Kultur

Anzeige

Rechte Sprache

Warum "linksgrün versifft"?

Linke werden oft als "versifft" beschimpft. Warum diese Fantasie des Drecks? Die aktuelle Rechte erträgt nur strenge Ordnung, nicht lebendige, vermischte Realität - und orientiert sich historisch an Hitler.

Eine Kolumne von

DPA

Rednerpult der Grünen

Dienstag, 12.02.2019   16:20 Uhr

Anzeige

In den letzten Jahren hat es sich eingebürgert - man könnte fast sagen, eingereichsbürgert -, dass Rechte von ihren politischen Gegnerinnen und Gegnern als "linksgrün versifft" oder "rotgrün versifft" sprechen, so wie sie von "Lügenpresse", "Gutmenschen" und "Genderismus" sprechen. Ich habe mir über diese "Versifft"-Redeweise nie viele Gedanken gemacht, vielleicht auch, weil ich daran gewöhnt bin, dass Kritik an meiner Arbeit sich häufig im Genre der Frisurkritik niederschlägt, oder weil selbst Kritik von Konservativen oft auf eine mutmaßliche innere wie äußere Verlotterung von Linken abzielt.

Die Formulierung "links-/rotgrün versifft" setzt sich von allgemeinen Beleidigungen aber auffällig ab, weil das "versifft" darin sehr konstant ist und sich immer wieder auch auf Leute bezieht, die von so tadelloser äußerer Erscheinung sind, dass damit nicht gemeint sein kann, jemand würde sich zu selten waschen oder zu wenig die Haare kämmen.

Anzeige

"Links-/rotgrün versifft" sind laut Internet angeblich auch die Staatssekretärin Sawsan Chebli, Linkenchefin Katja Kipping und alle möglichen Politiker, Anwältinnen, Autoren oder Professorinnen, die perfekt geschminkt in Talkshows sitzen und die man auch ansonsten in der Öffentlichkeit üblicherweise in sehr sauberer Verfassung sieht. Das Problem mit dem vermeintlichen Versifftsein kann unmöglich sein, wie diese Leute aussehen - oder riechen -, sondern es muss sich darauf beziehen, was sie sagen.

Leblos, geordnet, monumental

Nun hatte ich vor Kurzem eine Podiumsdiskussion mit Klaus Theweleit zur Aktualität seines Werks "Männerphantasien", das 1977/78 erschienen ist, und habe deshalb dieses Buch noch mal gelesen. Ein Klassiker, der untersucht, wie Faschisten denken und sprechen, wie sie mit Frauen umgehen und mit sich selbst; vor allem mit den eigenen Körpern. Eine zentrale These Theweleits ist, dass man Faschismus nur versteht, wenn man ihn nicht als Staatsform denkt, sondern als eine Art und Weise "die Realität zu produzieren": Faschisten haben, wie Theweleit zeigt, immer wieder ähnliche Ideen im Umgang mit Körpern, mit Geschlechtern und letztlich mit allem Lebendigen.

Anzeige

Dabei geht es nicht darum, Ideologien zu entpolitisieren und zu zeigen, dass am Ende alle Nazis einfach nur zurück in den Mutterschoß wollen, sondern darum, ihr Reden und Handeln so zu analysieren, dass man besser versteht, wie ihre Verbrechen zustande kommen. Die Abwehr von vermeintlichem Schmutz, Schlamm, Sumpf, Schleim und ähnlichem nimmt in "Männerphantasien" mehrere Kapitel ein. Es gibt darin zahllose historische Beispiele dafür, wie Faschisten über Nichtfaschisten sprechen: "grade als die marxistischen Schlammwellen am höchsten gingen, bildete sich in München ein geistig bewußter Kern des deutschen Widerstandes." Oder: "Deutschland, versinkend im roten Sumpf", und so weiter.

Theweleit fasst diese Formulierungen von Sumpf, Brei, Schleim so zusammen, dass sie sich immer wieder auf Substanzen beziehen, die definiert sind "durch ihre Fließfähigkeit und durch ihren Zustand der Vermischtheit", außerdem durch die "Fähigkeit, Dinge in sich aufnehmen zu können, ohne sich dadurch zu verändern" - "Ihnen eignet also eine merkwürdige Lebendigkeit, sie können sich selbst bewegen, mal schnell, mal langsam, wie sie wollen".

Nun ist aber die Abwehr des Lebendigen ein Kernanliegen von Faschisten. "Die Gefahr ist die Lebendigkeit selbst", schreibt Theweleit. Alles, was chaotisch und vermischt ist, was unklar definiert ist, ist ihnen zuwider. "Je lebloser, geordneter, monumentaler die Realität erscheint, desto sicherer fühlen sich diese Männer."

Vorbild Hitler

Der Begriff "versifft" wird zwar inzwischen von allen möglichen Leuten, nicht nur von Faschisten, für Schmutziges und Stinkendes verwendet, kommt aber ursprünglich - unter anderem laut Duden - von "Syph", kurz für "Syphilis". Syphilis ist nicht nur eine sexuell übertragbare Krankheit, sondern für Faschisten seit Langem ein Symbol für das wilde, enthemmte Leben, das sie versuchen einzudämmen, weil sie keine Hoffnung sehen, ein glücklicher Teil davon werden zu können. (Zur Geschichte der Versifftheitsidee hier ein ausführlicher Text im Diskursatlas Antifeminismus).

Hitler sprach in "Mein Kampf" von der "Versyphilitisierung des Volkskörpers", von der "Bekämpfung der Syphilis als die Aufgabe der Nation".

Jörg Meuthen, Spitzenkandidat der AfD für die Europawahl, sprach auf dem Bundesparteitag im April 2016 davon, dass er weg wolle vom "links-rot-grün verseuchten 68er-Deutschland, von dem wir die Nase voll haben... man könnte auch sagen: leicht versifften 68er-Deutschland".

Diese Worte lösten auf dem Parteitag entzückten Jubel und Standing Ovations aus: Endlich sagt es mal einer, dass all den Krawattennazis diese Welt zu viel ist, die sich bewegt und in der die Menschen nicht mehr strammstehen und auf Befehle warten, in der Frauen und queere Leute sprechen, vögeln und regieren können und sich mit anderen fortpflanzen als ihnen - dass ihnen diese Welt zu kompliziert geworden ist und sie Angst haben, in ihr zu versinken.

Wenn es heute um Rechte und Rechtsextreme geht, dann finden sich immer schnell Leute, die sagen, man dürfte die nicht alle Nazis nennen, weil sie ja doch nicht so schlimm und totalitär seien wie die Nationalsozialisten in den Dreißiger- und Vierzigerjahren und dass man da immer auch differenzieren müsse. Nun stimmt es vielleicht, dass nicht alle, die ihre Gegnerinnen und Gegner als "links-/rotgrün versifft" bezeichnen, durch und durch Faschisten und Faschistinnen sind.

Aber wenn man schon genau sein will, dann muss man auch sehen, dass heute Begriffe in die Alltagssprache sehr vieler Menschen übergegangen sind, die direkt aus dem Faschismus kommen und bei denen sich eine klare Linie zu Hitler ziehen lässt, die offensichtlicher ist, als viele sich wohl wünschen würden, die heimlich immer noch auf einen Führer warten, der sie an die Hand nimmt.

Weitere Artikel

Forum

Forumskommentare zu diesem Artikel lesen
Anzeige
© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung