Rechtschreibreform 222 Jahre Regelrangeln

Getrennt oder zusammen, ß oder ss: Rechtschreibdebatten haben Tradition in Deutschland. Schon Bismarck wandte sich gegen orthografische Neuerungen, Reformschelte gab es bereits von Thomas Mann. Ganz klar: Rechtschreibung wird hier zu Lande groß geschrieben. Chronik einer Debatte.


Reichskanzler Bismarck: Gegen den verordneten Sprachwandel
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Reichskanzler Bismarck: Gegen den verordneten Sprachwandel

"Es ist über diesen Gegenstand seit anderthalb hundert Jahren so viel gesprochen und geschrieben worden, daß man es einem ehrlichen Manne kaum zumuthen kann, noch eine Zeile mehr darüber zu lesen", schrieb 1782 der deutsche Sprachforscher Johann Christoph Adelung. Der von Adelung beschriebene, viel diskutierte Gegenstand ist, wie könnte es anders sein, die deutsche Rechtschreibung. Der Streit hat nicht erst 1992 begonnen, als ein Arbeitskreis von Germanisten Vorschläge zur Neuregelung der Orthografie vorlegte. Schon Bismarck erwies sich als Gegner des verordneten Sprachwandels, und kaum ein Punkt der jetzigen Reform ist nicht schon einmal in früheren Diskussionen aufgetaucht.

1788 Der Sprachforscher Johann Christoph Adelung veröffentlicht das Regelwerk "Vollständige Anweisung zur Deutschen Orthographie". Darin behandelt er unter anderem Groß- und Kleinschreibung, Getrennt- und Zusammenschreibung, Worttrennung sowie Zeichensetzung. Schriftsteller wie Wieland und Goethe werden von Adelung beeinflusst.

Bis 1871 Einzelne deutsche Länder wie Hessen, Württemberg oder Preußen legen einheitliche Schreibregeln in ihren Schulen fest, die aber teilweise noch deutlich voneinander abweichen. Erst mit der Reichsgründung wird der Ruf nach einer für ganz Deutschland verbindlichen Rechtschreibung lauter.

1876 Auf der ersten Orthografischen Konferenz in Berlin werden Vorschläge für eine einheitliche deutsche Rechtschreibung diskutiert. Doch bereits während der Konferenz setzt eine intensive Pressekampagne gegen die späteren Beschlüsse ein, wobei emotionale Argumente dominieren. Als auch noch Reichskanzler Bismarck sein Veto einlegt, scheitert der Reformversuch endgültig.

1880 Konrad Duden veröffentlicht sein "Vollständiges Orthografisches Wörterbuch der deutschen Sprache" - den so genannten Ur-Duden - auf der Basis der preußischen Schulregeln. Das Werk setzt sich im gesamten Reichsgebiet durch, gilt aber noch nicht offiziell als Norm.

1901 Die zweite Orthografische Konferenz in Berlin wird im Gegensatz zu ihrer ersten Auflage ein Erfolg. Die Teilnehmer einigen sich erstmals in der Geschichte des deutschen Schrifttums auf einheitliche Rechtschreibregeln. Allerdings gehen die neuen Vorgaben nur geringfügig über das bisherige preußische Regelwerk hinaus. Dem entsprechend gibt es auch Kritiker, denen die Änderungen nicht umfassend genug sind. Ein Jahr später erscheinen die "Regeln für die deutsche Rechtschreibung nebst Wörterverzeichnis" in Buchform.

1944 Erziehungsminister Bernhard Rust will verschiedene Änderungen der 1901 beschlossenen Orthografie durchsetzen: So sollen Fremdwörter generell eingedeutscht werden (zum Beispiel Fosfor, Schofför). Außerdem plädiert Rust für eine vermehrte Getrenntschreibung (Rad fahren), liberalisierte Kommasetzung sowie für die Worttrennung nach Sprechsilben. Die "Rustsche Reform" wird jedoch auf Anordnung Hitlers gestoppt, da sie nicht kriegswichtig ist.

1954 Die "Stuttgarter Empfehlungen" enthalten Reformvorschläge, die unter anderem die Abschaffung der Substantivgroßschreibung und die Ersetzung von "ß" durch "ss" vorsehen. Auch Kommasetzung, Getrenntschreibung und Worttrennung sollen vereinfacht werden. Heftige Proteste, darunter auch von Thomas Mann und Friedrich Dürrenmatt, lassen die Reform aber scheitern.

1955 Westdeutsche Verlage wie zum Beispiel Bertelsmann veröffentlichen Wörterbücher, in denen einige Schreibweisen vom Duden abweichen und greifen damit das faktische Dudenmonopol an. Die Kultusministerkonferenz der BRD erklärt daraufhin den Duden in Zweifelsfällen für verbindlich.

1958 Die "Wiesbadener Empfehlungen" ähneln den Vorschlägen von 1954 in vielen Punkten, scheitern aber ebenfalls am Widerstand der Öffentlichkeit.

1980 Der "Internationale Arbeitskreis für Rechtschreibreform" (IAR) wird gegründet und mit Wissenschaftlern aus der BRD, der DDR, der Schweiz und Österreich besetzt.

1992 Der IAR legt unter dem Titel "Deutsche Rechtschreibung - Vorschläge zu ihrer Neuregelung" einen Entwurf vor, der alle Bereiche der Orthografie behandelt.

1995 Die deutschen Kultusminister stimmen einer überarbeiteten Fassung des Regelwerks zu. Zuvor hatten Landespolitiker den Vorschlag des Arbeitskreises wegen einzelner Schreibweisen kritisiert.

1996 Am 1. Juli unterzeichnen in Wien Vertreter der deutschsprachigen Staaten eine gemeinsame Absichtserklärung. Die neuen Regeln sollen ab dem 1. August 1998 in Schulen und Behörden gelten. Bis August 2005 sollen aber noch die alten Schreibweisen geduldet werden. Einige Bundesländer führen bereits zu Beginn des Schuljahres 1996/97 die neuen Regeln im Unterricht ein. Drei Monate nach der Wiener Absichtserklärung fordern rund 100 namhafte Schriftsteller auf der Frankfurter Buchmesse den Stopp der Reform.

1997 In Mannheim konstituiert sich die Zwischenstaatliche Kommission, die an Stelle des Dudens Zweifelsfälle regeln soll. Im Juli gibt das Verwaltungsgericht Wiesbaden dem Eilantrag eines Vaters statt, der sich gegen den Unterricht nach den neuen Regeln richtet. In der Folge entscheiden zahlreiche weitere Gerichte teils für, teils gegen klagende Eltern. Niedersachsen setzt den Unterricht nach neuer Rechtschreibung ganz aus, weil das Oberverwaltungsgericht Lüneburg die Einführung der Reform ohne Gesetz für rechtswidrig hält.

1998 Das Bundesverfassungsgericht sieht keinen Verstoß gegen Grundrechte, die Reform kann also wie geplant in Kraft treten.

1999 Die Rechtschreibreform wird bei den deutschen Nachrichtenagenturen und damit auch im Zeitungswesen verbindlich eingeführt. In Kiel beschließt der Landtag die Einführung der neuen Regeln für Schleswig-Holstein und ignoriert damit eine Volksabstimmung, bei der sich 56,4 Prozent der Wähler dagegen ausgesprochen hatten.

2000 Neben der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" kehrt auch der Deutsche Hochschulverband zur alten Rechtschreibung zurück.

2004 Die Kultusminister beschließen, dass vom 1. August 2005 an die neue Rechtschreibung grundsätzlich für Schulen verbindlich ist. Mit dem Ende der bis dahin laufenden Übergangsfrist sollen nur noch geringfügige Änderungen in Kraft treten. Kurz vor der endgültigen Einführung der Reform nimmt die Zahl der Kritiker aus Politik, Literatur und Medien zu. Am 6. August erklären die Verlage SPIEGEL und Springer ihre Rückkehr zur alten Rechtschreibung. Die "Süddeutsche Zeitung" will sich anschließen. Die Ankündigung der Verlage stößt in der Öffentlichkeit auf geteiltes Echo, die historische Debatte geht in eine neue Runde.



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