Umgang mit rechter Rhetorik "Man muss ständig entlarven"

Von Rechtspopulismus bis offener Hetze findet im Moment viel rechte Rhetorik in der Öffentlichkeit statt. Wie viel Raum sollten die Medien ihr einräumen?

AfD-Sprecher Björn Höcke: "Viele rechte Rhetoriker entlarven sich selbst"
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AfD-Sprecher Björn Höcke: "Viele rechte Rhetoriker entlarven sich selbst"

Ein Interview von


Zur Person
  • Alex Yendell
    Alexander Yendell, Jahrgang 1975, ist Soziologe und forscht zu Islamfeindlichkeit in Deutschland. Er ist Mitglied des Kompetenzzentrums Rechtsextremismus- und Demokratieforschung an der Universität Leipzig.
SPIEGEL ONLINE: Herr Yendell, in der letzten Talkrunde von Günther Jauch saß der AfD-Mann Björn Höcke, es gab viel Kritik. War es richtig, einen rechten Rhetoriker wie ihn einzuladen?

Yendell: Ja, ich fürchte, das muss eine Demokratie aushalten. Am Fall Höcke zeigt sich das Dilemma der offenen Gesellschaft: Einerseits wollen wir die Meinungsfreiheit, es besteht der Anspruch, in Dialog zu treten, möglichst mit allen Meinungen. Andererseits ist ein Dialog - also eine sachliche Kommunikation, bei der die Meinungen der anderen angehört und die eigene reflektiert wird - mit Rechtspopulisten meistens nicht möglich.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Yendell: Höckes Agieren bei Jauch zeigte die ganze Bandbreite rechtspopulistischer Rhetorik. Er schürte Ängste, etwa vor einem Ansteigen an Vergewaltigungen durch Zuwanderung, machte Schuldzuweisungen, ging auf Kritik nur scheinbar ein. Als die Runde auf den Galgen zu sprechen kam, der bei einer Pegida-Demo in Dresden getragen wurde, wies er sofort darauf hin, dass auch schon linke Studenten in den Neunzigern Kohl symbolisch an den Galgen gehängt hätten. Und er manipulierte die anderen Gesprächsteilnehmer.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit?

Yendell: Höcke provozierte mit seinen radikalen Aussagen ganz bestimmte Reaktionen bei den anderen. Heiko Maas etwa reagierte teilweise - durchaus nachvollziehbar - aggressiv. Auf den Zuschauer wirkt das sogar amüsant. Aber es ist genau das, was Rechtspopulisten wollen. Sie erwecken den Eindruck, dass doch der andere der Schuldige, Bedrohliche ist, weil er aus der Rolle fällt. Auf solche Provokationen sollte man sich deshalb möglichst nicht einlassen, sondern sachlich bleiben. Wobei es natürlich dann auch wieder schwierig wird: Wenn man nicht auch mal rhetorisch scharf Grenzen zieht, kann es sein, dass es wieder starke Kritik gibt, weil man viel zu geduldig war. Es ist ein schmaler Grat.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es einen Punkt, an dem eine mediale Auseinandersetzung mit rechtem Gedankengut nicht mehr sinnvoll ist? Sollte man sich mit den Inhalten von Akif Pirinçcis Hassrede auseinandersetzen?

Yendell: Der politische Philosoph Karl Popper hat gefordert, im Namen der Toleranz auch das Recht zu beanspruchen, die Intoleranz nicht zu tolerieren. Das halte ich ähnlich. Höcke testet die Grenzen des Erträglichen. Bei jemandem wie Pirinçci hingegen ist klar eine Grenze überschritten. Seine Rede wird ja hoffentlich auch strafrechtliche Folgen haben. Mit so jemandem muss man sich nicht mehr um Dialog bemühen.

SPIEGEL ONLINE: Spielen Berichte über Pirinçci ihm in die Karten? Seine Zielgruppe, so klein sie auch sein mag, wird sich doch auch bestätigt fühlen.

Yendell: Wenn sie so ticken wie er - ja. Aber die werden sich auch etwa durch unser Gespräch hier bestätigt fühlen. Man muss sich zu einem gewissen Grad damit abfinden, dass man mit einer Diskussion keine Menschen erreichen kann, die so demagogisch denken, dass sie nicht mehr dialogbereit sind. Aber es gibt da ja auch durchaus schwankende Menschen.

SPIEGEL ONLINE: Die auch auf die rechte Rhetorik von Rednern anspringen könnten.

Yendell: Aber nicht müssen. Wenn man Redner etwa mit sachlichen Argumenten auseinandernimmt. Und: Viele rechte Rhetoriker entlarven sich selbst, weil sie Paradoxien verkörpern. Ein Beispiel: Der Pegida-Gründer Lutz Bachmann hat selbst eine kriminelle Vergangenheit, und er schürt heute Ängste vor kriminellen Einwanderern. Diese Schuldzuweisungen sind Projektionen. Wenn dieser Widerspruch auffällt, entlarvt es ihn. Solche Widersprüche müssen offengelegt werden. Auch, um zu verstehen, wie rechte Einstellungen zustande kommen.

SPIEGEL ONLINE: Wir müssen versuchen, Menschen mit rechtem Gedankengut besser zu verstehen?

Yendell: Für Ursachenforschung: Ja. Wir müssen verstehen, wie Menschen da psychologisch ticken. Das ist aber häufig ein Tabu, weil es schnell persönlich wird, pathologisierend wirkt...

SPIEGEL ONLINE: ...und, weil es ein Verhalten in gewisser Weise auch immer rechtfertigt?

Yendell: Es geht nicht darum, ein Verhalten zu entschuldigen. Aber wir müssen uns damit beschäftigen, woher diese Angst kommt. Die Persönlichkeitsstrukturen verstehen und da ganz genau hinschauen, etwa unterscheiden zwischen rechtsextremen Einstellungen und Ängsten vor dem Islam, die Stärke der Ausprägung untersuchen. Schauen, welche Einstellungen in Handlungen münden. Diese differenzierte Diskussion um die Ursachen für Rechtsextremismus kommt in den Medien im Moment zu kurz.



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