Reaktion des Gesandten in Berlin Israel verdammt Grass-Gedicht

"Aggressives Pamphlet", "unverantwortlich" - Politiker und der Zentralrat der Juden reagieren scharf auf das Günter-Grass-Gedicht zum Iran-Konflikt. Besonders deutliche Kritik kommt vom israelischen Gesandten in Berlin, Emmanuel Nahshon. Grass bediene sich antisemitischer Klischees.

dapd

Berlin/Hamburg - Israel hat die Vorwürfe scharf zurückgewiesen, die Günter Grass in dem in mehreren Zeitungen veröffentlichten politischen Gedicht "Was gesagt werden muss" erhoben hat. Grass hatte Israel darin vorgeworfen, "alles vernichtende Sprengköpfe" auf Iran zu richten.

In einer Stellungnahme auf der Homepage der Botschaft schreibt der israelische Gesandte in Berlin, Emmanuel Nahshon, es gehöre zur europäischen Tradition, "die Juden vor dem Pessach-Fest des Ritualmords anzuklagen. Früher waren es christliche Kinder, deren Blut die Juden angeblich zur Herstellung der Mazzen verwendeten, heute ist es das iranische Volk, das der jüdische Staat angeblich auslöschen will." Israel sei der einzige Staat der Welt, dessen Existenzrecht öffentlich in Frage gestellt werde.

Die Stellungnahme beginnt mit den Worten "Was gesagt werden muss" - unter diesem Titel hat Günter Grass in den jeweiligen Mittwoch-Ausgaben der "Süddeutschen Zeitung" und von "La Repubblica" ein Gedicht veröffentlicht, in dem er den Staat Israel wegen dessen Haltung im Atomkonflikt mit Iran attackiert. Zudem kritisierte der Literaturnobelpreisträger darin die deutsche Außenpolitik.

Grass stellt in dem Text in Frage, dass Iran tatsächlich an einer Atombombe baue: "Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden", heißt es in dem Gedicht, und weiter, ein Angriff auf Iran wäre eine Verbrechen, an dem sich auch Deutschland aufgrund von Waffenlieferungen mitschuldig machen könnte.

In seiner Antwort betont der Gesandte Nahshon am Ende, die Israelis wollten jedoch in Frieden mit den Nachbarn in der Region leben. Zudem seien die Israelis nicht bereit, "die Rolle zu übernehmen, die Günter Grass uns bei der Vergangenheitsbewältigung des deutschen Volkes zuweist".

"Diesmal liegt Grass gründlich daneben"

Auch der Zentralrat der Juden in Deutschland hat den Text Grass' scharf kritisiert. Er sei "ein aggressives Pamphlet der Agitation", sagte Zentralratspräsident Dieter Graumann. Es sei traurig, dass Grass sich in dieser Form zu Wort melde und Israel dämonisiere. Der Text sei unverantwortlich und eine Verdrehung der Tatsachen. Nicht Israel, sondern Iran bedrohe den Frieden. Das Mullah-Regime unterdrücke die eigene Bevölkerung und finanziere den internationalen Terrorismus. "Ein hervorragender Autor ist noch lange kein hervorragender Analyst der Nahost-Politik", fügte Graumann hinzu.

Seitens der CDU erhebt sich ebenfalls deutlicher Widerspruch. "Ich bin über die Tonlage, über die Ausrichtung dieses Gedichtes entsetzt", sagte Generalsekretär Hermann Gröhe. Es verkenne völlig die Situation, dass ein nach Atomwaffen greifender Iran das Existenzrecht Israels bestreite, den Holocaust leugne und sich internationaler Kontrolle seiner Kernenergiekonzepte verweigere. Zudem bestehe kein Zweifel an der grundsätzlichen Einstellung Deutschlands, an der Seite Israels zu stehen - auch im Hinblick auf die deutsche Geschichte. "Und wenn eine Person wie Günter Grass dadurch auffällt, hier offensichtlich nichts gelernt zu haben, dann ist das sehr bedauerlich", sagte Gröhe.

Ruprecht Polenz, CDU-Abgeordneter und Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Bundestages, sagte der "Mitteldeutschen Zeitung": "Günter Grass ist ein großer Schriftsteller. Aber immer wenn er sich zur Politik äußert, hat er Schwierigkeiten und liegt meist daneben. Diesmal liegt er gründlich daneben." Die einseitige Schuldzuweisung an Israel sei falsch. "Das Land, das uns Sorgen bereitet, ist der Iran. Davon lenkt sein Gedicht ab. Grass verwechselt Ursache und Wirkung. Er stellt die Dinge auf den Kopf", sagte Polenz. Der außenpolitische Sprecher der Unions-Bundestagsfraktion, Philipp Mißfelder, sagte dem "Kölner Stadt-Anzeiger": "Das Gedicht ist geschmacklos, unhistorisch und zeugt von Unkenntnis der Situation im Nahen Osten."

"Selten hat mich etwas so erschüttert"

Die Bundesregierung reagierte demonstrativ gelassen. "Es gilt in Deutschland die Freiheit der Kunst und es gilt glücklicherweise auch die Freiheit der Bundesregierung, sich nicht zu jeder künstlerischen Hervorbringung äußern zu müssen", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes sagte, ihm seien von israelischer Seite noch keine offiziellen Reaktionen auf den Beitrag des Schriftstellers bekannt.

Beifall erhielt Grass von der Partei Die Linke. Deren Bundestagsabgeordneter Wolfgang Gehrcke teilte mit: "Günter Grass hat recht." Der Autor habe "den Mut auszusprechen, was weithin verschwiegen wurde".

Ebenfalls Unterstützung erhielt Grass vom Präsidenten des deutschen Pen-Zentrums, Johano Strasser. Er warne dringend vor Waffenexporten Deutschlands an eine israelische Regierung, die den Anschein erwecke, ein Krieg gegen den Iran sei unausweichlich, sagte Strasser dem Radiosender NDR Kultur.

Der Publizist Ralph Giordano verurteilte hingegen die Israel-Kritik von Günter Grass als einen "Anschlag auf Israels Existenz". "Selten hat mich etwas so erschüttert", schrieb der 89-Jährige der Nachrichtenagentur dpa. Mit seiner einseitigen Anklage stelle Grass die Dinge auf den Kopf. "Diese Umkehrung der Tatsachen, wer hier wen bedroht, trifft mich persönlich besonders tief, weil sie aus dem Munde von Günter Grass kommt. Als die Welt über ihn herfiel, weil er als Achtzehnjähriger bei der Waffen-SS war (und das lange verschwiegen hat), habe ich ihn verteidigt."

"Prototyp des gebildeten Antisemiten"

Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki wollte hingegen keine Stellung beziehen: "Ich werde mich nicht über Grass äußern." Reich-Ranicki und Grass hatten früher einige Jahre lang ein gespanntes Verhältnis, nachdem der Kritiker 1995 den Grass-Roman "Ein weites Feld" als "ganz und gar missraten" bezeichnet hatte. Seit einigen Jahren herrscht Frieden zwischen ihnen. Zum 80. Geburtstag Grass' im Jahr 2007 sagte Reich-Ranicki: "Ich gehöre zu den wenigen, die auch und ganz besonders die Lyrik von Grass schätzen und bewundern."

Der Publizist Henryk M. Broder bezeichnete Grass in einem Beitrag für die "Welt" als "Prototyp des gebildeten Antisemiten". Grass habe schon immer ein "Problem" mit Juden gehabt, "aber so deutlich wie in diesem 'Gedicht' hat er es noch nie artikuliert".

Grass selbst lehnte eine Rechtfertigung vorerst ab. "Herr Grass hat in seinem Gedicht gesagt, was er zu sagen hat und wird sich wegen gesundheitlicher Probleme bis auf weiteres nicht weiter dazu äußern", sagte seine persönliche Sekretärin Hilke Ohsoling.

Berichtigung: In einer früheren Version dieses Textes war zu lesen, Grass' Gedicht sei auch von der "New York Times" veröffentlicht worden. Das ist nicht der Fall.

fdi/dpa/dapd

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Seite 1
toskana2 04.04.2012
1. sollte man?
Zitat von sysopdapd"Aggressives Pamphlet", "unverantwortlich" - Politiker und der Zentralrat der Juden reagieren scharf auf das Günter-Grass-Gedicht zum Iran-Konflikt. Besonders deutliche Kritik kommt vom Gesandten Israels im Berlin, Emmanuel Nashon. Er rückt Grass in die Nähe antisemitischer Hetzer. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,825718,00.html
Sollte man sich jetzt darüber wundern?
Willi Wacker 04.04.2012
2. höchstens das ein Forum
Zitat von toskana2Sollte man sich jetzt darüber wundern?
zugestanden wird. Im übrigen entspricht die Reaktion auf Grass einmal mehr sämtlichen Erwartungen an bestimmte Reflexe. Naja.
robertll 04.04.2012
3. Wieso nur..
Ach Hr. Grass wieso haben sie uns das angetan? Vergessen wir doch den Iran und Israel, das ist nicht unser Problem und wen sich unsere Regierung raushält wird es auch nicht zum Problem.
malolinchen 04.04.2012
4. Israel - Iran - Konflikt - Gedicht
Zitat von sysopdapd"Aggressives Pamphlet", "unverantwortlich" - Politiker und der Zentralrat der Juden reagieren scharf auf das Günter-Grass-Gedicht zum Iran-Konflikt. Besonders deutliche Kritik kommt vom Gesandten Israels im Berlin, Emmanuel Nashon. Er rückt Grass in die Nähe antisemitischer Hetzer. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,825718,00.html
Atomwaffen besitzen, Angriffskrieg führen wollen, und und und... Da wird man doch ein kritisches Gedicht ertragen können.
sagichned 04.04.2012
5.
Zitat von robertllAch Hr. Grass wieso haben sie uns das angetan? Vergessen wir doch den Iran und Israel, das ist nicht unser Problem und wen sich unsere Regierung raushält wird es auch nicht zum Problem.
Aha, wer war denn jetzt antreiber der unberechtigten sanktionen der EU gegen Iran?
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