Rechtschreibreform Sprache im Koma

Rund ein Jahr vor ihrer endgültigen Festschreibung wächst die Kritik an der Rechtschreibreform. Während die einen das Rad erfunden haben wollen, möchten es die anderen zurückdrehen. Was bleibt, ist Verunsicherung.

Von Dominik Baur


Deutsche Orthografie: Bei dem Wort selbst beginnen schon die Schwierigkeiten
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Deutsche Orthografie: Bei dem Wort selbst beginnen schon die Schwierigkeiten

Es war ein trauriger Tag für das Land, dieser 1. August. Wir schrieben das Jahr 1999 nach Christus. Ganz Deutschland kehrte damals der guten alten Rechtschreibung den Rücken. Ganz Deutschland? Nein! Eine von unbeugsamen Redakteuren bevölkerte Tageszeitung in Hessen hörte nicht auf, dem Ansturm von Zooorchestern, Betttüchern und Delfinen Widerstand zu leisten.

In der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" fragte sich nach einem einjährigen Test der neuen Rechtschreibung niemand mehr, was der Tunfisch zu tun hat, in der Kantine gab es nur Thunfisch - und nichts anderes wurde den treuen Lesern des konservativen Blattes vorgesetzt. Während Schülern von Hamburg bis Garmisch-Partenkirchen eine neue Schreibweise verordnet wurde und Behörden ihre ohnehin kaum verständlichen Schriftstücke durch "Dienst Habende" und "allein Stehende" auch noch unlesbar machten, schrieben die "FAZ"-Macher wieder, als sei nichts gewesen.

Dass sehr wohl etwas gewesen ist, registrierten die orthografischen Seismografen (wieso eigentlich nicht auch noch weg mit dem "th"?) in Frankfurt jedoch viel stärker als viele andere im Land. Jetzt, seit bekannt ist, dass die Kultusministerkonferenz die so genannte (in zwei Wörtern, bitte) Rechtschreibreform zum August 2005 verbindlich werden lassen will, rührt die "FAZ" noch einmal kräftig die Werbetrommel für eine Rücknahme des Regelwerkes. Kaum ein Tag vergeht seit dem Beschluss der Konferenz Anfang Juni, an dem die Zeitung das Thema nicht aufgreift.

Wulff: Ministerpräsidenten sollen ein Machtwort sprechen

Jetzt erhalten die bislang einsamen Streiter jedoch Unterstützung von politischer Seite. Man hörte seit seiner Wahl zum Ministerpräsidenten nicht mehr viel von Christian Wulff, zumindest nicht außerhalb Niedersachsens. Doch nun hat sich der Regierungschef lautstark zu Wort gemeldet und sich zum Wortführer der Rechtschreibreformgegner aufgeschwungen. Eine Missgeburt sei die Reform gewesen, schimpft Wulff. Dabei dürfte der Wandel der Mißgeburt zur Missgeburt noch die wenigsten Reformkritiker stören, obwohl der Wegfall des "scharfen ß" nach kurzen Vokalen rein quantitativ die meisten Änderungen ausmachen dürfte.

Niedersachsens MP Wulff: Zunehmende Sprachverhunzung
DPA

Niedersachsens MP Wulff: Zunehmende Sprachverhunzung

Was Kritiker der neuen Schreibung viel mehr erregt, sind die Auswüchse bei Getrennt- und Zusammen-, Groß- und Kleinschreibung, die unzähligen Haupt- und Nebenvarianten. Die Reform habe der Beliebigkeit Tür und Tor geöffnet, Deutschland gerate zunehmend in einen Zustand der "Sprachverhunzung", sagt Wulff. Da den Kultusministern Schavan und Co. das Heft entglitten sei, soll seiner Meinung nach jetzt die Ministerpräsidentenkonferenz die Sache selbst in die Hand nehmen und ein Machtwort sprechen.

Die Schuld an der orthografischen Misere des Landes gibt der Politiker "vermeintlichen Fachleuten", denen die Kultusministerkonferenz fahrlässigerweise die Aufgabe überlassen habe, die Rechtschreibung zu reformieren, "ein paar Professoren, die den Eindruck erweckten, sie könnten das Rad neu erfinden". Dabei erfanden sie nur das Radfahren neu: Seit 1998 darf man nicht mehr radfahren, sondern muss Rad fahren.

Die Macht der namenlosen Beamten

Eine Theorie, der auch der selbst ernannte Allgemeinbildungspapst Dietrich Schwanitz zustimmt, der Mann, der den Deutschen bestsellend beibringen wollte, was Bildung ist. Seiner in der "Welt" erklärten Ansicht nach war die Rechtschreibreform in der Polykratie der Kultusministerkonferenz von namenlosen Beamten zu keinem anderen Zweck entwickelt worden, um die drei Dutzend Ressortchefs von anderen möglicherweise gar einschneidenden Politikprojekten abzuhalten.

Pappplakate mit Majonäse: In der Bevölkerung herrscht Unsicherheit
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Pappplakate mit Majonäse: In der Bevölkerung herrscht Unsicherheit

Auf die Seite der Reformgegner schlug sich jetzt auch Wulffs saarländischer Kollege und Parteifreund Peter Müller. Die Reform werde von den Menschen nicht angenommen. "Das muss die Politik akzeptieren und auch die Kraft haben, diese Reform grundsätzlich wieder abzuschaffen", forderte er im "Münchner Merkur". CDU-Vize Christoph Böhr will ebenfalls eine komplette Rücknahme der Reform. Sie sei "ein einziges Debakel".

Gestern stimmte auch noch der Verfassungsrechtler Rupert Scholz in den Chor mit ein. Und selbst der hessische Ministerpräsident Roland Koch, der stets sein Ohr am Maul des Volkes hat, äußerte trotz aller Bedenken "ein Stück weit" Verständnis für seine Parteifreunde. Das lauteste Sprachrohr für Wulff und Co. bietet freilich eine uns wohlbekannte (oder doch lieber sinnentstellend: wohl bekannte?) Zeitung aus Frankfurt.

Bevölkerung lehnt Reform ab

Aber nicht nur Politiker mahnen eine Rücknahme der umstrittenen Rechtschreibreform an. Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung protestiert gegen den Orthografie-Klüngel der Kultusministerkonferenz und ihrer zweifelhaften Experten, die Akademien der Wissenschaften der einzelnen Bundesländer schließen sich an. In einem offenen Brief fordern sie: "Die Reformrechtschreibung sollte weder in der ursprünglichen noch in der jetzt vorgeschlagenen Fassung zur ab dem 1. August 2005 alleinverbindlichen Schulorthografie erklärt werden."

Auch 60 Rechtswissenschaftler aus Deutschland, Österreich und der Schweiz wandten sich in einem Schreiben an die Ministerpräsidenten. Diese, so die Forderung, müssten weiteren Schaden für die deutsche Sprachgemeinschaft abwenden. Es gehe dabei auch um das Ansehen der Politik. Falls die Menschen den Eindruck gewännen, die Politiker könnten nicht einmal dieses Problem, etwa wegen übertriebener Rücksichtnahme auf die Kultusverwaltungen, "undogmatisch und unbürokratisch erledigen, wird ihr die Lösung weit schwierigerer Aufgaben erst recht nicht mehr zugetraut", schreiben die Juristen.

In der Bevölkerung hat die Reform ohnehin keinen Rückhalt gefunden. 13 Prozent der Deutschen, so hat Allensbach herausgefunden, stehen hinter der Rechtschreibreform. Und auch das Meinungsforschungsinstitut polis/USUMA machte nur 29 Prozent der Bevölkerung aus, die gegen eine Rückkehr zur früheren Rechtschreibung sind. Selbst unter Schülern, die davon am negativsten betroffen wären, ist nur etwas mehr als jeder Zweite gegen den Schritt zurück.

Schreiben im orthografiefreien Raum

Die Aufregung über eine Reform, in der es um aneinander gereihte Buchstaben geht, während die Arbeitslosigkeit steigt, die Konjunktur nicht in Schwung kommt, und die Sozialsysteme alles andere als gesichert sind, verursacht natürlich auch reichlich Kopfschütteln. "Der Zug ist abgefahren", heißt es dann. Es gebe Wichtigeres, sagen die Befürworter der Reform. Und in der Tat: Die Rechtschreibung hat keinen Verfassungsrang. Die Sprache der Deutschen ist antastbar.

Alles also nur ein vorgezogenes Sommertheater? Nein, der Protest gegen die zweifelhafte Reform war schon von jeher groß und wurde - so beharrlich er an verantwortlicher Stelle auch ignoriert wurde - durch die normative Kraft des Faktischen nicht abgemildert. Doch ob sich das Rad zurückdrehen lässt, scheint mehr als fraglich. Die schreibende Bevölkerung ist längst zu verunsichert. Ganze Jahrgänge von Schülern sind mit einer Beliebigkeit der Rechtschreibung groß geworden.

Ohnehin leben wir bereits in einem weitgehend rechtschreibungsfreien Raum. Viele von uns schreiben zwar mehr als früher, doch wer in Handy-Nachrichten, E-Mails oder Instant Messages etwa noch Großbuchstaben benutzt, entpuppt sich ohnehin als uncool. Rechtschreibfehler gehören dazu, ja sie unterstreichen gerade zu die Schnelligkeit und Flüchtigkeit der Nachrichten. Handschriftliche Briefe sind out, allenfalls schickt der eine oder andere statt einer MMS noch eine Postkarte aus dem Urlaub. Und selbst viele von denen, die von Berufs wegen schreiben müssen, verfahren längst nach dem Motto: Richtig ist, was das Rechtschreibprogramm von "Word" nicht unterringelt. Wer möchte sich da noch über verbale Ungetümer wie "Blut befleckt" oder "tief gründig" ereifern?

Die Hoffnung bleibt: Sprache lebt - auch wenn das Regelwerk der Kultusministerkonferenz die deutsche für ein paar Jahre ins künstliche Koma versetzt haben mag. Langfristig werden nur die Änderungen in die deutsche Rechtschreibung eingehen, die von den Leuten angenommen werden.



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