Rechtschreibreform "Es war ein Fehler"

Fünf Jahre lang plagten sich Redakteure und ihre Leser mit widersinnigen Regeln, nun steigen die wichtigsten Zeitungen aus. Springer, der SPIEGEL und die "Süddeutsche Zeitung" wollen dem Beispiel der "FAZ" folgen und zur alten Rechtschreibung zurückkehren. Ein Gespräch mit den Verantwortlichen.


SPIEGEL-Chefredakteur Aust: "Ein Akt des zivilen Ungehorsams"
DER SPIEGEL

SPIEGEL-Chefredakteur Aust: "Ein Akt des zivilen Ungehorsams"

Herr Aust, warum kehrt der SPIEGEL nach fünf Jahren zur alten Rechtschreibung zurück?

Es kann nicht angehen, daß eine kleine Gruppe von Experten eine Neufassung der deutschen Sprache beschließt, ohne zu berücksichtigen, ob die Bevölkerung das eigentlich will oder ob es notwendig ist. Wir würden diesen Schritt, raus aus der Reform, nicht machen, wenn wir den Eindruck hätten, daß die Mehrheit der Bevölkerung mit der neuen Rechtschreibung zurechtkommt und sie akzeptiert. Aber die Mehrheit der Bevölkerung will die Reform nicht. Insofern ist unser Schritt ein Signal - dafür, daß wir nicht alles mit uns machen lassen! Ein Akt des zivilen Ungehorsams.

Schiffahrt wieder mit zwei "f" zu schreiben, verstehen Sie das als Akt des zivilen Ungehorsams?

Was maßen die sich an, die Sprache für uns alle neu regeln zu wollen! Kinder sollen in der Schule eine Schreibweise lernen, die sie in den Büchern, die sie lesen sollen, nicht wiederfinden. Grass zum Beispiel besteht ja auf der alten Schreibweise. Die Reform ist eine zwangsneurotische Bürokratenlösung.

Warum hat der SPIEGEL diese zwangsneurotische Bürokratenlösung denn überhaupt akzeptiert?

Wir haben die Vorschläge der Kommission damals natürlich analysiert. Und wir haben festgestellt, daß da absurde Wortveränderungen gefordert, absurde Trennungsregeln aufgestellt werden. Über das Ausmaß des Desasters konnte man ja auch schnell überall lesen. Das ist ja keine neue Erkenntnis. Ich stand damals kurz davor zu sagen: Das ist alles Unsinn, wir machen nicht mit! Rudolf Augstein war auch dieser Auffassung, er war auch dagegen.

Warum haben Sie klein beigegeben?

Wir haben gedacht, wenn alle die Reform mitmachen, dann können wir nicht zurückbleiben. Wir können nicht die einzigen sein, die bei der alten Rechtschreibung bleiben. Und dann haben wir mitbekommen, wie in jedem Jahr irgendwelche Regeln klammheimlich kassiert wurden. Immer wieder wurde etwas verändert, immer weiter dran rumoperiert. Als die Kultusministerkonferenz entschied, dieses Reformmonster als verbindlich zu erklären, haben wir uns zusammengesetzt, Frank Schirrmacher, Mathias Döpfner und ich. Wir haben uns gefragt: Können wir diese Reform verantworten? Wegen der bevorstehenden Entscheidung der Kultusministerkonferenz ist die Diskussion um die Reform nun erneut losgegangen.

Und Sie haben entschieden: Wir steigen aus.

Wir haben bei uns im Haus Umfragen durchgeführt, und es stellte sich heraus, daß fast alle SPIEGEL-Redakteure die alte Rechtschreibung verwenden! Sie schreiben ihre Texte, und der Computer übersetzt die alte in die neue Rechtschreibung. Kafkaesk! Vor einiger Zeit wollten wir wenigstens die wildesten Reformen zurückdrehen. Wir beauftragten eine Kommission, die einen Kompromiß erarbeiten sollte. Aber es klappte nicht, alles war verfahren. Also fragten wir uns: Warum führen wir die alte Rechtschreibung nicht wieder ein?

Wann wollen Sie diese Idee in die Tat umsetzen?

Wir haben keinen Zeitplan erstellt. Wenn sich Vorschläge durchgesetzt haben, sind wir bereit, diese Vorschläge zu übernehmen, die alte Rechtschreibung ein wenig zu verändern. Wir wollen nichts überstürzen. Die Umstellung aber wird wegen der Computersysteme leichter gehen, als man denken könnte.

Sie wollen also eine Reform der Reform?

Nein, wir wollen keine Reform im strengen Sinne. Überhaupt war nie einzusehen, warum die alte Rechtschreibung verändert werden mußte.

Ist der Schritt der großen Zeitungen aus der Rechtschreibreform auch symbolisch zu verstehen - als Anfang vom Ende mit den gepriesenen Reformen?

Man kann die Rechtschreibreform nicht mit anderen Reformen, den Reformen auf dem Arbeitsmarkt und im Gesundheitssystem zum Beispiel, gleichsetzen. Ich meine: Die Rechtschreibreform war eine Anmaßung und keine Reform. Ein Resultat bürokratischer Regelungswut. Anders ist es mit Reformen zum Beispiel im Baurecht. Hier liegt der Sinn einer Reform in der Vereinfachung. Häufig kommt auch etwas anderes heraus als eine Vereinfachung, wie wir das bei Hartz IV sehen. Aber der Begriff der Reform ist bei mir nach wie vor positiv besetzt. Ich bin ein großer Anhänger von Reformen. Aber man kann auch jeden Unsinn zur Reform erheben und dann sagen: Deswegen müßt ihr alle dafür sein.

Kann man den Zusammenschluß von Springer, SPIEGEL und "SZ" als Machtkampf sehen zwischen Medien und Staat?

Nein. Ein Machtkampf wäre es gewesen, wenn diese Rechtschreibreform sich durchgesetzt hätte und die Mehrheit sie beherrscht und akzeptiert hätte. Aber das Gegenteil ist der Fall.

Gibt es bereits Reaktionen anderer Zeitungshäuser oder Verlage?

Manche Verlage lassen offen, wie sie sich entscheiden werden, andere wollen nicht zur alten Rechtschreibung zurück. Mir ist das egal. Davon geht die Welt nicht unter. Sie ging auch nicht unter, als die F.A.Z. bei der alten Rechtschreibung blieb. Es wird nicht so schlimm sein, wenn manche meinen, bei diesem zwangsneurotischen Konstrukt bleiben zu müssen. Wir alle werden schnell zur alten Rechtschreibung zurückkommen. Vielleicht übernimmt man ein paar Vorschläge. Warum auch nicht - die Leute sprechen ja auch Dialekte.

Für Sie steht die Rückkehr zur alten Rechtschreibung also fest?

Ich kann mir nicht vorstellen, daß man bei der Rechtschreibreform stehenbleiben wird.

Gibt es eine Reaktion aus der Politik auf Ihren Schritt?

Nein. Ich meine aber, die Politiker werden an diesem Beispiel merken, wie sie an der Öffentlichkeit, an der Bevölkerung vorbeiregiert haben.

Und Sie meinen, die Kultusministerkonferenz wird einfach umschwenken, als wäre nichts gewesen?

Ich sehe zwei Möglichkeiten. Zum einen: Die schwenken um, weil sie merken, daß sie gegen die Mehrheit der Öffentlichkeit etwas durchsetzen wollen. Sie können ja nun einfach sagen: Okay, die Rechtschreibreform wird nicht akzeptiert. Alles zurück, wir leben nicht in der DDR. Zum anderen: Sie werden bockig und sagen, das setzen wird jetzt durch, was interessieren uns die Verlage, die Medien. Das kann theoretisch passieren. Aber nach allen meinen Erfahrungen: Politiker sind so nicht gestrickt. Wäre ja auch dumm. Politiker sind gut beraten, gelegentlich ein wenig auf die Bevölkerung zu hören. Einsichtsfähigkeit ist so schlecht nicht. Es haben sich ja schon vorher, bevor wir unseren Schritt öffentlich gemacht haben, einige Politiker sehr mutig für die Rücknahme der Rechtschreibreform ausgesprochen, wie Wulff in Niedersachsen. Ich bin fest davon überzeugt, daß den Ministerpräsidenten persönlich die Rechtschreibreform herzlich egal ist. Die schreiben bestimmt alle in der alten Rechtschreibung, auch die Kultusminister. Das Wichtigste, was wir von unseren Politikern erwarten können, ist doch ein Sinn für Realität. Also zu sehen: Wenn es regnet, nehme ich einen Regenschirm, wenn es nicht regnet, nehme ich keinen.

Die Fragen stellte Eberhard Rathgeb



Hans Werner Kilz, Chefredakteur Süddeutsche Zeitung: "Gerade noch rechtzeitig"
DDP

Hans Werner Kilz, Chefredakteur Süddeutsche Zeitung: "Gerade noch rechtzeitig"

Herr Kilz, alte Rechtschreibung, neue Rechtschreibung: Was ist die Haltung der "Süddeutschen Zeitung" in dieser Sache?

Wir müssen jeden Tag eine Zeitung machen, da braucht man einen zielorientierten Pragmatismus, und das heißt: möglichst wenige Orthographiefehler. Mit der neuen Rechtschreibung wurde das nicht erreicht. Und wenn etwas nach fünf Jahren immer noch zu großer Verwirrung führt und zu wenig Akzeptanz, dann muß man Konsequenzen ziehen. Das wollen wir tun.

Ab wann soll die "SZ" wieder in der altbewährten Rechtschreibung erscheinen?

Ich glaube nicht, daß wir jetzt ein Datum nennen sollten oder irgendwelche Details einer zukünftigen Rechtschreibung. Wichtig ist jetzt das Signal zur Abkehr von der neuen Rechtschreibung. Alles andere ist auch eine Sache der Politik. Wir wollen den Kultusministern mit unserer Entscheidung ein Signal geben. Wir wollen eine Trendwende einläuten, das Gespräch anschieben.

Springer und der SPIEGEL haben am Freitag mittag verkündet, daß sie nun wieder die alte Rechtschreibregeln befolgen wollen - die "SZ" schloß sich am Abend an. Stehen Sie da jetzt nicht ein bißchen als Nachzügler da?

Wir waren von Anfang an mit im Boot, und das ist doch kein Wettlauf oder eine Marketing-Entscheidung, an einer solchen Spekulation beteilige ich mich nicht. Wichtig ist nur, daß es am Ende zu einer Einheitlichkeit kommt und zu einer vernünftigen neuen Regelung.

Wie wird die "SZ" zukünftig zum "sz" stehen? Gibt es Neuerungen, die Sie beibehalten wollen?

Ob wir "dass" künftig wieder "daß" schreiben, kann ich nicht sagen. Es ist noch zu früh, sich da jetzt festzulegen, man wird das alles in Ruhe erörtern müssen. Aber es gibt durchaus neue Regelungen, die ich beibehalten würde, vor allem was die Silbentrennungen angeht.

Sind Sie privat bei der alten Rechtschreibung geblieben?

Briefe schreibe ich meistens mit der alten Rechtschreibung, und ich käme selbstverständlich nie auf die Idee, Spaghetti ohne h zu schreiben.

Haben Sie schulpflichtige Kinder in Ihrer Verwandtschaft?

Die Großen sind schon raus, und der Kleine ist noch nicht drin, für den käme das also gerade rechtzeitig.

Was gab den Anstoß, das jetzt auf Zeitungsebene im Zusammenschluß zu machen?

Ich wurde von meinen früheren Kollegen beim SPIEGEL angesprochen, wie wir das denn nun handhaben sollten mit der Rechtschreibung und ob man darüber reden könne, und dann wurde ein Treffen in Hamburg vereinbart zwischen SPIEGEL, Springer und der "SZ", vertreten von unserem Rechtschreibexperten Hermann Unterstöger. Auch von Suhrkamp nahm jemand teil.

Wird jetzt jede Zeitung, wann sie will, ihr eigenes Regelwerk einführen, oder wird es eine konzertierte Aktion geben?

Die Debatte ist jetzt in Gang gekommen, und das war auch der Sinn. Ich denke, daß die Nachrichtenagenturen reagieren werden, einige Verlagshäuser - man muß sehen, daß es eine möglichst breitangelegte Aktion wird, um tatsächlich etwas zu bewirken. Die letzte Entscheidung liegt ja nicht bei den Journalisten oder Verlagen, sondern bei den Kultusministern. Wir sind nicht die Sprachkommission - wir machen nur darauf aufmerksam, daß die Rechtschreibreform in der jetzt gültigen Form oft sehr sinnentstellend wirkt.

Ist das eine Art Machtdemonstration gegenüber der Politik, die in dieser Frage ja sehr apathisch ist?

Ach was. Der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber hat mich einfach vor ein paar Wochen gefragt, was bei den großen bayerischen Zeitungen diskutiert wird, und er hat auch den Eindruck erweckt, daß er sich beim Treffen der Ministerpräsidenten im Oktober für eine Änderung einsetzen wird. Jetzt liegt es an den Kultusministern. Es gibt da ein sehr diffuses Bild, und es ist auch keine Parteienangelegenheit.

Herr Kilz, warum hat es fünf Jahre gedauert?

Diese Frage habe ich mir natürlich auch gestellt. Es haben wohl zu viele Leute dieser Sache zu wenig Bedeutung beigemessen - die Proteste bei den Zeitungslesern kamen ja früh auf - Umfragen zufolge haben zwei Drittel der Bevölkerung die Rechtschreibreform nie akzeptiert, nur dreizehn Prozent wollen sie beibehalten. Erst als man in der Praxis gesehen hat, was für Unsinn da passiert, wurde man hellhörig: daß man Tunfisch auf einmal so schreibt, als müßte der Fisch etwas tun, bei Thron aber bleibt das h nach dem T, das soll mir mal einer erklären.

Hätte man im nachhinein vielleicht besser überlegen und die neuen Regelungen prüfen sollen, bevor man alle Mitarbeiter umschult und dann fünf Jahre später entscheidet, daß vieles Unsinn war?

Daß so viel Zeit verstrichen ist, ist in der Tat verblüffend - aber jetzt ist eben das Datum nah, an dem die neue Regelung verbindlich würde, August 2005, und da sind alle hellhörig und wach geworden. Es ist dem Ganzen vielleicht zu lange zu wenig Beachtung geschenkt worden. Aber es ist ja gerade noch rechtzeitig.

Die Fragen stellte Johanna Adorján



Mathias Döpfner Vorstandsvorsitzender des Axel-Springer-Verlags: "Aus heutiger Sicht war das ein Fehler. Deswegen korrigieren wir ihn jetzt."
DPA

Mathias Döpfner Vorstandsvorsitzender des Axel-Springer-Verlags: "Aus heutiger Sicht war das ein Fehler. Deswegen korrigieren wir ihn jetzt."

Herr Döpfner, Zeitungen und Verlage unterschiedlicher politischer Richtungen schließen sich zusammen, um eine Reform zu Fall zu bringen. Ist das, was wir gerade erleben eine Rebellion?

Wenn F.A.Z., "Süddeutsche Zeitung", SPIEGEL, "Welt" und "Bild" einer Meinung sind, dann muß es ein wirklich übergeordnetes Interesse geben. Das ist hier der Fall. Es geht um die deutsche Sprache. Die Rechtschreibreform war von Anfang an mißglückt. Nach fünf Jahren Erprobung gibt es Menschen, die nach alter Rechtschreibung schreiben, Kinder, die die reformierte Rechtschreibung lernen, Verlage, die ihre eigene Version der Reform umgesetzt haben, und seit einiger Zeit gibt es noch eine überarbeitete Form der Reform. Das Ergebnis ist Chaos. Die Schreib- und Lesefähigkeit der jungen Generation nimmt nachweislich ab. Wenn auf diese Entwicklung die Politik, die das ganze Unheil in Gang gesetzt hat, nicht reagiert, müssen die Hauptbetroffenen, die Verlage, handeln.

Müssen die Mächtigen zittern?

Es geht nicht um zittern, es geht um die Souveränität, einen Fehler zu korrigieren. Wenn wir ehrlich sind, ist es doch so, daß man sich heute weniger schämen muß, falsch zu schreiben. Das perfekte Alibi ist die Rechtschreibreform. Weil keiner genau überblickt, was nun gilt, schreibt jeder, wie er will. Deshalb brauchen wir schnellstmöglich eine neue Verbindlichkeit: die klassische Rechtschreibung. Von dieser Basis aus kann sich Sprache dann wie auch in den vergangenen Jahrzehnten entwickeln und verändern, und sinnvolle Anpassungen der Rechtschreibung können schrittweise vollzogen werden. Unser Vorstoß ist ein Appell zur Umkehr, und wir hoffen, daß dem möglichst schnell möglichst viele folgen. Es geht hier nicht darum, recht zu haben, sondern etwas Sinnvolles zu erreichen.

Machen sich die Zeitungen damit nicht selbst zum Handelnden? Müßten sie sich nicht darauf beschränken, Berichterstatter zu sein?

Hier sind wir nicht nur Berichterstatter, sondern Hauptbetroffene. Das geschriebene Wort, die deutsche Sprache, ist unsere Geschäftsgrundlage. Wer schlecht schreibt, wird schlecht lesen. Das kann uns nicht egal sein.

Welche Rolle spielt die "Bild"-Zeitung in dem nun offen geführten Kampf gegen die "Schlechtschreibreform"? Sie macht ja seit einer Woche eine Kampagne.

Zu den Plänen der "Bild"-Zeitung müssen Sie ihren Chefredakteur Kai Diekmann befragen. Interessant ist nur, daß, wenn "Bild" eine Meinung hat, es immer gleich als Kampagne bezeichnet wird. Aber ich glaube, wir sind gut beraten, das als Kompliment zu empfinden. "Bild" erreicht mehr als zwölf Millionen Leser und prägt die öffentliche Meinung mehr als jede andere Zeitung. Also kommt ihr auch im Falle der deutschen Rechtschreibung eine besondere Verantwortung zu. "Bild" hat Millionen Menschen zum Lesen gebracht, die früher nie eine Zeitung in die Hand genommen haben.

Die Tageszeitung "Die Welt" war immer besonders negativ gegen die Rechtschreibreform eingestellt. Sie selbst schrieben damals als Chefredakteur mehrere kritische Leitartikel und erklärten am Tag der Einführung, am 1. August 1998: "Die ,Welt' wird so lange wie irgend möglich bei der alten Rechtschreibung bleiben. Die Rechtschreibreform wird sich nicht durchsetzen." Ein Jahr später setzte der Verlag doch die Reform um. Warum?

Der Verlag kam damals zu dem Ergebnis, daß Axel Springer im Sinne der verbindlichen Rechtschreibung der Reform eine Chance geben sollte. Aus heutiger Sicht war das ein Fehler. Deswegen korrigieren wir ihn jetzt.

Woher nehmen Sie die Sicherheit, zu glauben, die Rückkehr zur alten Rechtschreibung sei der Wille des Volkes?

Darum geht es gar nicht. Wenn man Führungsverantwortung hat, sollte man das tun, was man nach bestem Wissen und Gewissen für das langfristig Richtige hält. Wenn eine Mehrheit das für falsch hält, muß man versuchen, die Menschen zu überzeugen. Wenn eine Mehrheit das für richtig hält, um so schöner. Bei der Rechtschreibreform ist nach allen vorliegenden Umfragen eine klare Mehrheit für eine schnelle Korrektur.

Was haben Sie damals gedacht, als die "F.A.Z." zur alten Rechtschreibung zurückkehrte?

Ich habe sie beneidet und bewundert.

Warum muß in Deutschland immer alles gleich grundsätzlich diskutiert werden?

Das weiß ich auch nicht. Deshalb haben wir auch nicht lange grundsätzlich diskutiert, sondern sehr konkret gehandelt.

Warum spricht man nicht differenziert über Stärken und Schwächen der Reform?

Das wird seit zehn Jahren getan. Das Ergebnis kennen Sie. Die Leidtragenden sind die Kinder in der Schule. Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren. Die Korrektur kommt spät, aber nicht zu spät.

Wie wird es weitergehen?

In Deutschland ist die Haltung verbreitet: Ich mach' das nur, wenn alle es tun. Jeder Verlag, der sich dieser Initiative anschließt, beschleunigt die ohnehin unaufhaltsame Entwicklung und erweist damit der deutschen Sprache einen Dienst. Die Politik wird unter dem Eindruck dieser Ereignisse die laufende Diskussion über eine Umkehr beschleunigen. Am Ende wird eine Lösung stehen, bei der einige wenige sinnvolle Änderungen übernommen werden und ansonsten wieder die klassische, bewährte Rechtschreibung gilt. Sollte die Politik auf ihrer Regulierungsmacht beharren, dann bieten wir zumindest unseren Lesern die Chance, die Schreibweise zu lesen, in der fast neunzig Prozent der deutschsprachigen Literatur vorliegt und in der nicht nur Thomas Mann und Theodor Fontane, sondern auch Grass, Walser und Enzensberger schrieben und weiter schreiben werden.

Ist das jetzt das Ende der Reform?

Die Reform war schon vorher gescheitert. Jetzt wird es nur etwas schneller offenkundig.

Die Fragen stellte Volker Weidermann

Mit freundlicher Genehmigung der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung



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