acht Bilder, die zurückgefordert werden; aber alle sind wichtige Werke, geschaffen wurden sie von den Malern Max Beckmann, Juan Gris und Paul Klee, drei Größen der Moderne. Sie gehören zur Sammlung der Pinakothek der Moderne in München, einem der Vorzeigemuseen der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen.

Auch die Limbach-Kommission konnte nicht helfen

Einer der Kläger ist der in den USA lebende Mediziner Michael Hulton, 70, ein Großneffe des Galeristen. Er kam in Großbritannien zur Welt, seine Eltern hießen bis zur Emigration Hulisch. Penny Hulton, knapp 90 Jahre alt, ist die zweite Frau seines Vaters, auch in ihrem Namen wurde die Klage eingereicht. Beide Hultons fühlen sich von deutschen Behörden und Gremien unangemessen, sogar ungerecht behandelt. Seit Jahren kämpfen sie um die Rückgabe von Werken, manchmal hatten sie Erfolg, oft nicht.

Rassenpropaganda im"Illustrierte Beobachter"
Flechtheim-Nachlass

Rassenpropaganda im"Illustrierte Beobachter"

Sie hofften in dieser Zeit auch auf die sogenannte Limbach-Kommission. Dieses Gremium wurde nach Jutta Limbach, der früheren Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts benannt, es soll in strittigen Fällen Empfehlungen abgeben, sich entweder für oder gegen eine Rückgabe aussprechen. Doch Michael Hulton gewann den Eindruck, selbst die Mitglieder dieser Runde würden die jüdischen Nachkommen der Opfer nicht wirklich respektieren, sie seien sogar voreingenommen. Dass die Hultons Anfang des Jahres daher aus einem dieser Verfahren vor der Limbach-Kommission ausstiegen, galt auch international als riesiger Eklat - und war sicher einer der Auslöser dafür, dass Reformen für das Gremium beschlossen wurden. Doch die Neuerungen gehen nicht weit genug. Das Gremium etwa kann nach wie vor nur tätig werden, wenn es von beiden Seiten - Erben wie Museum - darum gebeten wird. Museen aber können sich auch stur stellen.

Die Bayern immer wieder in der Kritik

Die Geschichte der Flechtheim-Bilder ist kompliziert, und die Bayern stellen da, wo wirklich eindeutige Beweise fehlen, einfach Behauptungen auf. In einer Publikation zu Flechtheim meldeten sich Provenienzermittler aus Bayern sogar plump unsachlich zu Wort: Man erwähnte Vorwürfe einer "aggressiven Kommerzialisierung" von Rückforderungen und stellte die jüdischen Antragsteller damit noch als gierig dar.

Dieses Land ist nicht so weit, wie es sein müsste. Das hört man von vielen Familien, die nach ihren Bildern suchen. Und sie berichten von einer besonders starken Abwehrhaltung der bayerischen Ämter und Museen. Vor einem Jahr verfassten US-amerikanische Kongressabgeordnete daher einen Brief an Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer. Darin heißt es, es sei endlich mehr Kooperation notwendig. Jüdische Familien in den USA warteten immer noch auf Gespräche, auf Wiedergutmachung.

Geschehen ist danach nichts, was die Ehre der Bayern retten würde. Im Gegenteil. In diesem Jahr kam das Bundesland auch deshalb weiter in Verruf, weil eine britische Expertin belegte, wie dreist die bayerischen Museen in der Nachkriegszeit Raubkunst-Bestände an ehemalige Nazi-Familien verkaufte - und dass man in Bayern dieses Kapitel eben nie richtig aufgearbeitet hat.



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