US-Autor Donald Ray Pollock "Jeder Nachbar, den ich kenne, ist bewaffnet"

Der US-Schriftsteller Donald Ray Pollock wurde als Chronist eines düsteren Hillbilly-Amerikas bekannt. Hier berichtet er, was lustig an Donald Trump ist und wie er zu einer 44er-Magnum-Pistole kam.

Trump-Anhänger
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Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Ein Kritiker der "New York Times" nannte Sie den "Verteidiger der übersehenen und vergessenen Menschen Amerikas". Stimmt das?

Pollock: Ich schreibe nur über Menschen, die ich gut genug kenne. Ich bin mit armen Leuten aufgewachsen. Aber wirklich schlecht ging es mir nie; mein Vater hatte einen anständigen Job in einer Papierfabrik, und weil er in der Gewerkschaft war, wurde er angemessen bezahlt. Aber die meisten Leute in unserer Nachbarschaft waren arm, einige von ihnen dramatisch arm. Ich habe auch, bis ich 50 war, in einer Papierfabrik gearbeitet. Ich weiß also, worüber ich schreibe.

Zur Person
  • Patsy Pollock
    Donald Ray Pollock, geboren 1954 in Knockemstiff, Ohio, ist ein US-amerikanischer Schriftsteller. Sein Debüt trägt den Namen seiner Heimatstadt. Als die Kurzgeschichtensammlung in den USA erschien, war Pollock 54 Jahre alt. Bis dahin hatte er auf einem Schlachthof, in einer Papiermühle und als Trucker geschuftet. Mit seinen Büchern erkundet Pollock die dunkle Seite des amerikanischen Hinterlandes, in dem Wahn, Gewalt und Drogen regieren. Zuletzt erschien sein Roman "Die himmlische Tafel".

SPIEGEL ONLINE: Sind das die Amerikaner, die Donald Trump unterstützen?

Pollock: Zumindest findet man unter ihnen sehr viel mehr Trump- als Clinton-Anhänger. Der Bundesstaat Ohio, in dem ich lebe, ist ein sogenannter Battleground State, wo also eine Pattsituation zwischen Republikanern und Demokraten herrscht. Kürzlich fuhr ich ungefähr 300 Meilen durch Ohio und achtete auf die Fahnen und Plakate in Vorgärten. Auf ein Hillary-Clinton-Plakat kamen da gut 25 Donald-Trump-Fahnen. Vielleicht sind Demokraten ja dezenter oder ängstlicher als Republikaner, aber mir schien die Sache eindeutig. Für mich war diese Deutlichkeit tatsächlich ein Schock, denn das war in Nord-Ohio, das eigentlich als gemäßigt gilt.

SPIEGEL ONLINE: Sie leben in Ohio. Haben Sie Freunde, die Trump unterstützen?

Pollock: Natürlich. Auch Mitglieder meiner Familie unterstützen ihn. Ich nicht. Wir streiten darüber aber nicht mehr, sondern meiden das Thema. Ich habe da meine Lektion gelernt. Mein Kandidat war eigentlich Bernie Sanders, den hätte ich mir wirklich in diesem Amt gewünscht. Aber dann hat ihn das sogenannte große Geld doch noch aus dem Rennen katapultiert. In den USA geben letztlich die ganz großen Unternehmen den Ton an, darüber sollte man sich im Klaren sein.

Battleground State Ohio: "Auf ein Hillary-Clinton-Plakat kommen 25 Trump-Fahnen"
REUTERS

Battleground State Ohio: "Auf ein Hillary-Clinton-Plakat kommen 25 Trump-Fahnen"

SPIEGEL ONLINE: Ihre Geschichten sind immer in der Vergangenheit angesiedelt. So wie ihr aktueller Roman "Die himmlische Tafel", der im Jahr 1917 spielt. Können Sie mit der Gegenwart nichts anfangen?

Pollock: Ich bin 61 Jahre alt und ein Nostalgiker. Die Vergangenheit zieht mich tatsächlich mehr an als die Gegenwart. Wenn man, so wie ich, jeden Tag fünf Stunden schreibt, ist es angenehm, diese Tätigkeit mit einer Zeitreise zu verbinden. Diese ganze moderne Technologie unserer Gegenwart interessiert mich nicht. Ich habe mir in diesem Jahr das erste Handy überhaupt gekauft.

SPIEGEL ONLINE: Die Vergangenheit, die sie in ihren Geschichten beschreiben, ist allerdings trostlos und wenig einladend, oder?

Pollock: Stimmt, das war auch düster. Aber weil es eine langsamere, überschaubarere Welt war, erscheint sie mir menschlicher. Dennoch, damals haben viele Amerikaner gehungert, und in diesem Jahrtausend hungern immer noch viele. Natürlich gibt es heute soziale Programme, die es vor hundert Jahren nicht gab, aber alle Probleme beseitigen auch die nicht.

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SPIEGEL ONLINE: Sie verknüpfen die Gewalt und Tristesse ihrer Erzählungen gern mit schwarzem Humor. Wollen Sie so das ganze Elend abfedern?

Pollock: Ja, etwas die Schärfe nehmen soll der Humor schon. Und ich war mir nicht sicher, ob das funktioniert. Es ist der Humor, den ich in der Papierfabrik erlebt und gelernt habe. Da wurde über alles gescherzt. Es gab kein Tabu. Irgendwem war die Großmutter gestorben und ein Kollege machte garantiert einen bösen Witz darüber.

SPIEGEL ONLINE: Ist irgendwas an Donald Trump lustig?

Pollock: Zuerst haben alle über Trump gelacht. Das ging so bis vor ungefähr sechs Monaten. Kein Mensch nahm ihn ernst, Trump wurde belächelt. Aber als feststand, dass er tatsächlich mit vielen Anhängern zum Kandidaten der Partei gekürt wird, verging vielen das Lachen. Dann wurde die Sache eher unheimlich. Seine Auftritte wurden begleitet von einer düster aufgeladenen, ja gewaltbereiten Stimmung. Keiner hatte sich ausgemalt, dass es so schlimm kommen könnte, aber so kam es. Das furchtbarste ist, dass sich diese Stimmung bis weit nach der Wahl halten wird.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie irgendetwas Gutes in Donald Trumps Aufstieg?

Pollock: Ja, das macht dem letzten Zyniker klar, dass eine Menge Menschen in den USA wütend sind. Falls Hillary gewinnt, sollte sie diese Menschen nicht vergessen.

SPIEGEL ONLINE: Das Amerika, das Metropolen wie New York oder Los Angeles abbilden, hat wenig zu tun mit dem amerikanischen Hinterland, das sich jenseits dieser Metropolen erstreckt und in dem Donald Trump punktet. Wo liegt das wahre Amerika?

Pollock: Eine sehr schwierige Frage. Bis vor ungefähr einem Jahr hätte ich ihnen auf diese Frage geantwortet, dass Sie das wahre Amerika an Orten wie Ohio finden. Aber das gilt nicht mehr. Sie finden so viel Wut wie noch nie unter den Arbeitern der USA. Da gibt es immer mehr Menschen, die kaum noch über die Runden kommen. Es sind zuletzt so viele einfache Jobs verlorengegangen. Da bleiben viele auf der Strecke. Das wahre Amerika finden sie jedenfalls nicht in New York oder San Francisco.

SPIEGEL ONLINE: Ist Amerika brutaler geworden?

Pollock: Wir sind grundsätzlich eine gewalttätige Nation. Das gehört bei uns zur Geschichte. Aber in Chicago sind in diesem Jahr bereits so um die 600 Morde begangen worden. Das muss man sich mal vorstellen. Bei einem Terroranschlag, der 30 Tote fordert, würde ein Riesenaufstand gemacht. Aber weil die 600 Toten von Chicago überwiegend Schwarze waren, wird kein Aufheben davon gemacht. In Columbus, Ohio, was bei mir um die Ecke liegt, gab es 2016 auch bereits 300 Morde. Und dann kommt da einer wie Trump und heizt den Hass noch weiter an. Nicht umsonst gab es bei seinen Wahlkampfveranstaltungen schon wilde Schlägereien. Ich mag mir nicht ausmalen was los ist, wenn Trump gewinnt.

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Donald Ray Pollock:
Die himmlische Tafel

Übersetzt von Peter Torberg

Liebeskind; 432 Seiten; 22 Euro

SPIEGEL ONLINE: War die Gewalt früher zivilisierter?

Pollock: Sie war reduzierter. Als ich in Ohio aufwuchs, hatten alle Nachbarn ein Gewehr und vielleicht noch eine Schrotflinte dazu. Aber diese Waffen verstaubten den Großteil des Jahres im Schrank. Im Herbst kamen sie zum Einsatz, wenn es zur Jagd ging. Danach kamen sie wieder für ein Jahr in den Schrank. Das war früher. Zwei meiner Freunde besitzen jeweils mehr als 150 Schusswaffen. Jeder Nachbar, den ich kenne, ist bewaffnet. Die meisten schwer. Ich amüsiere mich immer, wenn nach irgendeiner Gewalttat wieder ein Waffenverbot gefordert wird, denn dafür ist es zu spät. Sollen sich die bislang verkauften Waffen in Luft auflösen? Sammelt die jemand ein?

SPIEGEL ONLINE: Besitzen sie eine Schusswaffe?

Pollock: Ja, eine alte 44er-Magnum. Ich habe die von meinem Vater übernommen, der sie jemandem, der in Not war, abgekauft hatte. Daraufhin bat mich mein Vater, das Ding zu übernehmen. Ich gab ihm das Geld dafür, ließ die Waffe aber bei ihm. Dort liegt sie seit 20 Jahren. Ich benötige keine Waffe. Das würde schon meine Frau verbieten. Mein direkter Nachbar hat so um die 50 Schusswaffen und kann gar nicht fassen, dass ich ohne eine einzige bislang überlebt habe.


Donald Ray Pollock auf Lesereise im November: 8.11. in Hamburg, 9.11. in Dortmund, 10.11. in Berlin, 11.11. in Zürich, 12.11. in München



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Seite 1
marty_gi 08.11.2016
1. keiner....
Keiner meiner Nachbarn hat 'ne Waffe - und dadurch fuehle ich mich sicher. Und bin ohne Angst. Und letztlich frei. Vielleicht ist die USA ja nicht "the land of the free"....... Hmm.
ackergold 08.11.2016
2.
Ich kenne überhaupt niemanden, der eine Waffe besitzt, alle leben noch, keiner wurde jemals angeschossen und schon gar keiner hat einen anderen ermordet. Lebe ich etwa im Paradies?
observerlbg 08.11.2016
3. Gibt euch mehr Mühe, euch in die Seele des ländlichen US-Bürgers rein zu denken.
Hinter jeder Ecke lauerte ein wildes Tier oder Indianer. Später dann die Outlaws. Und nun die illegalen Einwanderer und natürlich die Islamisten. Da helfen nur so zehn bis zwanzig Firearms pro Kopf. Dafür müssen immer Dollars vorhanden sein. Und so'n kommunistischer Firlefanz wie z.B. 'ne Krankenversicherung raubt einen doch nur aus. Ja, früher war alles....äh, früher. Nein, nicht die Hillbillies sind der Demokraten Problem. Es sind die heimlichen Anarchisten in den USA. Da hat Michael Moore schon recht. Nicht DT soll gewählt werden. Die Kandidatin des Establishment soll verhindert werden!
sennahoj 08.11.2016
4.
Zitat von ackergoldIch kenne überhaupt niemanden, der eine Waffe besitzt, alle leben noch, keiner wurde jemals angeschossen und schon gar keiner hat einen anderen ermordet. Lebe ich etwa im Paradies?
Yepp. Sofern Sie in Deutschland leben, befinden Sie sich, relativ gesehen, im Paradies: zu essen und zu trinken (aus dem Wasserhahn, wennse wolln), Dach über'm Kopf, wennse krank sind, gehnse einfach zum Doc an der nächsten Ecke. Und niemand kommt Sie holen, wennse lautstark über die Herrschenden lamentieren. Man kann sogar einigermaßen unbehelligt von A nach B. Ist in den meisten Gegenden dieser Erde nich' so; war da und hab's gesehen. Vergessen nur viele hin und wieder...
MKAchter 08.11.2016
5. Aussage?
Zitat von ackergoldIch kenne überhaupt niemanden, der eine Waffe besitzt, alle leben noch, keiner wurde jemals angeschossen und schon gar keiner hat einen anderen ermordet. Lebe ich etwa im Paradies?
Zunächst mal gehen nicht alle mit ihrem Waffenbesitz "hausieren", von daher ist das mit dem "kennen" ohnehin so eine Sache. Ich für meinen Teil kenne etliche, die Waffen haben, und da wurde auch niemand angeschossen oder hat einer einen anderen ermordet. Ich kenne übrigens auch niemanden, der Frau und Kinder erwürgt oder mit seinen scharfen Kochmessern den Nachbarn erdolcht hat... Überhaupt weiß ich nicht, was mit dieser Waffenbesitz-Geschichte ausgesagt werden soll.
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