Wie rechte Politik die Migrationsdebatte prägt  "Es bleibt immer etwas hängen"

"Ankerzentren" und "Asyltourismus": Die Linguistin Elisabeth Wehling erklärt im Interview, wie ideologische Begriffe reale Politik formen - und warum das linke Lager in der Flüchtlingskrise so sprachlos ist.

Horst Seehofer (CSU) mit Parteikollegen und Medienvertretern
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Horst Seehofer (CSU) mit Parteikollegen und Medienvertretern

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Zur Person
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    Elisabeth Wehling, Jahrgang 1981, promovierte in Linguistik. Sie arbeitet heute an der University of California, Berkeley. Ihr Schwerpunkt liegt auf politischer Werte-, Sprach- und Kognitionsforschung. Ihr Buch "Politisches Framing: Wie eine Nation sich ihr Denken einredet - und daraus Politik macht" erschien 2016.

SPIEGEL ONLINE: Frau Wehling, in der Flüchtlingsdebatte wird auch über Begriffe diskutiert - etwa über "Ankerzentren": Das Wort verharmlose, dass geschlossene Abschiebeeinrichtungen gemeint sind. Ist die Kritik angemessen?

Elisabeth Wehling: Allen voran eine Gruppe von CSU-Politikern hat entschieden, mit diesem Begriff zu agieren, der eher Assoziationen an sichere Häfen als an Abschottung weckt - das ist im demokratischen Diskurs legitim. Trotzdem ist es richtig, hier zu kritisieren: Man muss sich klarmachen, dass es sich nicht um einen ideologiefreien Begriff handelt - und dabei passiert zu wenig Reflexion. Wir gehen nicht sorgsam genug mit Sprache um, aber diese prägt unser politisches Handeln.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit?

Wehling: Wir alle besitzen ein sehr genaues Gespür dafür, dass bestimmte Begriffe ideologisch aufgeladen sind. Sie merken das daran, dass ein Ausdruck wie "Ankerzentrum" oder auch "Asyltourismus" in den Medien meist in Anführungsstriche gesetzt wird, zumindest am Anfang einer Debatte. Dieses Distanzierungsmittel bringt aber wenig. Denn für die Sprachverarbeitung im Gehirn ist es irrelevant, wie Sie einen Begriff einbetten.

SPIEGEL ONLINE: Für das Gehirn besteht also zwischen den Sätzen "Ankerzentren sind gut" und "Ankerzentren sind schlecht" auch kein Unterschied?

Wehling: Vordergründing schon, aber es bleibt immer etwas hängen. In dem Moment, in dem Sie das Wort nutzen, wird Ihr Gehirn es aktivieren, Bilder simulieren, die sie mit Ankern und Zentren verbinden. Es kann gar nicht anders, das ist durch neurowissenschaftliche Studien mit Hirnscans belegt. Die Bemühungen, einen Begriff aufzugreifen und sich gleichzeitig von ihm zu distanzieren, das klappt neuronal nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wie könnte man die Debatte neutraler abbilden?

Wehling: Die Frage sollte sein: Will ich über Migrationspolitik sprechen, indem ich bestimmte Perspektiven permanent wiederhole? Es gibt Alternativen. Das Wort "Ankerzentrum" wird im Koalitionsvertrag etwa als "Zentrum für Ankunft, Entscheidung, Rückführung" bezeichnet und als AnkER abgekürzt. Das ist sperriger, ja - aber auch neutraler.

SPIEGEL ONLINE: Aber verschleiern solche vermeintlich neutralen Begriffe nicht das Wesentliche? Die große Koalition verhandelte zunächst über "Transitzentren", im beschlossenen Asylpaket ist jetzt die Rede von "Transitverfahren" - das verpackt sehr sachlich, dass Menschen an der deutschen Grenze abgewiesen werden sollen.

Wehling: Das ist ein Beispiel für einen Begriff, der nicht wertfrei ist, aber schon eher als solcher wahrgenommen wird. Da werden häufig keine Anführungsstriche mehr gesetzt. Es gibt viele Begriffe, die auf diese Weise politische Vorgänge normalisieren: Denken Sie an Formulierungen wie "Flüchtlinge zurückweisen" - da verlagert sich im Kopf der Fokus auf die Herkunft, in die es zurückgehen soll. Es wird propagiert, es gäbe noch eine Heimat. "Abweisen" wäre das ehrlichere Wort. Oder der "Asylbewerber", der letztlich eine berufsähnliche Situation suggeriert, in der der Einzelne beweisen muss, dass er oder sie es wert ist, aufgenommen zu werden, auch gegen Mitbewerber. Alternativ würde ich "Asylsuchender" vorschlagen.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt kritisieren Sie nur das rechte Lager.

Wehling: In Deutschland setzen rechtspolitische Gruppen - ich meine damit jetzt ganz grob die moderate CDU bis hin ins AfD-Niemandsland im Gegensatz zu linkspolitischen Gruppen von der SPD bis ins Linksextreme - stärkere Frames, also Deutungsrahmen, durch die Realität betrachtet und so auch politisches Geschehen eingeordnet wird.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist das so?

Wehling: Weil der linkspolitische Flügel kein sprachliches Gegengewicht etabliert. Wer hat im vergangenen Wahlkampf immerzu von einer "Flüchtlingswelle" gesprochen? Martin Schulz. Das ist wenig reflektiert.

SPIEGEL ONLINE: Warum gelingt es dem linken Lager nicht, eigene Begriffe öffentlich zu prägen?

Wehling: Unter anderem, weil die progressive Ideologie im Kern von Werterelativismus geprägt ist, also von der Idee, dass es in der Lebensgestaltung erst einmal kein objektives Richtig und Falsch gibt. Sondern, dass sich moralisches und unmoralisches Handeln auf einer generelleren Ebene definiert: lebe Empathie, schütze vor Schaden. Das Gegenteil vom Werterelativismus ist der Wertedogmatismus. Davon steckt mehr in der konservativen Ideologie: Schwule sollen keine Kinder haben, Multikulti funktioniert nicht, es braucht eine Leitkultur. Wer davon ausgeht, dass es ein Richtig und Falsch gibt, wo es um diese kleinteiligen Dinge geht, und für sich beansprucht, das Richtig zu kennen und zu leben, dem ist es oft ein großes Anliegen, sein Wertesystem über das eigene Leben hinaus auch für Mitmenschen durchzusetzen. Wertedogmatismus eben. Und dafür gibt es in der Demokratie ein zentrales Mittel: Sprache. Auch deshalb wurzelt der aktuelle öffentliche Umgang mit Asyl in Debatten, die seit Jahrzehnten eher durch das rechte Lager geprägt werden.

SPIEGEL ONLINE: Welche Debatten meinen Sie?

Wehling: Unsere Diskussionen werden von neoliberalen Denkmustern bestimmt, einer Mischung aus Adam Smith und Sozialdarwinismus: Das Eigeninteresse wird als Wert betont, der dem Allgemeinwohl nutzt. Und das ökonomische System wird die Besten aussieben und an die Spitze tragen. Außerdem schadet jede politische Regulierung der Wirtschaft, dem Wohlergehen der Gesellschaft, weil Regulierungen den natürlichen Wettbewerb aushebeln - die Starken ausbremsen und Schwache zu Unrecht bevorteilen. Diese Tendenz weg von einem kollektiven Gedanken hin zum ökonomischen Individuum spiegelt sich auch in der Sprache. Etwa, wenn Begriffe wie "sozial schwach" genutzt werden, um finanziell schlecht gestellte Menschen zu beschreiben, obwohl es im Grunde eine Person beschreibt, die nicht auf andere achtet - etwa jemand, der seiner Steuerverantwortung nicht gerecht wird.

SPIEGEL ONLINE: Greift dieses neoliberale Deutungsmuster in Deutschland wirklich so stark? Hier gibt es ja eine viel stärkere soziale Infrastruktur als etwa in den USA.

Wehling: Dieser Frame wird auch hier angewendet, sprachliche Konzepte abgegriffen. Etwa, wenn die FDP wie auch US-Präsident Donald Trump mit dem "One in, two out"-Prinzip wirbt, nach dem neue Wirtschaftsregulierungen nur dann verabschiedet werden, wenn woanders doppelt abgebaut wird. Das Fatale ist: Wenn man eine Gruppe über Jahre dazu bringt, die Welt über den eigenen Nutzen zu betrachten, bereitet man auch den Boden für eine nicht vom sozialen Gedanken geprägte Migrationsdebatte.

SPIEGEL ONLINE: Eine steile These.

Wehling: Den Trend zum Nationalistischen, den wir erleben - wenn Politiker etwa den Schutz der eigenen Grenzen oder nationale Ressourcen als primäres Interesse propagieren - fußt auf der Annahme, dass die Wahrung des Eigeninteresses an sich ein Wert ist. Bayern First, Germany First, America First. Wer eine Gruppe über Jahre daran gewöhnt, nicht in sozialen Frames zu denken, öffnet die Tür für Ausgrenzung und Abwertung: Ich habe oft genug von Deutschen gehört, die faul rumhängen in der sozialen Hängematte, während ich eine schwere Steuerlast trage - und dann kommen Menschen, die ich als fremd empfinde - und die auch mit in die Hängematte wollen? Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder spricht von "Asylgehalt" - der Begriff impliziert etwa, dass hier jemand etwas bekommt, obwohl es keine Gegenleistung gibt. Ein Paradebeispiel für diesen Ungerechtigkeitsframe.

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Elisabeth Wehling:
"Politisches Framing. Wie eine Nation sich ihr Denken einredet - und daraus Politik macht"

Herbert von Halem Verlag, 224 Seiten, 21 Euro

SPIEGEL ONLINE: Ist das in der Migrationsdebatte tatsächlich der einzige machtvolle Frame? Im Sommer 2015 prägte der Begriff "Willkommenskultur" die Debatte - der weist doch klar auf Offenheit, nicht auf nationales Interesse hin.

Wehling: Die Entscheidung von Kanzlerin Merkel hätte 2015 eine epische diskursive Kraft entwickeln können. Aber die Chance wurde vertan. Der Frame "Willkommenskultur" ist aber ohnehin nicht tragfähig genug; umfasst er doch nur eine freundliche Begrüßung von Gästen, nicht aber Verantwortung für die Integration. Aber Merkels "Wir schaffen das" war tatsächlich ein Sprungbrett für Rechtspopulisten. Egal, wie gut gemeint das in dem Moment war: Merkel definierte Schutzsuchende als Last, die man "schafft" - und schon ist man wieder bei einer Debatte um Ressourcenverteilung.

SPIEGEL ONLINE: Wie hätte sie es besser formulieren können?

Wehling: "Deutschland ist ein gutes Land, wir verhalten uns jetzt anständig und zeigen moralisches Rückgrat, wir werden das Prinzip der Menschlichkeit achten". Dann wären wir heute vielleicht bei einer Debatte über Empathie, Anstand und moralischen Wohlstand gelandet. Ein AfD-ler oder eine AfD-lerin hätte nicht sagen können "Nein, wir schaffen das nicht." Sondern höchstens ganz direkt: "Wir werden das Prinzip der Menschlichkeit nicht achten."

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dagmar1308 07.07.2018
1. Gesinnungsgebläse, linkes wie ein
Leserbriefschreiber aus Österreich im aktuellen Spiegel es kurz und bündig beschreibt ist der aktuelle Mainstream. Auch die Beschreibung der dadurch geförderten Entwicklung ist dort auf den Punkt gebracht. Bin kein Historiker, aber Weimar oder so lässt scheinbar grüßen.
vantast64 07.07.2018
2. Die Schäbigkeit ist auf der Siegerstrasse
Es ist schwer zu entscheiden, welcher Zynismus bedrückender ist: Daß Menschen aus Mitteleuropa, die sich als zivilisiert und human einschätzen, Mitmenschen, die vom Schicksal schon schwer gezeichnet sind, derartig inhuman behandeln - oder, daß die dafür Verantwortlichen in ihren gesellschaftpolitischen Grundsätzen sich auf die Idee des Christlichen berufen. In der Bibel steht: "Was Ihr dem Geringsten meiner Brüder angetan, das habt Ihr mir angetan." Das sagte Gottes Sohn. Es ist unfassbar, und niemand der sogenennten "christlichen Parteien" schämt sich.
Willi Wacker 07.07.2018
3. "stärkere Frames, also Deutungsrahmen, durch die Realität betrachtet"
Aha, soso. So vernichtende und abschliessende Frames wie "Rechts", "Rassist" oder zu schlechter Letzt noch "Nazi" sind also keine geneigten Deutungen mehr? Schon die Einordnung von Andersdenkenden kommt ohne jede Differenzierung, ohne jede Argumentation aus. Wenn es mehr Schwung sein soll, dann doch nur noch über Emotion - Flucht aus Elend, Flucht aus tiefster Not, Lebensgefahr. Wer widerspricht, der ist eben .... s.o.
tauon2 07.07.2018
4. Sprachlosigkeit
"...und warum das linke Lager in der Flüchtlingskrise so sprachlos ist." Wenn linke Politiker ihre Ideen und Vorstellungen niemandem mehr sprachlich erklären können und auch nicht mehr dafür werben wollen, dann sollten sie diese Ideen und Vorstellungen wohl besser verwerfen.
horstenporst 07.07.2018
5. Auch bei SPON zu beobachten
Die neoliberalen Denkmuster findet man häufig auch bei SPON. Aktuelles Beispiel: Heute schreibt SPON über Alexandria Ocasio-Cortez, Sie stelle "radikale Forderungen", viele US Medien schreiben ähnlich. Worum geht es? Sie fordert kostenlose Bildung, eine allgemeine Krankenversicherung und das kein Amerikaner zu arm sein sollte, um leben zu können! Ist das radikal?
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