Erdogan-Statue in Wiesbaden Taunus statt Taurus

Mit erhobenem Zeigefinger und im goldenen Glanz zeigt der türkische Staatspräsident, wo es langgeht - von der Wiesbadener Innenstadt aus. Zur Freude von Anhängern und Kritikern gleichermaßen.

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Eine Glosse von


Gut sieht er aus, der Recep Tayyip Erdogan, und so stattlich. Wie es sich für einen Staatsmann seines Formats gehört. Vier Meter hoch auf schmalem Sockel, mehr als zwei Tonnen schwer und in goldenem Glanz, so steht er seit Montagabend auf dem Platz der Deutschen Einheit in der Innenstadt von Wiesbaden. Mit ausgestrecktem Arm zeigt er, wo's langgeht, ins Ungefähre und nach oben. Richtung Taunus statt Taurus.

Allerdings weilt der Osmanen-Erbe, anders als in früheren Zeiten die Romanows oder die Hohenzollern, nicht zur Kur oder auf Staatsbesuch in der hessischen Landeshauptstadt. Sondern auf Initiative des Staatstheaters im Rahmen des Kunstfestivals "Biennale". Da steht er nun herum und tut, was Kunst eben tun soll. Verquer in den Alltag hineinragen, zum Nachdenken anregen, vielleicht sogar provozieren.

Das macht er gut. Türkische Nationalisten nutzen die unerwartete Gelegenheit, ihren Nachwuchs vor der Statue des "Chefs" zu fotografieren. Nachgedacht wird in diesen Kreisen eher weniger. Da ist ein Erdogan, der ist sehenswürdig - also Smartphone raus und draufgehalten. Die Verwandtschaft in Ankara oder Istanbul wird Augen machen!

Den Kitsch für bare Münze nehmen

Deutsche Nationalisten wiederum nutzen die Gelegenheit, die Statue sarkastisch als "passendes Symbol für die völlig verfehlte Integrationspolitik der Altparteien" zu brandmarken. Nachgedacht wird auch in diesen Kreisen vorsichtshalber weniger. Da ist ein Erdogan, das ist kein Stauffenberg, nicht einmal ein Bouffier, das ist eigentlich ein "türkischer Hitler" (Edding auf Goldfarbe, 2018). Unverschämtheit! Die Erhitzten auf beiden Seiten gleichen sich in ihrer Bereitschaft, den Kitsch für bare Münze zu nehmen.

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Kunstaktion: Der Erdogan in Wiesbaden

Sofern man nicht Angela Merkel oder Mesut Özil heißt, kommt man nur selten auf Tuchfühlung an einen Erdogan heran. Weshalb ihm manche Besucher auf eine Weise ihre Meinung geigen, für die sie daheim in der Türkei in den Bau wandern würden. "Fuck you" steht auf seinem Jackett. Ein gewaltiges Gemächt aus grüner Sprühfarbe prangt auf seinem Bein - und wir haben erst Dienstag!

Möglich, dass die berüchtigte "Parallelgesellschaft" (AfD) in Wiesbaden bewaffnete Milizen bildet, ihren geliebten Führer vor abweichenden Meinungen zu schützen. Nicht unwahrscheinlich also, dass allein die symbolische Präsenz des Politikers die öffentliche Ordnung in einer deutschen Provinzstadt ins Wanken bringt. Apropos Wanken: Möglich auch, dass Erdogan es nicht einmal unbeschadet bis Sonntag schafft. Wie lange würde sich wohl eine goldene Viermetermerkel in Gaziantep halten? Oder in Chemnitz? Eben.

Angenehm perfide und durchaus politisch an der Aufstellung dieser Statue ist, dass hierzulande staatlicherseits schon seit mindestens 70 Jahren keine herrschaftlichen Denkmäler mehr in Auftrag gegeben werden. Allenfalls wird in der Fußgängerzone mal eine Lokalprominenz Faktotum gewürdigt, in Bronze. Auch ist es nicht so, dass die Türkei der Stadt Wiesbaden einen Erdogan geschenkt hätte - wie China unlängst der Stadt Trier einen Karl Marx.

Vom Koran verboten

Es will, im Gegenteil, der Präsident sich selbst nicht sehen: "Ich will weder, dass eine Statue von mir aufgestellt wird, noch dass Masken angefertigt oder sonstige Abbildungen dieser Art gemacht werden", hatte Erdogan im September 2017 erklärt. Erstens ist nach strenger Auslegung des Koran die plastische Abbildung von Menschen nicht erlaubt. Zweitens sah keine der - nach dem gescheiterten Putsch von vielen Gemeinden bestellte - Auftragsstatuen so aus wie das Original. Die regierungstreue Zeitung "Sabah" seufzte seinerzeit: "Was sind diese Statuen doch für ein Leid für Erdogan!"

Möglich also auch, dass in Wiesbaden demnächst eine diplomatische Protestnote einflattert. Und umso sympathischer, dass Erdogan in Deutschland relativ schutzlos der Liebe seiner Anhänger und der Wut seiner Gegner ausgesetzt ist. Zumal die Statue selbst auf die Inflation ähnlicher Darstellungen in der Türkei verweist.

Tatsächlich handelt es sich beim glücklichen Osmanenprinz von Wiesbaden um die so hintersinnige wie exakte Replika einer Skulptur, auf die der Künstler Nuh Açn sitzen geblieben ist. Nachdem die Gemeinde, die das Ding in Auftrag gegeben hatte, einfach nicht mehr ans Telefon ging, stellte Açn das Monstrum kurzerhand an einer Ausfallstraße ins Gebüsch.

Es ist genau das, wonach es auch in Wiesbaden aussieht. Ramsch.



insgesamt 8 Beiträge
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bonus 28.08.2018
1. Kunst soll auch provozieren
und zum Nachdenken anregen. Ich kann Erdogan nichts abgewinnen, aber die Statue finde ich großartig :-)
izach 28.08.2018
2. Schiefe Bahn
Diese Geschichte entgleist bereits dadurch, dass der vermeintliche Künstler nicht beim Namen genannt wird. Daran könnte man vermutlich erkennen, ob hier ein Schrein errichtet wurde, überlebensgroß und golden oder ob es Satire werden sollte. Im ersten Fall sollte man das Ding einfach umkippen und zurück an den Bosporus schicken. Schließlich sind wir für türkischen Sperrmüll nicht zuständig. Im zweiten Fall: das ist keine Kunst sondern kann weg. Entsorgen wir es einfach selbst.
oliver.devabindu.koenig 29.08.2018
3. Köstlich! Bitte mehr davon!
Top Realsatire! Sowas braucht man viel viel mehr, um die Demokratie zu verteidigen.
monke 29.08.2018
4. Eine Beleidigung
aller Menschen, die unter dem Erdogan-Regime leiden. Und schüren von Konflikten in einem problematischen Stadtviertel. Was soll das? Kunst? Nein, schlicht Aufhetzung!
varphi 29.08.2018
5. Man muss mit sowas
Immer ein wenig vorsichtig sein. In aktuellen Zeiten kann das schnell nach hinten losgehen. Wie im Artikel beschrieben, kann es zum Vandalismus führen oder im Ausland zufällig von CNN aufgegriffen werden mit dem Titel „Germany to support Erdogan“. Um ehrlich zu sein sind die Spannungen aktuell so groß dass wir solche Missverständnisse nicht provozieren müssen.
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