Rechtschreibung "Wieder nichts Fertiges"

Nach dem Beschluss der Kultusministerkonferenz, die Rechtschreibreform in großen Teilen zum 1. August in Kraft zu setzen, macht sich Unmut breit. Die Lehrer bemängeln fehlende Planungssicherheit, Reformgegner sehen in der Teillösung eine zusätzliche Verwirrung der Bürger.


Streitfall Rechtschreibung: Auf Übergangsfrist folgt Übergangsfrist
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Streitfall Rechtschreibung: Auf Übergangsfrist folgt Übergangsfrist

Quedlinburg/Mannheim - Die neue Rechtschreibung tritt bis auf wenige Ausnahmen am 1. August für Behörden und Schulen verbindlich in Kraft. Das beschloss die Kultusministerkonferenz (KMK) gestern Abend bei ihrer Sitzung in Quedlinburg einstimmig. Damit ist die Übergangsfrist der 1996 beschlossenen und 1998 umgesetzten Rechtschreibreform im ursprünglich geplanten Zeitraum vollendet - aber eben nicht ganz. Für die noch immer strittigen Teile gebe es eine weitere Übergangsfrist, sagte KMK-Präsidentin Johanna Wanka (CDU) der Nachrichtenagentur AP. "Also ab August muss 'muss' mit Doppel-S geschrieben werden, sonst ist es falsch", sagte die brandenburgische Wissenschaftsministerin. Bei Getrennt- und Zusammenschreibung sind dagegen vorerst noch mehrere Schreibweisen möglich.

Bisher gilt in den Schulen eine Übergangsregelung, nach der alte Schreibweisen zwar zu markieren, aber nicht als Fehler zu werten sind. Dies wird sich zum 1. August in den Bereichen Laut-Buchstaben-Zuordnung, Schreibung mit Bindestrich sowie Groß- und Kleinschreibung ändern, die dann in der revidierten Fassung von 2004 verbindlich werden.

Kein Zeitdruck für den Rechtschreibrat

In den Bereichen Getrennt- und Zusammenschreibung, Worttrennung und Interpunktion wird dagegen vorerst weiter die Übergangsregelung gelten, bis die KMK auf der Grundlage der Empfehlungen des eigens zu diesem Zweck eingesetzten Rats für deutsche Rechtschreibung entschieden haben wird, ob die Neuregelungen wieder zurückgenommen werden. "Ich gehe davon aus, dass es in einer vernünftigen Zeit Empfehlungen des Rats geben wird", sagte Wanka. Einen Terminrahmen nannte sie nicht. In den noch zu klärenden Fragen werde weiterhin das Gebot der Toleranz gelten. Das bedeute, dass Lehrer in diesen Fällen die alte Rechtschreibung auch zukünftig nicht als fehlerhaft werten werden.

Mit dem Beschluss seien die Kultusminister "sehr weit" auf den Rat für deutsche Rechtschreibung wie auch auf die Reformgegner zugegangen, sagte Wanka. Der Rat könne nun "ohne Zeitdruck und in Ruhe" die strittigen Bereiche diskutieren. "Niemand zwingt den Rat, heute zu entscheiden". Der KMK-Beschluss setze keine Frist.

Rat einigt sich auf Änderungen der Regeln für Getrennt- und Zusammenschreibung

Seit Ende 2004 überprüft der Rat unter dem Vorsitz des früheren bayerischen Kultusministers Hans Zehetmair mögliche Änderungen in den besonders strittigen Bereichen. Am Freitag teilte die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, die zu den Reformgegnern zählt und eine Mitarbeit im Rat bisher abgelehnt hatte, mit, dass sie künftig im Rat "an der inhaltlichen Ausarbeitung der 'Reform der Reform'" mitwirken werde.

Heute Nachmittag hat sich der Rat auf die Änderungsvorschläge zur Getrennt- und Zusammenschreibung geeinigt. Auf seiner Sitzung am Freitag in Mannheim beschloss das Expertengremium, wieder mehr Wörter zusammenzuschreiben (Beispiel: Eislaufen statt Eis laufen) und damit der Semantik ein stärkeres Gewicht zu geben. Laut Zehetmair soll sich damit wieder stärker am Sprachgebrauch der Menschen orientieren. Der Beschluss sei mit der nötigen Zweidrittelmehrheit getroffen worden. Die Kultusministerkonferenz muss den Änderungsvorschlägen nun wiederum zustimmen.

In seiner nächsten Sitzung am 1. Juli will das 36-köpfige Expertengremium den Komplex der Getrennt- und Zusammenschreibung abschließen und sich auch mit der Thematik der Silbentrennung und der Zeichensetzung befassen, wie Zehetmair sagte. Eine konkrete Liste mit den Änderungsvorschlägen des Rates vom Freitag soll in etwa zehn Tagen in schriftlicher Form vorgelegt werden.

"Wieder das Gefühl, da kommt noch was"

Derweil regt sich viel Kritik am Beschluss der KMK - und wenig Zustimmung. Der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes Heinz-Peter Meidinger bezeichnete die Entscheidung der Kultusminister als nachvollziehbar und praxisorientiert. Damit bestehe jetzt eine weitgehende Korrektur- und Rechtssicherheit für Schüler- und Lehrerschaft. Es sei sinnvoll, diejenigen Teile von dieser Regelung auszunehmen, zu denen der Rat noch keine Ergebnisse vorgelegt habe. Da die umstrittenen Teile allerdings lediglich maximal 0,5 Prozent des Wortschatzes betreffen, werde dies in der Praxis kaum Probleme bringen.

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Josef Kraus, sieht das jedoch ganz anders: "Es ist wieder nichts Fertiges. Das stört mich mit Blick auf den Deutschunterricht, dass wieder das Gefühl besteht, da kommt noch was", sagte Kraus im Deutschlandradio Kultur. Man hätte dem Rat ein Jahr länger Zeit geben sollen, denn die Schule brauche Regeln, die für mindestens ein bis zwei Jahrzehnte gälten.

FDP fordert Verschiebung der Reform

Ähnlich sieht das auch der kulturpolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Hans-Joachim Otto. Er forderte ebenfalls, das Inkrafttreten der Reform um ein Jahr zu verschieben. So könne der Rechtschreibrat "seine erfolgversprechende Arbeit fortsetzen". Ein Mitglied des Rats, der Germanist Theodor Ickler, kritisierte, nur Teile der Reform in Kraft treten zu lassen, führe "zu einem noch größeren Durcheinander". Nach Ansicht des Vertreters des PEN-Zentrums Deutschland werden besonders Lehrer vor Probleme gestellt, "wenn sie bei der Korrektur von Schülertexten immer erst nachschlagen müssen, ob eine Schreibweise unter die 'schon verbindlichen' oder 'noch nicht verbindlichen Regeln' fällt".

Auch der Chefredakteur der Fachzeitung "Deutsche Sprachwelt", Thomas Paulwitz, sagte, die Kultusminister sorgten mit ihrer jüngsten Entscheidung für "mehr Verwirrung als Klarheit und verschärften das Rechtschreibchaos". Das Blatt gilt als Sprachrohr der Reformgegner. Paulwitz forderte den designierten nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers (CDU) auf, "sobald wie möglich sein Wahlversprechen zur Rechtschreibreform einzulösen". Rüttgers habe vor der Wahl versprochen, dass die CDU bei einem Wahlsieg dafür sorgen werde, "dass man zu den bewährten Regeln zurückkehrt". Wenn das bevölkerungsreichste Bundesland jetzt bei der Reform aussteige, "kippt die Rechtschreibreform endgültig". Das bleibt - aller Wahrscheinlichkeit nach - ein frommer Wunsch.



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