Rechte Landnahme Provokation zulassen. Oder ein gutes Buch lesen

Die Linke rätselt, was sie gegen den Vormarsch der Rechten tun kann. Und erschöpft sich gleichzeitig darin, auf alle Provokationen mit Empörung zu reagieren. Wie wär's mit Gelassenheit und eigenen Angeboten?

Protestplakat auf der Buchmesse in Frankfurt (Archivbild)
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Protestplakat auf der Buchmesse in Frankfurt (Archivbild)

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Auch diese Woche: keine Idee. Nirgends. Da ist kein linkes Netzwerk entstanden, das die Stimmung beruhigt, dauerempörte Teile der Bevölkerung darüber aufklärt, dass ein Führer sie nicht retten wird. Die ehemals linken, im Sinne von ehemals für soziale Gerechtigkeit eintretenden Parteien machen sich weiterhin das Leben schwer, statt sich zusammenzuschließen und zu erneuern.

Keine Ahnung, was so schwer daran sein soll, eine Einheit zu bilden, die sagt: So, das war alles ganz süß, diese Zerschlagung der EU. Kann man machen, ist aber Quatsch. Denn kleine europäische Länder werden zwischen den Supermächten China und USA komplett unwichtig werden.

Außerdem, liebe Menschen - gibt es keine erfreuliche Alternative zu der relativen Freiheit des Individuums, die wir bisher kannten.

Offene Briefe für alle!

Der Beschleunigung der Welt wird man mit Rückschritt keinen Einhalt gebieten. Hier ist unser Plan für mehr Gerechtigkeit: Entlastung der Ärmeren, Belastung der sehr Reichen, hier ist unsere Architektur für mehr Teilhabe an Entscheidungen und eine zeitgemäße Idee eines neuen politischen Systems. Könnte die neue starke vereinte ehemalige Linke sagen. Macht sie nicht, denn sie ist beschäftigt damit, jede Zuckung der neuen Rechten mit Entrüstung zu kommentieren, statt sie gelassen zu ignorieren und eigene neue Angebote zu entwickeln.

Also weiter wie bisher in Europa. Die Nachbarn in Polen stellen neue Bildungspläne zusammen, nach der Regel Nummer eins: Einseitig gebildete Kinder sind die Wahlgaranten von Morgen. Die polnische Regierung hat darum Bücher aus den Lehrplänen entfernt, die verunsichern könnten. Deutsche VerlegerInnen haben unerschrocken ihre Unterschrift unter einen empörten Brief an die polnische Regierung gesetzt. Hut ab vor so viel Zivilcourage, zu der sich einige im Anschluss wagehalsig in Kultursendungen bekannten.

Nun.

Keine Ahnung, wie wirkungsvoll offene Briefe sind. Ich unterschreibe ab und zu auch einen, die Welt ist nicht unbedingt besser geworden dadurch. Etwas mehr Mut als die Unterzeichnung eines Briefes an irgendeine Regierung erfordert das Agieren im eignen Land. Da gibt es ja auch Bücher und die Erinnerung an die letzte Buchmesse. Einer der letzten Orte, an denen es früher um verrückte Sachen wie Kultur ging und die nun zum Austragungsort politischer Aktionen geworden sind.

Schutztruppen für die Kultur

Nationalisten neben sehr libertär Konservativen, die Grenzen unklar, Gewalt, Gebrüll, miese Stimmung am Set. Wieder nahmen sich Demokratiekritiker einen Raum, wandelten ihn zu ihrem, und ratlos standen die Buchliebhaber herum und fragten sich, was sie falsch gemacht hatten. Das musste in Diskussionen geklärt werden. Sie diskutieren bis heute.

Was muss eine Demokratie aushalten. Wo endet Meinungsfreiheit, wo beginnt Zensur, sind innerlich getragene Hakenkreuze ein Ausdruck von Befindlichkeit oder schlechter Kindheit. Während immer noch Schadensanalysen erstellt werden, haben sich wieder eine Vielzahl demokratiekritischer Verlage auf der Leipziger Messe angemeldet. Mission erfüllt. Wieder einen Raum eingenommen. Gleiches Recht für alle. Meinungsfreiheit. Das Gute ist, dass die Messe dem eventuellen Aufkommen von Gewalt mit einem Sicherheitskonzept begegnet. Endlich Schutztruppen an Buchmessen, im Theater, in Museen. Und wieder ein offener Brief, den keiner der großen Verlage unterschrieben hat.

Dabei ginge es auch anders. Siehe oben. Man kann sich empören, auf jede Provokation reagieren oder einfach nicht mitmachen. Zu Hause bleiben, was Gutes lesen, oder eine Gegenmesse organisieren. Der Vorteil des Kapitalismus ist, dass man die Wahl hat, man kann sogar einen offenen Brief schreiben. An irgendwen.

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insgesamt 49 Beiträge
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Seite 1
kioto 10.03.2018
1. Und wie ist das bei uns in DE?
"Deutsche VerlegerInnen haben unerschrocken ihre Unterschrift unter einen empörten Brief an die polnische Regierung gesetzt. Hut ab vor so viel Zivilcourage," Kaum weicht ein Autor etwas von die Linie ab, beeilt sich Suhrkamp sofort mitzuteilen, das geht nicht, haben wir nichts mit zu tun. Auch andere Autoren sollen durch Boykott auf Linie getrimmt werden. Unterscheiden wir uns nicht nur im Vorzeichen und der subjektiven Überzeugung "Wir sind die Guten" von Polen?
dasfred 10.03.2018
2. Guck da nicht hin, die können nix dafür
Lasst die Rechten schreien und hört nicht hin. Wenn sie auf keinerlei Resonanz stoßen, laufen sie ins Leere. Für Argumente sind sie nicht zugänglich und jede Reaktion gibt ihnen das Gefühl, wichtig genommen zu werden. Die Linken sind sowieso nicht geeignet, geschlossen zu reagieren. Dazu müssen sie erstmal in der Lage sein, drei Worte miteinander zu wechseln, ohne gleich in Richtungskämpfe zu verfallen. Kein Wunder, dass die Zielgruppe der Linken nicht mehr wählen geht.
jizzyb 10.03.2018
3. Die Stärke der Rechten ist die Schwäche der Linken
Die Rechten sind nicht stark. Es sind die Linken, die Schwach sind. Sie sind es deshalb, weil sie nicht mehr den Willen der Bevölkerungsmehrheit vertreten sondern in Klientel-Politik aufreiben. Sie bedienen den politischen Willen von Minderheiten, sonnen sich im Glanz der Flüchtlingspolitik und verlieren den armen Rentner, der sich schon seit Jahren zur Tafel begeben muss, um zu überleben, aus dem Auge. Und plötzlich muss dieser Rentner sich diese Almosen mit Zuwanderern teilen. Kritik? Wird nicht geduldet. Kritik an der Flüchtlingspolitik, Kritik am Feminismus, Kritik an der Unterstützung von Lobbyisten - alles böses, rechtes Gedankengut. Und was hört man von den Linken Parteien? Selbstkritik? Nicht wirklich! "Man hat unsere Botschaft nicht verstanden", oder "Wir müssen jünger und weiblicher werden" hört man, doch das ist falsch! Die Linken Parteien müssen kompetenter, glaubwürdiger und volksnäher werden, um nicht noch mehr Wähler zu verlieren. Denn wenn die Linken meine Probleme nicht mehr beachten, wende ich mich an die, welche es (scheinbar) tun. Schaut, wer euch wählt, bzw. wer euch gewählt hat und schaut auch warum. Dann werden die linken Parteien auch wieder stark werden und die rechten entsprechend schwächer. Die Krise der Demokratie wie wir sie jetzt erleben, ist eine Krise derer, die sie eigentlich verteidigen sollten - es ist eine Krise der Linken!
josifi 10.03.2018
4.
Zitat von kioto"Deutsche VerlegerInnen haben unerschrocken ihre Unterschrift unter einen empörten Brief an die polnische Regierung gesetzt. Hut ab vor so viel Zivilcourage," Kaum weicht ein Autor etwas von die Linie ab, beeilt sich Suhrkamp sofort mitzuteilen, das geht nicht, haben wir nichts mit zu tun. Auch andere Autoren sollen durch Boykott auf Linie getrimmt werden. Unterscheiden wir uns nicht nur im Vorzeichen und der subjektiven Überzeugung "Wir sind die Guten" von Polen?
Suhrkamp ist ein privater Verlag und kann tun, was er will. Sie können das ja ignorieren und ausweichen. Das fällt bei einem Staat wie Polen den Staatsangehörigen deutlich schwerer...
sir wilfried 10.03.2018
5. Netter Versuch
Zitat von dasfredLasst die Rechten schreien und hört nicht hin. Wenn sie auf keinerlei Resonanz stoßen, laufen sie ins Leere. Für Argumente sind sie nicht zugänglich und jede Reaktion gibt ihnen das Gefühl, wichtig genommen zu werden. Die Linken sind sowieso nicht geeignet, geschlossen zu reagieren. Dazu müssen sie erstmal in der Lage sein, drei Worte miteinander zu wechseln, ohne gleich in Richtungskämpfe zu verfallen. Kein Wunder, dass die Zielgruppe der Linken nicht mehr wählen geht.
Netter Versuch. Totschweigen hat ja auch jahrelang funktioniert, ohne sich um die angeprangerten Mißstände zu kümmern. Auf Dauer lassen sich die Probleme aber auch mit inhaltslosen Unterstellungen und Hasstiraden nicht unter der Decke halten. Es gibt nur eine Möglichkeit: Fehler der Vergangenheit eingestehen und Lösungen im Sinne der Menschen voranbringen. Alternativlos? Leider nicht.
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