Reality-Fernsehen Deutschland sucht den Sperma-Star

Die Pläne der Reality-TV-Schmiede Endemol werden immer bizarrer: "Sperm Race" heißt eine Doku-Show, bei der Männer darum konkurrieren, wessen Sperma am zeugungsfähigsten ist. In Amerika und England, bei "Make Me a Mum" (Mach mich zur Mutter), darf der Potenteste auch gleich eine Frau beglücken.

Von Daniel Haas


 Show-Star Sperma: Der Stoff, aus dem Infotainment gezeugt wird
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Show-Star Sperma: Der Stoff, aus dem Infotainment gezeugt wird

1,6 Millionen Männer seien in Deutschland nur bedingt zeugungsfähig, referiert Borris Brandt sachlich die Lage. Der Deutschland-Chef von Endemol erkennt hier klar das Mandat zur Aufklärung: "1,6 Millionen Männer, macht 3,2 Millionen Betroffene, wenn man die Frauen dazu nimmt", rechnet Brandt vor - dass ist schon ein gesellschaftliches Dilemma, das kommuniziert werden muss.

Was wäre besser geeignet, als eine Sperma-Show, um den Deutschen klarzumachen, was es mit Geburtenrückgang und Kinderlosigkeit auf sich hat? "Wir machen Infotainment", wehrt sich Brandt gegen den Vorwurf, des Mannes Hoden zum - der Begriff sei erlaubt - Spielball schnöden Medienkalküls zu machen. "Wussten Sie zum Beispiel, dass Sperma auf der Haut sofort Glücksbotenstoffe freisetzt?", freut sich der Medienmanager, der zum so genannten Global Creative Team von Endemol gehört, das das Fruchtbarkeits-Format ausgeheckt hat.

Infotainment, nicht darwinistisches Zuchtfernsehen, hatten die Macher demnach im Sinn, als sie "Sperm Race" aus der Taufe hoben. Es werde eine richtige Rennstrecke geben, auf der nachgewiesen wird, wie schnell und kräftig das Sperma des betreffenden Mannes ist, erklärt Brandt. "Dann kann man mal sehen, wer fruchtbarer ist: der Computerfreak, der jeden Abend Wodka trinkt, oder der sportliche Motorradrocker". Letzterer könnte - sollten seine Spermien als erste die Ziellinie passieren - das Zweirad in der Garage lassen: Der Gewinner von "Sperm Race" wird mit einem Potenz signalisierenden Sportwagen belohnt.

Für den internationalen Markt sind die TV-Kreativen noch weiter gegangen: Im englischen und amerikanischen Fernsehen müssen die Sieger-Spermien nicht ungenutzt verkümmern, sondern dürfen Nachwuchs und Quote mehren. Bei "Make Me a Mum" (Mach mich zur Mutter) wird der Sperma-Sieger eine Frau befruchten. Gefragt, ob der Gen-Goliath nicht zur Gallionsfigur eines Zuchtgedankens mit üblem Beigeschmack werden könne, gibt sich Brandt besorgt. "Natürlich, diese Bedenken stellen sich ein. Letztlich ist es aber einfach eine selbstbewusste Frau, die sich einen Mann aussucht." Emanzipationsfernsehen also. Wenn das nicht von guten Absichten zeugt.



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