Prozess gegen Raucher-Rentner Ein anrüchiges Urteil

Wer pro Rauchen argumentiert, hat verloren - die Gesundheit der Allgemeinheit wiegt schwerer als die Freiheit des Einzelnen. Das Urteil gegen den qualmenden Mieter Friedhelm Adolfs beunruhigt dennoch.

Ein Kommentar von


Ich rauche gerne, aber als Raucher ist man heutzutage ständig in der Defensive. Im Straßencafé schaue ich mich rücksichtsvoll nach Eltern mit kleinen Kindern um, bevor ich mir eine anstecke; ohne zu murren stelle ich mich auch in die zugige Ecke vor dem Büro oder in den stickigen Glaskasten am Flughafen, alles kein Problem: Ich nehme es ernst, wenn sich andere vom Gestank meiner Zigarette belästigt fühlen oder ihre Gesundheit durchs Passivrauchen gefährdet sehen.

Der einzige Ort, an dem ich als Raucher entspannt und unbekümmert Rauch ausatmen kann, ist meine Wohnung. Jedenfalls bisher.

Auch Friedhelm Adolfs wähnte sich vermutlich sicher in seinen eigenen vier Wänden. Doch nun muss der 75-Jährige nach 40 Jahren seine Düsseldorfer Mietwohnung räumen, weil seine Vermieterin seinen durchs Treppenhaus wehenden Zigarettenrauch nicht mehr tolerieren will. Das Landgericht, dass die Räumungsklage der Vermieterin jetzt bestätigt hat, betont zwar, dass es grundsätzlich erlaubt sei, in seiner Wohnung zu rauchen; alles andere wäre auch beängstigend und eine Verletzung des Grundgesetzes.

Aber beunruhigend ist das Urteil trotzdem. Die Vermieterin müsse es nicht dulden, wenn Zigarettenrauch im Treppenhaus zu einer unzumutbaren und unerträglichen Geruchsbelästigung führe, heißt es weiter. Das gibt all jenen Recht und Präzedenz, die vordergründig auf das Wohl der Gesellschaft pochen, in Wahrheit aber eine freudlose Moral der Vernunft diktieren wollen, die nichts mit Liberalität oder Toleranz zu tun hat.

Die Schwächen der Anderen

In letzter Konsequenz kann das heißen: Wer raucht, ist asozial. Oder: Wer Fleisch isst oder sich zu fett ernährt, ist asozial. Oder auch: Wer ohne Helm Fahrrad fährt, ist asozial. Und der Staat trägt diesen aus Angst und Spießertum geborenen Korrektheitswahn mit immer neuen Reglementierungen und Verordnungen oftmals mit.

Es ist aber ebenso asozial, wenn ein 75-Jähriger eiskalt auf die Straße gesetzt wird, weil er zu alt ist, dem Zeitgeist zu folgen. Als Friedhelm Adolfs ein junger Mann war, wurde immer und überall gequalmt. Es ist anmaßend und respektlos, ihm heute vorschreiben zu wollen, wie oft er seine Wohnung zu lüften oder seine Aschenbecher zu leeren habe.

Adolfs hat es versäumt, Rücksicht auf seine Nachbarn zu nehmen, das ist nicht nett. Aber nett und rücksichtsvoll sind auch die jungen Eltern nicht, die ihre lieben Kleinen am frühen Morgen im hellhörigen Innenhof herumplärren oder auf ihrem Dielenboden über mir lautstark herumtrampeln lassen - was mir den Schlaf raubt und ja somit auch meine Gesundheit gefährden könnte.

Aber ich käme gar nicht auf die Idee, mich darüber zu beschweren. Nicht weil Menschen, die Nachwuchs zeugen, ein moralisches Sonderrecht haben, was Unsinn ist. Sondern weil ich mich freiwillig entschieden habe, auf engem Raum in einer urbanen Gemeinschaft zu leben.

Das bedeutet eben, Kindergeschrei zu tolerieren, Abgase, Dönergerüche vom nahen Imbiss, Straßenlärm, Betrunkene auf dem Gehweg - und manchmal eben auch den Rauch einer Zigarette. In einer Solidargemeinschaft zu leben, heißt, auch die Schwächen der Anderen mitzutragen. Wer das nicht will, kann gerne zu den anderen jungen, stets gesunden, fleischlos lebenden Bilderbuchfamilien aufs Land ziehen. Und dann den Bauern verklagen, weil das Vieh stinkt und muht.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
Skalla-Grímr 26.06.2014
1. Voll daneben
Wie kann man nur Kinder als "Belästigung" mit so etwas Sinnlosem wie Zigarettenrauch auf eine Ebene stellen? Außerdem verschweigt Borcholte, dass der Mieter nicht deshalb gekündigt wurde, weil er geraucht hat, sondern weil er nicht oder sehr wenig gelüftet hat!
vudic 26.06.2014
2. Vereehrter Autor, was hät Sie noch im urbanen Gemeinwesen?
Ziehen Sie doch ins gelobte (Um-)Land und lüften dort Ihren Mief ins Treppenhaus. Mit gemeinschaftlichen Grüßen Ein (Ex-)Raucher
sp0cky 26.06.2014
3. Nicht alles was stinkt... ist ein Vergleich.
Ach ne... hinkt. Fleischessern, Nichthelmträgern etc. schädigen sich einzig selbst. Es geht hier auch nicht darum, dem alten Mann seinen Tabak zu verbieten, sondern offenbar darum, dass er nicht einsehen will, seine Wohnung dann durchs Fenster und nicht durch die Wohnungstür zu entlüften. Würde er Stinkbomben ins Treppenhaus werfen: gäbe es diese Diskussion dann hier auch?
rolarndt 26.06.2014
4.
warum soll jemand tolerieren, dass krebserregende und gesundheitsgefährdende Dämpfe durch sein Treppenhaus wabern? Wenn er sich vergiften will, ok, das ist sein gutes Recht. Aber warum sollten alle darunter leiden? Das Urteil ist korrekt.
spon-1277406002820 26.06.2014
5. Unsinniger Artikel eines Rauches
Der Artikel ist unsinnig und kann nur von einem Raucher geschrieben sein. Passivrauchen verursacht Krebs und wenn der Qualm ins Treppenhaus geht bedroht er das Leben seiner Nachbarn. Da gibt es überhaupt nichts zu diskutieren. Nur weil früher die Gefahren des Passivrauchens noch nicht so erforscht waren, heißt das nicht, das es jetzt ein Recht darauf gibt, andere zu vergiften. Jeder kann ja in seiner Wohnung rauchen wie er will, er hat nur dafür Sorge zu tragen, dass der Qualm nicht andere vergiftet. Was anderes hat das Urteil auch nicht gesagt. Es ist daher nicht anmaßend und respektlos, ihm heute vorschreiben zu wollen, wie oft er seine Wohnung zu lüften oder seine Aschenbecher zu leeren habe. Die heutige Generation seiner Nachbarn möchte eben den Qualm nicht haben.
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