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Rechtschreibung: Kultusminister verabschieden Reform der Reform

Nach jahrelangem Streit soll wieder orthographischer Frieden einkehren: Die Kultusminister sind den Empfehlungen des Rats für deutsche Rechtschreibung gefolgt und haben die umstrittene Reform in mehreren Punkten abgeändert. Ein Kompromiss, auf den sich (fast) alle einigen konnten.

Berlin - Die seit August 2005 verbindliche Rechtschreibreform wird noch einmal geändert, voraussichtlich zum letzten Mal. Die Kultusministerkonferenz (KMK) beschloss heute auf ihrer Tagung in Berlin, den jüngsten Empfehlungen des Rats für deutsche Rechtschreibung zu folgen und das seit Jahren umstrittene Reformwerk noch einmal zu ändern. Die Änderungen betreffen besonders strittige Teile der Getrennt- und Zusammenschreibung, der Groß- und Kleinschreibung, der Zeichensetzung und Silbentrennung.

Streitfall Rechtschreibung: "Übers Ziel hinaus geschossen"
DPA

Streitfall Rechtschreibung: "Übers Ziel hinaus geschossen"

Die Kultusminister wollen mit ihrem Beschluss einen Schlussstrich unter die seit mehr als zehn Jahren erbittert geführten Auseinandersetzungen um das Reformwerk ziehen. Auch Bayern und Nordrhein-Westfalen, die vor einem Jahr zunächst die Umsetzung der Rechtschreibreform an den Schulen ausgesetzt hatten, wollen nun wieder auf eine gemeinsame Linie einschwenken. Damit können ab August dieses Jahres in Deutschland wieder bundesweit an allen Schulen die gleichen Rechtschreibregeln gelten.

Verbindlich eingeführt werden sollen die Korrekturen an allen deutschen Schulen am 1. August, dem ersten Jahrestag der Reform. Während einer einjährigen Übergangsfrist sollen sie jedoch bei der Notengebung noch nicht berücksichtigt werden.

Der Vorsitzende des Rechtschreibrates, Hans Zehetmair (CSU) war von einer Zustimmung der KMK zu den Korrekturempfehlungen ausgegangen. Der Rat habe sich um moderate Korrekturen bemüht und damit auf die Kritik der letzten Jahre reagiert. Die eklatantesten Unebenheiten seien geglättet.

Kulturstaatsminister Bernd Neumann erklärte, die Korrekturempfehlungen erzeugten "mehr Erleichterung als Freude". Das Unbehagen in der Bevölkerung an der Reform habe der Rat nicht aufheben können. Dennoch scheine eine ungeliebte Reform nach endlosen Debatten nun doch noch ihren vorläufigen Abschluss zu finden.

Die brandenburgische Kultusministerin Johanna Wanka sagte, mit den Korrekturen werde ein Teil der "Unsinnigkeiten" der Rechtschreibreform zurückgenommen. Mit ihr sei man "übers Ziel hinaus geschossen", so die CDU-Politikerin, die im vergangenen Jahr KMK-Präsidentin war.

Wankas Kollege Jan-Hendrik Olbertz ging in seiner Selbstkritik sogar noch weiter: Der Kultusminister aus Sachsen-Anhalt plädierte dafür, dass sich die Politik künftig aus der deutschen Rechtschreibung heraushalten solle. Der parteilose Politiker sagte im Vorwege des Ministertreffens, er werde der nachgebesserten Rechtschreibreform auch deswegen zustimmen, "weil damit der gordische Knoten durchschlagen und vielleicht auch das Elend beendet ist". Der Rat für deutsche Rechtschreibung habe mit seinen Korrekturempfehlungen "eine ganze Menge Unsinn zurückgenommen". Jetzt könne man vielleicht die Lehre ziehen, "aus der Politik heraus eine solche Geschichte nicht nochmal zu machen". Er habe schon immer kritisiert, "dass sich die Politik daran macht, die Muttersprache zu normieren". Das sei ein Fehler gewesen, der aber jetzt weitgehend behoben sei. Olmertz empfiehlt der KMK, einen weiteren Beschluss zu fassen: "Wir machen so was nie wieder."

Zeitungen wollen Reformvorschläge prüfen

Wird nun doch noch alles gut? Schon letzte Woche hatte der Axel Springer Verlag mitgeteilt, man prüfe eine Abkehr von der alten Rechtschreibung, zu der der Verlag ("Bild", "Welt") 2004 zurückgekehrt war. Springer begrüßte ausdrücklich die vom Rat vorgelegten Empfehlungen, nun werde geprüft, ob damit "eine einheitliche reformkonforme Rechtschreibung in den Zeitungen und Zeitschriften sowie den Onlinemedien des Verlages übernommen werden kann". Auch die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", die bereits seit 2000 wieder in alter Rechtschreibung schreibt, will die Kompromissvorschläge "sorgfältig prüfen".

Besänftigt scheinen auch jene, die den Reformwirrwarr der letzten Jahre leidvoll mittragen mussten. Der Dachverband der Schulbuchverlage weist darauf hin, dass keine neue Reform anstehe, sondern lediglich einzelne Änderungen am Regelwerk. "Es wird eine unaufgeregte Einführung des Kompromisses geben", sagte Sprecher Rino Mikulic. Schulbücher müssen nicht eingestampft und zum 1. August neu aufgelegt werden. Zwar müssten die Sprachbücher "zügig geändert" werden, da aber in den Bundesländern momentan ohnehin einiges an Reformen für den Schulunterricht laufe, seien die Termine neuer Buchauflagen bereits entsprechend kalkuliert. "Wenn man jetzt auch noch die großen Zeitungsverlage mit ins Boot bekäme, wäre das natürlich gut und der Streit hoffentlich mal beendet."
Ludwig Eichinger vom Rat für deutsche Rechtschreibung hofft jedenfalls, dass nun tatsächlich endlich Ruhe einkehrt. Es sei klar, dass alle, die im Rat mitgearbeitet hätten, sich einem Kompromiss verpflichtet hätten, auch wenn jeder Einzelne dabei Abstriche machen müsse, sagt der Direktor des Instituts für deutsche Sprache.

Erz-Gegner sprechen von schweren Mängeln

Der wohl bekannteste Gegner der Rechtschreibreform, Theodor Ickler, hatte zwar im Rat mitgearbeitet, diesem aber in der vergangenen Woche demonstrativ den Rücken gekehrt und die Korrekturvorschläge als völlig unzureichend bezeichnet. Auch die anderen in der Forschungsgruppe Deutsche Sprache zusammengeschlossenen Erz-Gegner der Reform sehen bei den Korrekturempfehlungen noch "schwere Mängel". Und der Deutsche Elternverein forderte die Kultusminister auf, die alte Rechtschreibung an Schulen wieder zuzulassen. Die Kritik an der Reform wird also wohl auch in Zukunft nicht ganz verstummen.

Kritik erklang heute auch aus der Schweiz, die die Änderung der Reform noch nicht sofort übernehmen will, sondern die deutschen Beschlüsse erst noch bewerten möchte. Erst danach "werden wir beschließen, welche Regeln wir übernehmen und bei welchen wir Wert darauf legen, dass Abweichungen möglich sind", sagte der Präsident der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren, Hans Ulrich Stöckling, der dpa. Bisher sei die Schweizer Seite über die Empfehlungen des Rates für deutsche Rechtschreibung, in dem allerdings Vertreter aller drei Länder sitzen, nicht offiziell informiert worden. Diese Kommunikation sei nicht glücklich, sagte Stöckling. Von einem Ausstieg aus dem gemeinsamen Prozess mit Deutschland und Österreich, der in einem Vorabbericht der "Welt" anklang, könne aber keine Rede sein.

bor/dpa/AP

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