Kultur

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Rechten die Welt erklären

Die Mutter aller Probleme: Demokratiedefizit

Besorgte Bürger und Nazis gehen in Chemnitz für ein Opfer mit Migrationshintergrund auf die Straße - und brüllen dabei "Ausländer raus". Was zeigt, wie naiv das Weltbild Rechter ist.

Eine Kolumne von

Getty Images

Hitlergruß in Chemnitz

Samstag, 08.09.2018   11:11 Uhr

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Unsere Nazis haben es wirklich nicht leicht! Sie können sich noch so viele No-go-Areas erkämpfen, richtig sicher sind sie vor ihrem Feindbild nie. Eine Freundin zum Beispiel hat als Ärztin in einer Klinik in Brandenburg gearbeitet. Dort musste sie einen Mann für eine Operation vorbereiten, auf dessen Bauch große SS-Runen tätowiert waren. Auf ihrem Kittel: ein Schild mit ihrem türkischen Namen. Sehr peinlich. Für beide. Aber der Nazi hatte eben was an der Niere. Und nachdem er von der Türkin für den Eingriff vorbereitet wurde, wurde er von einem schwarzen Arzt operiert.

Das Perfide daran ist, es ist ein Teufelskreis: Je mehr SS-Fan-Patienten kommen, desto weniger Leute wollen dort arbeiten - und desto mehr ist man auf Migranten angewiesen. Ironie des Schicksals. Oder einfach: deutscher Alltag.

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Und dann die Geschichte in Chemnitz. Ein Deutscher wird nach einem Stadtfest von Geflüchteten erstochen. Wir wissen nicht, was an dem Abend passiert ist, aber die Geschichte hat mobilisiert. Am nächsten Tag demonstrierten 6000 Menschen, Neonazis, Hooligans und Mitläufer - für den Schutz von Deutschen.

Dann kam raus, dass es sich bei dem Toten um einen schwarzen Deutschen handelt, genauer gesagt um einen mit kubanischem Migrationshintergrund. Die aufgebrachte Horde marschierte also für jemanden, den manche unter anderen Umständen durch die Straßen gejagt hätten.

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Doch der völkische Flashmob war längst in vollem Gange. Zu spät, dachten sich wohl die Organisatoren, ist der Deutschkubaner eben Deutscher. Dann halt progressiv-aggressiv. Es passt ja auch gut zum ewigen Mantra: "Wir sind keine Rechten, wir sind nur politisch besorgte Bürger." Das unterscheidet die Neue Rechte nämlich von den klassischen Neonazis - die standen noch zu ihrer Hitler-Liebe.

Die AfD und andere aber arbeiten hart an der Inszenierung ihrer Bürgerlichkeit. Klar, alles nur Islamkritiker, Migrationsskeptiker oder abgehängte und vernachlässigte Bürger. Gleichzeitig fordern sie "islamfreie Schulen" in Bayern und knüpfen problemlos an die Dreißigerjahre an. Meine Universität in Nürnberg war im Nationalsozialismus sehr effektiv in Sachen "judenfreies" Lernen.

"Ausländer raus" ergibt überhaupt keinen Sinn

Auch in Chemnitz brach sich das Braune im Mob irgendwann seine Bahn: Im Gleichschritt grölt die Masse "Ausländer raus! Ausländer raus!" Das ist schockierend. Aber irgendwie auch herrlich naiv.

Liebe Nazis, heute gibt es mal ein wenig Heimatkunde für euch: "Ausländer raus" ergibt überhaupt keinen Sinn. Wenn alle Ausländer abgeschoben, ausgewiesen und zwangsdeportiert wurden, bleiben immer noch knapp zehn Millionen Deutsche "mit Migrationshintergrund". Im Nazijargon: Passdeutsche. Die will natürlich auch niemand haben, die sind ja genau so gefährlich, wegen der falschen Blutlinie - heute auch "Kultur" genannt.

Wir leben in einer Republik. Wenn Medien von "Ausländerhass" oder "Fremdenhass" berichten, übernehmen sie die realitätsverneinende Sicht der Nazis. Oder richtet sich der Hass wirklich nur gegen Menschen mit ausländischem Pass, Touristen und Neuzuwanderer? Nur mal so als Beispiel, ein Teil der NSU-Opfer, die von Rechtsterroristen ermordet wurden, waren Deutsche.

Was die Neonazis und ihre Mitläufer in Chemnitz wirklich meinten, war: "Deutschland den weißen, rechtsradikalen Deutschen!" Denn auch alle Nicht-Rechtsradikalen, der Einfachheit halber subsumiert unter "linkes Pack", gehören für sie entsorgt. Dazu zählen keineswegs nur Leute aus der Antifa. Wenn es hart auf hart kommt, stehen Polizisten, Journalisten und alle Politiker jenseits der AfD mit dem Rücken zur Wand. Für einen gestandenen Wutbürger sind sie alle Establishment, Teil des Systems, das ihnen die bunte Misere eingebrockt hat. Egal, wie oft man ihnen nach dem Mund redet.

Endlich Ruhe im Karton?

Trotzdem gab Ministerpräsident Michael Kretschmer das Mantra der Rechten wieder. Er will bei den Anti-Ausländer-Demos vor allem besorgte Bürger gesehen haben. Der Chef des Bundesverfassungsschutzes, Hans-Georg Maaßen, beteiligt sich an der Debatte, ob wirklich "Hetzjagden" stattgefunden hätten und spricht von "gezielter Falschinformation". Nach dem Motto: Rechte Aufmärsche? Linke Propaganda.

Dass die Veranstalter rechtsradikale und extreme Organisationen waren? Geschenkt. Dass der Verfassungsschutz die Polizei gewarnt hat, weil Neonazi-Gruppen zur Teilnahme aufriefen? Nicht so wichtig.

Der deutsche Innenminister kommt den besorgten Nazis und ihren Mitläufern so weit entgegen zu sagen, "die Mutter aller politischen Probleme in diesem Land" sei Migration. Das ist etwa so, wie wenn man einer Frau nach einer Vergewaltigung sagt, das Problem sei ihr Geschlecht. Hätte Merkel keine Migranten ins Land gelassen, gäbe es auch keinen "Fremdenhass". Logisch eigentlich. Nur, was heißt das politisch zu Ende gedacht? Alle Menschen von Migrationsgeblüt entsorgen, dann herrscht endlich Ruhe im Karton? Oder weniger radikal: Soll eine "Obergrenze" das Problem richten? Oder ein komischer Masterplan?

Die Mutter aller Probleme heißt Demokratiedefizit und der Vater der Probleme heißt völkisches Gedankengut. Dazu kommt die gute alte Faszination des Autoritären, die sich nicht nur in Deutschland breitmacht. Wen das nicht alarmiert, der ist Teil des Problems.

Dagegen hilft nur radikale Bildung. Um flächendeckende Entnazifizierung unter Deutschen hatten sich zuletzt die Allierten nach dem Zweiten Weltkrieg gekümmert. Diesmal müssen wir es selbst richten. Heute nennt man das politische Bildung und davon brauchen wir offensichtlich mehr.

Und wir brauchen einen Sondergipfel der Regierung, der zum Beispiel, nur mal so als Idee, mehr Geld für den Kampf gegen Rechtsextremismus bereitstellt. Und am besten noch Integrations- und Wertekurse für Neonazis und Mitläufer beschließt. Lektion eins: Der Hitlergruß ist nicht okay.

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