Rechtschreibreform Die E-sel müssen weg!

Eigentlich wollte der Deutsche Rat für Rechtschreibung nur noch Zeichensetzung, Silbentrennung und Getrenntschreibung diskutieren. Doch jetzt gerieten auch längst geklärte Regeln wieder ins Visier der Experten. Fazit: Uneinigkeit wird wieder groß geschrieben unter Deutschlands Sprachpflegern.


Streitfall Rechtschreibreform: A-benddämmerung der Sprachpflege
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Streitfall Rechtschreibreform: A-benddämmerung der Sprachpflege

Mannheim - Heute beschloss der Rat für deutsche Rechtschreibung erneut Empfehlungen zu Korrekturen bei der Silbentrennung und der Kommasetzung. Laut einem Bericht des Berliner "Tagesspiegel" will der Rechtschreibrat die Reform sogar noch weiter zurückdrehen und auch vor der Groß- und Kleinschreibung nicht Halt machen.

Der Ratsvorsitzende und frühere bayerische Kultusminister Hans Zehetmair (CSU) sagte, es werde keine Abtrennung von Einzelbuchstaben mehr geben. Als Beispiel nannte er die - nach der Rechtschreibreform erlaubte - Trennung der Wörter "E-sel" und "A-bend". Außerdem sollten "sinnentstellende Trennungen" rückgängig gemacht werden. So solle Urinstinkt nicht mehr "Urin-stinkt" und Analphabet nicht mehr "Anal-phabet" getrennt werden dürfen.

Zudem schlage der Rat vor, wieder "mehr Kommata zu setzen", damit "Sinneinheiten leichter durchschaubar" werden. So solle etwa bei dem Satz "Der Mann schlug die Orgel, und seine Frau backte Kuchen" nun zwingend das Komma gesetzt werden. Bei der Trennung von Wörtern mit einem "ck" einigte sich der Rat laut Zehetmair darauf, die in der Rechtschreibreform gefundene Lösung beizubehalten. Es werde damit nicht wie früher eine Trennung in zwei "k" geben, sondern eine Trennung vor dem "ck", also beispielsweise in "Da-ckel".

Der Rat, der erstmals seit Einführung von Teilen der Reform am 1. August tagte, wird den Angaben zufolge bei seiner Sitzung im November auch strittige Fragen der Groß- und Kleinschreibung behandeln. Dazu sei eine Arbeitsgruppe eingesetzt worden.

Der Nachrichtenagentur Reuters erklärte Zehetmair, in den elf Monaten seiner Arbeit habe sich in dem Expertengremium eine sehr konstruktive Atmosphäre entwickelt. "Die Linie ist, dass wir die deutsche Sprache weder für Kinder noch für Ausländer erschweren wollen, sondern offenkundige Sinnbeschädigungen beseitigen", sagte Zehetmair.

Mit Blick auf die abweichenden Schreibweisen der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und verschiedener Publikationen des Springerkonzerns sagte der Politiker, die Erwachsenenwelt sei wohl nicht bereit gewesen, die Änderungen in der deutschen Rechtschreibung zu übernehmen.

Dem Bericht des "Tagesspiegel" zufolge plädiert der Reformgegner Theodor Ickler dafür, dass der Rat über Reformschreibweisen wie "heute Abend" und "im Übrigen" diskutiert, für die vor der Reform die Schreibweisen "heute abend" und "im übrigen" galten. Der Erlanger Sprachwissenschaftler wolle eine weitgehende Rücknahme der Reform erreichen und auch bei der Laut-Buchstaben-Zuordnung sowie den ss- und ß-Schreibungen zu den alten Regeln zurückkehren. Zehetmair unterstützt den Angaben zufolge Ickler.

Dem Rechtschreibrat gehören Vertreter verschiedener Institutionen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz an. Darunter sind die Dudenredaktion, die Gesellschaft für deutsche Sprache, Zeitungsverleger, der Journalistenverband und Schulbuchverlage. Das Gremium war nach heftiger Kritik an der neuen Rechtschreibung von der Kultusministerkonferenz (KMK) ins Leben gerufen worden.

Norbert Demuth, Nadine Emmerich, ddp



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