Rechtschreibdebatte Länder beraten über Reform-Verschiebung

Die unionsregierten Bundesländer beraten heute über die Verschiebung der Rechtschreibreform. Die KMK-Vorsitzende Johanna Wanka mahnte die Länder eindringlich, die neuen Schreibweisen wie geplant zum 1. August einzuführen. Der Rat für Deutsche Rechtschreibung ruft hingegen zur Verzögerung auf.


KMK-Vorsitzende Wanka: "Irgendwann muss mal Schluss sein"
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KMK-Vorsitzende Wanka: "Irgendwann muss mal Schluss sein"

Berlin - Unmittelbar vor der Schaltkonferenz der unionsregierten Bundesländer zur Rechtschreibreform hat die Vorsitzende der Kultusministerkonferenz, Johanna Wanka, an die Ministerpräsidenten appelliert, die neuen Schreibweisen doch noch wie geplant einzuführen. Die CDU-Politikerin und brandenburgische Kultusministerin forderte im ZDF-"Morgenmagazin", mit der Diskussion müsse "irgendwann mal Schluss sein".

Zugleich äußerte sie Unverständnis über die Entscheidung von Bayern und Nordrhein-Westfalen, die verbindliche Einführung von Teilen der Rechtschreibreform zum 1. August nicht mitzumachen. Hunderttausende Kinder schrieben laut Wanka seit vielen Jahren nach den neuen Regeln. Nach dem einstimmigen Beschluss der Ministerpräsidentenkonferenz vom Oktober und der Kultusministerkonferenz von Anfang Juni sollten die unstrittigen Teile der Reform und damit deren größter Teil nun auch eingeführt werden. "Es bringt keinen Zugewinn, wenn der große Teil später in Kraft tritt". Für einen kleinen, "wohl definierten" Teil der Reform werde der Rat für deutsche Rechtschreibung Vorschläge machen. Eine Verschiebung der Einführung zwei Wochen vor dem beschlossenen Start wäre nur Wasser auf die Mühlen deren, die prinzipiell gegen den Bildungsföderalismus sind, meinte Wanka.

Der Rat für deutsche Rechtschreibung sprach sich unterdessen für ein späteres Inkrafttreten der geplanten Reform in allen Bundesländern aus. Der Vorsitzende des Rates und ehemalige bayerische Wissenschaftsminister, Hans Zehetmair (CSU), sagte im Deutschlandradio Kultur, er halte es im Prinzip für richtig, wenn alle Länder gemeinsam einen späteren gleichzeitigen Start der neuen Rechtschreibung beschließen würden. Er wies erneut darauf hin, dass es dem Rat unmöglich sei, bis zum Schuljahresbeginn in diesem Sommer noch die nötigen Korrekturen zu erarbeiten. Je nach Bundesland bleibe nur etwa ein Monat Zeit. Zehetmair zeigte sich aber optimistisch, dass der Rat die Korrekturen bis Jahresende erarbeitet haben werde.

In Bayern und Nordrhein-Westfalen sollen alte und neue Schreibweisen weiter parallel gelten, bis der Rat für deutsche Rechtschreibung Änderungsvorschläge vorlegt. Die meisten anderen Länder wollen dagegen an dem Beschluss der Kultusministerkonferenz festhalten.

Die Staatskanzleien der CDU-geführten Bundesländer wollten sich heute in einer Schaltkonferenz über die mögliche Verschiebung der Rechtschreibreform beraten. In Niedersachsen, das dem Vorstoß von Bayern und NRW vermutlich folgen wird, soll heute im Kabinett über das weitere Vorgehen entschieden werden. Bayern und Nordrhein-Westfalen hatten am Wochenende angekündigt, zunächst die Klärung der noch strittigen Punkte der Rechtschreibreform abwarten zu wollen. Hessen, Thüringen und das Saarland hatten erklärt, wie geplant zum 1. August die neuen Regeln verbindlich an Schulen und Behörden einzuführen.



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Matthias Künzer, 11.04.2005
1. Staatlich verordnete Legasthenie
Nur zur Erinnerung. Stefan Aust wollte die "staatlich verordnete Legasthenie" mit Pauken und Trompeten abschaffen. http://www.faz.net/s/RubF7538E273FAA4006925CC36BB8AFE338/Doc~E9C9DA711EA9D46708D4E058FB5E624BE~ATpl~Ecommon~Scontent.html FAZ, Welt, Bild haben vorgemacht, daß das geht. Der Spiegel eiert herum. Gelegentlich finden sich Passagen in normaler Schreibung, wie http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,350434,00.html, gelegentlich findet sich "gefühlte Rechtschreibung" wie in http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,350646,00.html ("Mit Sorge mußten auch Parteifreunden in den letzten Wochen feststellen, dass Fischer sich unter dem öffentlichen Beschuß mehr und mehr in sich zurück zog."). Steht zu hoffen, daß sich Zehetmaier möglichst weitgehend durchsetzt. http://www.tagesschau.de/aktuell/meldungen/0,1185,OID4234322_REF1,00.html Die armen Schweine, die sich an den Reformtorso halten müssen, der - zwecks Gesichtswahrung der verantwortlichen Experten - wohl stehenbleiben wird, sind gleichwohl nicht zu beneiden. Offen bleibt: Warum das alles?
DJ Doena 11.04.2005
2.
Na inzwischen darf man ja " er war wohl[ ]informiert" wieder zusammen schreiben, wenn man meint, dass er gut informiert war.
Karsten Bolz, 11.04.2005
3. Die Abrißbirne ist am Werk
Jetzt ist die Katze also endlich aus dem Sack: Der Rat für deutsche Rechtschreibung reformiert die Rechtschreibreform. Kein Wort mehr der Reformer von "Präzisierungen" oder "noch eindeutigerer Umsetzung des Regelwerks", sondern offen zugegebene Änderungen, die das gesamte Reformwerk in seine Bestandteile zerlegen. Die Abrißbirne wird mit voller Kraft geschwungen, kein Stein des Werkes bleibt auf dem anderen. Die gesamte Getrennt- und Zusammenschreibung steht als erstes zur Disposition, gefolgt von der Kommasetzung sowie der Trennung am Zeilenende. Grammatische Schnitzer wie "es tut mir Leid" oder "die Firma geht Pleite" sind damit demnächst wieder passé, ebenso "hier zu Lande" statt "hierzulande" oder "eine Hand voll" statt "eine Handvoll" sowie viele weitere Torheiten der Reform. Offen wird nun vom Rat eingestanden, daß eine Revision aller Wörter- und Schulbücher erforderlich wird, die eine Einhaltung des Endes der Übergangsfrist zum 1. August 2005 unmöglich macht. Diese Notwendigkeit war von den Reformern in der Vergangenheit immer als ein Kernargument gegen ein Ende der Reform ins Feld geführt worden, wenngleich mit der Zeit zahllose Änderungen, in Wahrheit Rückbauten zur bewährten Rechtschreibung, unterderhand Eingang in die Wörterbücher gefunden haben. Alle reformierten Wörterbücher, egal um welche Ausgabe es sich handelt, sind nun mit einem Schlage Makulatur und müssen demnächst überarbeitet werden. Mit dieser Einsicht des Rates ist für die Zukunft wieder alles offen. Es ist nicht einzusehen, warum die Torheiten der Getrennt- und Zusammenschreibung, der Trennungen am Zeilenende und der Interpunktion beseitigt werden sollen, andere aber, von der Groß- und Kleinschreibung über die Augstschen Etymologien bis zur offensichtlich fehlerträchtigen s-Schreibung beibehalten werden sollen. Vielleicht dämmert es dem Rat und dann auch der Kultusministerkonferenz endlich, daß die Rückkehr zu der normalen deutschen Orthographie nicht mit der Wiederherstellung des alten Dudenprivilegs verbunden sein muß. Die Weichen sind in die richtige Richtung gestellt, der Weg muß jetzt nur noch zielstrebig zu Ende gegangen werden.
Eva-Maria, 11.04.2005
4.
Habe ich das aus dem Zwiebelfisch, oder treibt mich die Frage einfach nur so um: Warum ist 'aufwendig' jetzt 'aufwändig' weil von 'Aufwand' kommend, und 'sprechen' immer noch 'sprechen' obwohl von 'Sprache' kommend? Hat das was mit Logik zu tun, oder nur mit Durchsetzbarkeit? Denn Durchsätzbarkeit hätte ja eine völlig andere Bedeutung. Ich finde, die Rechtschreibreform ist so ein richtig gutes Thema, wenn einem bei einem fürchterlich langweiligen Stehempfang sämtliche Wettervariationen ausgegangen sind. Dann beginnt die Stunde der Sprachfilosofen. Dieses letzte Wort schauf geschrieben einfach sch***e aus.
Matthias Künzer, 12.04.2005
5.
> Warum ist 'aufwendig' jetzt 'aufwändig' weil von 'Aufwand' > kommend, und 'sprechen' immer noch 'sprechen' obwohl von 'Sprache' > kommend? Und warum nicht "einwänden" (-> Einwand)? Dazu kommt, daß die Reformmmullahs behaupten, es mache in der Aussprache keinen Unterschied. Die neue Schreibweise des Wortes "warum" ist übrigens "sowieso". > Hat das was mit Logik zu tun, oder nur mit Durchsetzbarkeit? Es hat etwas mit unausgegorenen Ideen zu tun. Der Kardinalfehler der verantwortlichen Professorchen aber ist, Sprache aktiv formen zu wollen, anstatt bescheiden zu bleiben und nur bestehenden Sprachentwicklungen eine Form zu geben.
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