Reality-Show "Kid Nation" Getürkte Klassenfahrt ins Einsiedlerleben

40 Kinder ausgesetzt in einer Wildwest-Geisterstadt - heftige Debatten gab es schon, bevor die US-Reality-Show "Kid Nation" erstmals ausgestrahlt wurde. Zur Premiere zeigt sich jetzt: Das ganze Vorab-Theater war ein PR-Clou, das Abenteuer ist durch und durch inszeniert.

Von , New York


Selten hat eine Reality-Show in den USA so viel Wirbel verursacht, bevor sie überhaupt jemand zum ersten Mal gesehen hatte. Werbekunden sprangen empört ab. Kritiker rümpften die Nase. Von Kinderarbeit und Ausbeutung Hilfloser war die Rede. Es gab Unfälle. Die Mutter einer Teilnehmerin erhob Anzeige. Der Sheriff von Santa Fé ermittelte. Dann sogar der Justizminister von New Mexico.

Szene aus "Kid Nation": Am Ende weint immer das Streichorchester
CBS

Szene aus "Kid Nation": Am Ende weint immer das Streichorchester

Bessere PR kann man sich nicht erträumen. "Kid Nation", die jüngste Reality-Geburt des US-Networks CBS, der Urmutter aller Reality ("Survivor"), war in der Tat schon vor seiner gestrigen Premiere die "meistdiskutierte Serie des Herbstes". Dabei hatten noch nicht mal die Kritiker die Serie zu Gesicht bekommen. CBS gab keine Pressevorführungen und zeigte "Kid Nation" nur in ein paar Schulen vorab.

Der Rest der Fernsehnation musste bis gestern Abend warten, um zu sehen, was das ganze Theater sollte. Das Konzept: 40 Kinder zwischen 8 und 15 Jahren werden 40 Tage lang in einer Geisterstadt namens Bonanza City in New Mexico "ausgesetzt" (mit Proviant). Ziel des Sozialexperiments: Die Pioniergeschichte der Vereinigten Staaten zu rekonstruieren - und zu verbessern. Preisfrage: "Werden diese Kinder zeigen, dass sie die Vision haben, eine bessere Welt zu bauen als die Pioniere vor ihnen?"

Schön gesagt. Aber natürlich ist jede Reality-Show heutzutage genauso inszeniert wie "CSI", und natürlich ist auch "Kid Nation" nur Attrappe. Wortwörtlich: Bonanza City "am Ende der Welt" (CBS) ist in Wahrheit die Bonanza Creek Ranch, eine Miet-Filmkulisse in der Nähe des Flughafens von Santa Fé, nur wenige hundert Meter vom Freeway I-25 entfernt. Hier entstanden zum Beispiel der Kevin-Costner-Western "Silverado", "Butch Cassidy und Sundance Kid" mit Paul Newman und Robert Redford sowie Werbespots für Ford.

Cowboy-Hüte, Halstücher und Zahnklammern

Gut, abgesehen vom nervtötenden Moderator sind nirgends Erwachsene zu sehen. Doch die Kameras sind immer dabei (und die Crew ist stets nur einen Schattenwurf entfernt) - zu Fuß, im Auto, selbst in Helikoptern, die über das potemkinsche Wüstendorf knattern. Etwas weiter abseits stehen, wie inzwischen auch bekannt wurde, Produzenten, Ärzte, Psychologen und Tierbetreuer Gewehr bei Fuß.

Man weiß also die ganze Zeit, dass das Drama Augenwischerei ist. Schon am Anfang, als die Kinder - die je 5000 Dollar "Gage" bekamen - in einem Schulbus angekarrt werden, begrüßt von Wildwest-Klängen ("Spiel-mir-das-Lied-vom-Tod"-Mundharmonika, Banjo) und dem Rasseln einer Klapperschlage aus der Soundtrack-Büchse. "Ich glaube, ich werde hier draußen sterben", bebt Jimmy, 11, artig in die Kamera. Die Kinderstars kennen ihre Rolle.

Die Produzenten haben Bonanza City als TV-Bühne hergerichtet, dekorativ verwahrlost, doch mit perfekter Beleuchtung. Es gibt einen Saloon (Root Beer, Limo), einen Kramladen, ein Lebensmittelgeschäft, vier "Bunkhouses" zum Schlafen und - vorerst - nur ein Klohäuschen. Bonanza City ist nichts anderes als eine rauhe Jugendherberge, "Kid Nation" eine getürkte Klassenfahrt ins Ungewisse.

Viele Kinder tragen Cowboy-Hüte und Halstücher. Manche tragen Zahnklammern. "Nichts hier, alles tot", lügt Mike, 11, gleich von zwei (unsichtbaren) Kameraleuten durch den Staub verfolgt. Nur die zehnjährige Taylor postuliert eine unumstößliche Realität dieser Reality: "Kein Präsident Bush!"



insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
Niobe, 20.09.2007
1.
Ich stell mir gerade vor, es wären keine Ärzte, Psychologen usw. dabei gewesen. "Herr der Fliegen" läßt grüßen...
Nyrida 20.09.2007
2.
Und wieder eine US Serie die man auf den Mond schiessen sollte. Die Kinder tun mir da Leid. Sowas gehört in kein Fernseh Programm der Welt.
tschare, 20.09.2007
3. "getürkt"
Was soll denn eine "getürkte" Klassenfahrt sein? Also ehrlich!
Luke1973 20.09.2007
4.
Zitat von tschareWas soll denn eine "getürkte" Klassenfahrt sein? Also ehrlich!
http://de.wikipedia.org/wiki/T%C3%BCrken_(Verb)
Robert Hut, 20.09.2007
5. Fernseh-Müll
Es gibt keine einzige sog. Reality Show, die es verdient, ausgestrahlt zu werden. Schlimmer noch als die Hersteller und Protagonisten dieser Serien, sind aber die Zuschauer, die sich auf diesen Müll einlassen!
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