Raymond Pettibon Desillusionierung als Beruf

Der Künstler Raymond Pettibon seziert die Nachtseite des amerikanischen Traums - eine Ausstellung und ein Buch zeigen frühen Zeichnungen aus seiner Fanzine-Zeit.

Von Gunnar Luetzow


Pettibon-Artwork für das Black-Flag-Album "My War"

Pettibon-Artwork für das Black-Flag-Album "My War"

Viele Angehörige der Generation SST glauben Raymond Pettibon aus der heimischen Plattensammlung zu kennen. Schließlich finden sich die Werke des 1957 in Tucson, Arizona geborenen und heute im kalifornischen Hermosa Beach lebenden Künstlers auf den Covern von Bands wie Black Flag, Minutemen und Sonic Youth. Dazu klingen einige Gruppenausstellungen mit seiner Beteiligung ganz so, als hätten Punk und die Folgen kräftig das Haus gerockt: "Social Distortion", "Louder" und "Dysfunction U.S.A." Obendrein war da ja auch noch die Sache mit seinen Fanzines, die inzwischen als Raritäten hoch gehandelt werden: Über 100 eigenwillige, selbst gemachte Heftchen im A5-Format mit Titeln wie "Tripping Corpse", die in Kleinstauflagen von 30 bis 150 Exemplaren gedruckt und zu Tiefstpreisen von eineinviertel bis zwei Dollar über den Mail Order Service der Plattenfirma seines Bruders, dem Black-Flag-Gitarristen Greg Ginn, vertrieben wurden.

Jesus by Pettibon: Das Erhabene mit dem Profanen

Jesus by Pettibon: Das Erhabene mit dem Profanen

Wer aber Raymond Pettibon als Teil einer nicht mehr ganz so aktuellen Jugendbewegung abheftet, der irrt. Schließlich hat er nicht erst gestern die höheren Weihen der Kunstwelt erhalten: Einzelausstellungen im Museum of Contemporary Art, Los Angeles und im Philadelphia Museum of Art, die Whitney-Biennale und einen Ankauf durch das Museum of Modern Art kann Pettibon auf der Habenseite verbuchen. Allein die Frage, in wie weit der Künstler sich selbst jemals als bekennender Teil einer bestimmten Szene verstanden hat, ist weniger einfach zu klären als die Frage, warum man die aktuelle Ausstellung "Raymond Pettibon - aus dem Archiv der Hefte" in der Berliner Galerie Contemporary Fine Arts besuchen oder zumindest einen Blick in den gleichnamigen Bildband aus dem Verlag Walther König werfen sollte.

Der Herausgeber Roberto Ohrt erklärt: "Pettibon ist eigentlich ein Archiv der Kulturgeschichte Amerikas in der letzten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wo enden die sechziger Jahre? Mit Manson und Hippies, die in Blutrausch geraten oder aus dem Fenster springen. Und wo enden die Punks, wo werden sie selbst wieder zu Hippies? Bis hin zu den Hintergründen von Figuren wie Disney, Hoover und Kennedy, zum alltäglichen Rassismus in den USA und zur Atombombe. Das kann man nirgendwo begrenzen und das ist auch das Interessante an jeder einzelnen Zeichnung, dass sie schwer auf eine einzelne Pointe zu fixieren ist."

Künstler Pettibon: "Archiv der Kulturgeschichte"

Künstler Pettibon: "Archiv der Kulturgeschichte"

Dennoch lassen sich in Pettibons Arbeiten immer wiederkehrende Motive entdecken, die in immer neuen Kombinationen zumindest in "Gottes eigenem Land" auf wenig Gegenliebe stoßen werden, verbinden sie doch auf bisweilen blasphemische Weise das Erhabene mit dem Profanen: Ein surfender Jesus oder ein Priester mit einer eingedellten Boxernase sind noch vergleichsweise harmlose Kopplungen von Erlösung und American Way of Life beziehungsweise Glauben und Gewalt. Mit klaren Konturen, harter Schraffur, wenig Licht und viel Schatten geht Pettibon schonungslos zur Sache, wenn er statt der heilen Vorstadtidylle das Zwischenreich der Drop-Outs ausleuchtet und die alltägliche Welt als eine Welt der Kleinkriminalität und die Geschlechterbeziehungen als Machtbeziehungen zeigt.

Dabei geht Pettibon erfrischend undidaktisch vor: "Keines seiner Motive ist in sich abgeschlossen in seiner Bedeutung. Wenn er es wieder verwendet und mit einem neuen Text versieht, und so eine neue Spannung aufbaut, dann befragt er sich eigentlich auch immer wieder selbst: 'Wie weit weiß ich eigentlich, worum es hier geht, wie weit kann man es abschließen?' Das endet bei ihm nie", erläutert Ohrt. Dieser offene Raum wird vergrößert durch das Spannungsfeld zwischen Gezeichnetem und Geschriebenem. Zwar kommt Pettibon von der Karikatur und vom Comic, doch verweigern bereits frühe Arbeiten eine geschlossene Erzählhandlung. Durch die scheinbar unzusammenhängende Assoziation von Texten aus den unterschiedlichsten Quellen, die von Benjamin-Zitaten bis zu philosophischen Betrachtungen Ludwig Wittgensteins reichen oder Baudelaire und Proust bemühen, mit den Ikonen des Trivialen entsteht eine Fallhöhe, die Momente von Verstörung und unversöhnlicher Desillusionierung schafft.

Pettibons Elvis: Klare Konturen, harte Schraffur, wenig Licht und viel Schatten

Pettibons Elvis: Klare Konturen, harte Schraffur, wenig Licht und viel Schatten

Doch nicht einmal sich in dieser Distanz einzurichten und nun für immer das gewohnt Unerwartete zu erwarten, verschafft Sicherheit, denn Desillusionierung als Beruf hinterlässt Spuren: Dem Raymond Pettibon, der dem Betrachter vom Buchcover entgegenblickt, rinnt eine Träne aus dem linken Auge und Bild und Text liegen seltsam nah beieinander: "My heart tells me that you will not listen to my words and this is the cause of my tears and cries." Die ernst gemeinte Klage eines Unverstandenen oder ein sarkastisches Spiel mit einem Künstlerklischee? Pettibon zu kennen, bleibt wohl bis auf weiteres ein Abenteuer.

Roberto Ohrt (Hg.): "Raymond Pettibon - Aus dem Archiv der Hefte", Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln; 898 Seiten, 800 Abbildungen; 98 Mark.


Ausstellung "Raymond Pettibon - Aus dem Archiv der Hefte" bis 16.12.00 bei Contemporary Fine Arts, Sophienstraße 21, 10178 Berlin




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