Recherchefehler beim RBB "Polylux" und der faule Apfel

Das ARD-Magazin "Polylux" ließ einen obskuren Esoteriker zu Wort kommen, der wegen Verharmlosung des Holocausts vorbestraft ist. Man habe das nicht gewusst, verteidigt sich die Redaktion. Der Sender entschuldigte sich inzwischen bei der Jüdischen Gemeinde für die grobe Fahrlässigkeit, nicht aber bei seinen Zuschauern.

Von Henryk M. Broder


Jutta Ditfurth, Urmutter der Grünen und inzwischen Vorsitzende der ÖkoLinX-Fraktion im Frankfurter Stadtparlament, sieht selten fern, aber am späten Abend des 8. Dezember war ihr nach leichter Kost und Unterhaltung zumute. Beim Zappen durch die Programme blieb sie kurz vor Mitternacht bei der ARD hängen. Da lief, wie jeden Donnerstag, das Magazin "Polylux", das sich darauf spezialisiert hat, seltsame Zeitgenossen aus einer schrägen Perspektive heraus zu präsentieren.

"Polylux"-Moderatorin von Hardenberg: "Er war der perfekte Irre"
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"Polylux"-Moderatorin von Hardenberg: "Er war der perfekte Irre"

Was Jutta Ditfurth dazu brachte, die Fernbedienung aus der Hand zu legen, war ein Beitrag über einen Mann, der Tom Hockemeyer heißt, sich Trutz Hardo nennt und seit langem in der Esoterik-Szene aktiv ist: "Es war ein in jeder Hinsicht unfassbar unkritischer Beitrag über einen rechtskräftig verurteilten Volksverhetzer und Antisemiten." Für Ditfurth war er ein alter Bekannter, mit dessen Wirken sie sich schon öfter beschäftigt hatte.

Trutz Hardo ist ein Experte für "Rückführungen", er bringt Menschen in ihr vorheriges Leben zurück. Außerdem schreibt er auch Bücher über Grenzerfahrungen und Grenzüberschreitungen. Eines seiner Werke mit dem Titel "Jedem das Seine" wurde 1998 durch ein Gerichtsurteil aus dem Verkehr gezogen, Hardo selbst "wegen Volksverhetzung in Tateinheit mit Beleidigung und der Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener" zu einer hohen Geldstrafe verurteilt.

Er hatte in "Jedem das Seine" unter anderem geschrieben, die vergasten Juden "mussten durch diesen Gewalttod noch nicht ausgeglichenes Karma abtragen", sie hatten "früher andere Menschen getötet oder zugestimmt, dass andere Erdenbewohner, meist Juden und Minderheiten" umgebracht wurden. Es war nicht Hitler, der "den Juden das Schicksal der Gaskammer zuerteilt" hat, sondern "jene haben es sich selbst ausgesucht", der "Führer" sei "nur der Vollstrecker ihres Willens" gewesen. Für das Gericht war der Fall klar: "Der Angeklagte macht im Ergebnis die Opfer des Holocaust zu Tätern (eines früheren Lebens) und verharmlost auf diese Weise die grausame Vergasung von Millionen jüdischer Mitbürger unter der Herrschaft des Nationalsozialismus." Das Urteil des Amtsgerichts Neuwied wurde vom Landgericht Koblenz in der Berufung bestätigt. Es half Hardo/Hockemeyer nicht, dass sein Buch von seinen Szene-Freunden als der "mutigste Roman unseres Jahrhunderts" gefeiert und er von einem Rechtsanwalt verteidigt wurde, der auch Neonazis vertritt.

"Polylux war natürlich dabei"

Jutta Ditfurth, die zu den wenigen Zuschauern gehörte, die die Sendung gesehen hatten, schaute auf der Website von Polylux nach und fand dort einen launigen Hinweis auf den Beitrag: "Gut, dass es Menschen wie Trutz Hardo gibt, die einem helfen sich zu erinnern. Er macht Rückführungen in vorherige Existenzen und Polylux war natürlich dabei."

Im Beitrag selbst wurde Hardo, wie bei Polylux üblich, von oben herab präsentiert, eher zärtlich als zynisch; von der Verurteilung und dem Verbot seines Buches war keine Rede, dafür wurden seine sonstigen Werke gezeigt, auch der Verweis auf seine Homepage fehlte nicht. Der unbefangene und unwissende Zuschauer musste den Eindruck gewinnen, er habe es mit einem harmlosen Spinner aus jener Ecke zu tun, in der auch Eigen-Urin als Heilmittel gegen alle Leiden angepriesen wird.

Ditfurth schrieb eine Presseerklärung und gleich darauf eine "Beschwerde", die sie an den Rundfunkrat des RBB schickte. Darin zitierte sie noch einmal ausgiebig aus den Stellungnahmen von Hardo ("Übrigens sind viele der damals im Holocaust Umgekommenen heute wieder in Deutschland reinkarniert!") und machte der Redaktion den Vorwurf, dem "Scharlatan" und dem "aggressiven Antisemiten Hardo, der die jüdischen Toten verhöhnt", eine "neue Bühne gebaut" zu haben - "hirnlos, kenntnisfrei, leichtfertig und verantwortungslos".

Die Beschwerde wäre vermutlich in irgendeiner Ablage verschwunden, wenn nicht Alexander Brenner auf Umwegen von ihr erfahren hätte. Brenner vertritt die Berliner Jüdische Gemeinde im Rundfunkrat des RBB und brachte die Sache dort zur Sprache. Es könne doch nicht die Aufgabe eines öffentlich-rechtlichen Senders sein, für eine obskure Gestalt wie Hardo Werbung zu machen. Und so kam dann doch ein Skandal in die Gänge, bei dem vor allem eines klar wurde: Ohne eine Intervention von Außen hätten die unmittelbar Beteiligten und Verantwortlichen nichts gemerkt.

Warten, bis das Gras wächst

Der Leiter des Programmbereichs Film und Unterhaltung beim RBB, Helmut Lehnert, schrieb Brenner einen Brief, in dem er "schwerwiegende journalistische Mängel" einräumte und sich für den Beitrag entschuldigte - bei Brenner und nicht bei den Zuschauern von Polylux, die nicht weniger Grund hätten, sich veräppelt zu fühlen.

Er erwähnte, die "Polylux"-Redaktion sei vor kurzem "für ihre engagierte Berichterstattung mit dem Civis-Preis für Integration und kulturelle Vielfalt ausgezeichnet" worden und versprach seine Verantwortung für das Programm in Zukunft "noch ernster" zu nehmen. Auf die Anfrage von SPIEGEL ONLINE, ob es nicht angemessener gewesen wäre, sich bei den Zuschauern zu entschuldigen, sagte Lehnert, es wäre "nicht sinnvoll, dass man sich auf etwas bezieht, das Wochen zurück liegt".

Auch die Intendantin des RBB, Dagmar Reim, äußerte in einem Brief an der derzeitigen Vorsitzenden der Berliner Jüdischen Gemeinde, Gideon Joffe, ihr Bedauern über den Beitrag. Sie sei der Auffassung, "dass wir ihn in seiner jetzigen Gestalt nicht hätten ausstrahlen dürfen" und habe Maßnahmen getroffen, "dass sich ein vergleichbarer Fall nicht noch einmal ereignen kann".

Während der verantwortliche Redakteur und die Intendantin auf die Beschwerden von Brenner und Joffe verständnisvoll reagierten, fiel die Antwort der RBB-Chefin an Jutta Ditfurth ganz anders aus. Zunächst klärte die Intendantin "Frau Jutta Ditfurth" über das Instrument einer "Programmbeschwerde" auf und verwahrte sich sodann "gegen die Art und Weise, in der Sie Ihre Kritik vorbringen". Die wäre "gänzlich unpassend" und auch "überzogen".

Zwar erfülle der Beitrag "nicht die journalistischen Standards", die der RBB anlege, dennoch sei alles nicht so schlimm, denn: "Nach den mir vorliegenden Informationen hat Herr Hardo überdies laut den Feststellungen des Strafgerichts keinesfalls aus einer grundsätzlich antisemitischen oder gar aggressiven judenfeindlichen Haltung heraus gehandelt. (...) Als verurteilten Antisemiten wird man Herrn Hardo danach nicht ohne weiteres bezeichnen können", letztlich, so Reim, sei das eine Frage, die "offen bleiben" müsse.

Der Brief der Intendantin lässt vermuten, dass sie das Urteil des Gerichts entweder nicht gelesen oder nicht richtig verstanden hat. Ihr Brief endete mit der überraschenden Feststellung: "Im Ergebnis halte ich Ihre Beschwerde mithin für begründet und helfe ihr hiermit ab." So hat man früher auf ostelbischen Gütern mit aufsässigem Gesinde geredet.

"In die Spinnerecke"

Mit der Entschuldigung bei den Vertretern der Jüdischen Gemeinde war der Fall für den RBB erledigt. Hauptsache, der Antisemitismusvorwurf war vom Tisch, der Rest würde sich versenden. Richtig unglücklich über die ganze Geschichte war nur die Produzentin und Moderatorin von Polylux, Tita von Hardenberg. "Das ist der Alptraum einer jeden Redaktion. Uns ist ein fauler Apfel in die Auslage gerutscht." Der Beitrag über Trutz Hardo sei Teil einer sechsteiligen Serie über Esoteriker gewesen. "Und da war er der perfekte Irre."

Leider, so von Hardenberg, habe man es versäumt, seinen Namen zu googeln und deswegen "von der Verurteilung nichts gewusst".

Dennoch besteht Tita von Hardenberg darauf, dass der Beitrag "eine Satire" war, wenn auch keine gelungene. Man habe Hardo dorthin befördern wollen, wo er hingehört: "In die Spinnerecke".

Inzwischen hat von Hardenberg eingesehen, dass sie den "Rückführungsexperten" aus der Spinnerecke herausgeholt und ihm einen Platz im Rampenlicht gegeben hat. Während sie sich von ihm distanziert, solidarisiert sich Hardo mit der "Polylux"-Redaktion. In einem 16-seitigen Brief, den er aus Goa in Indien an Jutta Ditfurth geschrieben hat, macht er sich Sorgen um den Fortbestand des Magazins, das von der "Antisemitenkeule" bedroht wird. Er selbst sei dabei, "ganz in die Emigration" zu gehen, denn: "Ich fühle mich in meiner Heimat wie ein Jude der NS-Zeit", der jederzeit mit "einer Kugel" rechnen muss.

Es wäre nicht das erste Mal, dass er das jüdische Schicksal erleiden müsse, schreibt Hardo: "Wie ich in einer Rückführung erlebt habe, bin ich als jüdischer Schuster und Thoralehrer um 1660 herum in der heutigen Ukraine in einem von den Kosaken verursachten Pogrom mit meinem Sohn in der Scheune verbrannt worden." Und er droht: "Irgendwann werden meine Dramen und Komödien auch auf der Bühne zu sehen... und meine Romane in allen wichtigen Buchhandlungen präsent sein." Der Alptraum geht weiter.



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