Raubkunst Kampf um das Familienerbe

Der Enkel eines von den Nazis hingerichteten Hitlergegners will die geraubten Kunstwerke seiner Familie zurückhaben – und wird von einem Museum in Sachsen-Anhalt ausgebremst.

Von


Wenn Carl-Friedrich Wentzel auf die Terrasse seines Schlosses in Teutschenthal tritt, fällt sein Blick auf einen lieblichen Park mit See und klassizistischem Pavillon. Eigentlich müsste Wentzel, 56, zu den zufriedensten Bewohnern der Ortschaft bei Halle zählen. Gäbe es da nicht eine Sache, die den Landwirt und Hotelier nachhaltig ärgert.

Gebrüder Wentzel im Park des Schlosshotel Wentzel in Teutschenthal: Kampf um die Kunstwerke der Familie
Jörg Gläscher

Gebrüder Wentzel im Park des Schlosshotel Wentzel in Teutschenthal: Kampf um die Kunstwerke der Familie

Seit Jahren versucht er zusammen mit seinem Bruder, die Kunstwerke seines Großvaters zurückzubekommen, die einst das Schloss schmückten. Die SS hatte sie Ende 1944 beschlagnahmt – kurz bevor die Nationalsozialisten den Großvater als Hochverräter hinrichten ließen.

Wentzels Ärger ist nachvollziehbar. Schließlich hat sich die Bundesregierung verpflichtet, in der NS-Zeit beschlagnahmte Kunstwerke aufzuspüren und zurückzugeben. Staatliche Museen sollen die Herkunft ihrer Bilder aufklären und dafür auch ihre Archive öffnen, bekräftigte Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) gerade. Doch wie der Fall der Kunstsammlung Wentzel zeigt, kann die Praxis der Museen auch ganz anders aussehen. "Da wird konsequent gemauert", klagt Wentzel.

Im Gegensatz zum Schicksal der Kunstwerke ist das ihres einstigen Eigentümers Carl Wentzel aktenkundig. Der Agrarindustrielle hielt Adolf Hitler für Deutschlands Verhängnis und gehörte zum "Reusch-Kreis", einer Gruppe von Industriellen, die Kontakt zu NS-Gegnern wie Carl Friedrich Goerdeler hatten. Zehn Tage nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 verhaftete die Gestapo Wentzel wegen angeblicher Unterstützung der Verschwörer.

"Ich will, dass sie erhängt werden"

Roland Freisler, der Präsident des Volksgerichtshofes, erklärte in der Begründung des Todesurteils wegen Hochverrats, Wentzel habe durch seinen Widerstand "seine Persönlichkeit geradezu zerstäubt". Das Urteil wurde am 20. Dezember 1944 in Berlin-Plötzensee vollstreckt, getreu Hitlers Befehl: "Ich will, dass sie erhängt werden, aufgehängt wie Schlachtvieh."

Die SS übernahm den gesamten Besitz Wentzels, der laut Urteil "dem Reich verfallen" war. Mithilfe der Hitlerjugend räumten SS-Männer das Schloss aus. Wentzel war noch gar nicht hingerichtet, seine Frau und sein Sohn saßen im KZ. Und der Raubzug lohnte sich: Von der Kunstsammlung hatte ein Restaurator 1941 eine Inventarliste erstellt, auf der 82 Gemälde, 23 Grafiken und rund 60 wertvolle Möbel verzeichnet waren. Der damalige Wert wurde auf rund 170.000 Reichsmark geschätzt. Heute würden allein zwei Stadtansichten Venedigs des italienischen Barockmalers Canaletto auf dem Kunstmarkt etliche Millionen Euro bringen.

Nach dem Ende des Krieges pachtete die Sach- und Lebensversicherung Sachsen-Anhalt das Schloss und erstellte erneut eine Inventarliste, auf der statt 82 Gemälden nur noch 20 zu finden waren. "Da fehlten bereits die wertvollsten Bilder", sagt Wentzel. Die Versicherung verkaufte einige Werke, gab andere in Museen ab, bevor sie 1952 in der Deutschen Versicherungsanstalt der DDR aufging, die nach der Wende von der Allianz übernommen wurde.

Kampf um jedes Bild

Auf der Suche nach Dokumenten wandte sich ein von Wentzel beauftragter Kunsthistoriker deshalb an den Versicherungskonzern, doch vergebens. "Wir verfügen nicht über Unterlagen zu den Bildern", sagt Allianz-Archivleiterin Barbara Eggenkaemper.

Bei der spätmittelalterlichen Moritzburg in Halle, die das wichtigste Kunstmuseum Sachsen-Anhalts beherbergt, rennt Wentzel geradezu gegen eine Mauer. Museums-Chefin Katja Schneider hat bereits zu Restitutionsforderungen von Erben jüdischer NS-Opfer trotzig erklärt, sie kämpfe "um jedes Bild. Wir geben keines freiwillig zurück".

Anscheinend verfährt sie auch im Fall Wentzel nach dieser Maxime. Zunächst sagte sie ein Treffen mit Wentzels Kunsthistoriker ab, dann zögerte sie einen neuen Termin Monate lang hinaus. Schließlich erklärte sie, dass sich ihres Wissens keines der von der Familie gesuchten Kunstwerke in ihrem Hause befinde. Doch der von Wentzel beauftragte Experte hatte Dokumente dabei, die das glatte Gegenteil nahelegten. Demnach wurde eine von dem Berliner Bildhauer Constantin Starck geschaffene lebensgroße Venus-Statue, die einst den Wentzels gehörte, 1952 ins Museum gebracht. Nun fand sich das wertvolle Stück plötzlich doch im Depot des Museums – und wurde zurückgegeben.

Kein Zugang zum Archiv

Anfang Dezember stellte Schneider bei einem Treffen mit Wentzel die Rückgabe eines Gemäldes in Aussicht. Angesichts dieses zweiten Fundes vermutet der Erbe, dass noch weitere Werke der Sammlung im Depot der Moritzburg schlummern könnten. Dies nachzuweisen, sagt Schneider allerdings, "ist eindeutig Aufgabe" von Wentzel. Für sie "ist ausgeschlossen", dass sich noch weitere Stücke der Sammlung in der Moritzburg befänden.

Zugang zum Archiv und den Inventarlisten des Museums will sie dem von Wentzel beaufragten Kunsthistoriker nicht gewähren. Nur Eingangsakten soll er einsehen können. Dies sei schon, so Schneider, "eine ungewöhnliche Geste". Schließlich verlangt sie von Wentzel noch eine schriftliche Erklärung, "gegenüber der Presse keine weiteren Auskünfte zu geben".

Das findet der Enkel des Enteigneten zu viel des Guten und will jetzt im Kampf um die Kunstwerke der Familie eine härtere Gangart einlegen. Wentzel beabsichtigt, einen New Yorker Anwalt und Restitutionsexperten einzuschalten. Der hat angeboten, die Kunstwerke gegen ein Erfolgshonorar von einem Drittel ihres Wertes wiederzubeschaffen.

"Als Privatmann, der noch dazu genug zu tun hat", ärgert sich Wentzel, "hat man wohl anders keine Chance, zu seinem Recht zu kommen."



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.