Kultur

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Rechtsextremismus

Nehmt die Besorgten endlich ernst!

Viele Menschen trauen sich nicht einmal mehr mit dem Zug durch ostdeutsche Bundesländer zu fahren - und das nicht erst seit Chemnitz. Hört diesen Menschen endlich zu. Und handelt.

Eine Kolumne von

DPA

Bahnhof Chemnitz-Süd

Dienstag, 28.08.2018   15:16 Uhr

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So wie eine kaputte Uhr zweimal am Tag die richtige Uhrzeit anzeigt, haben auch Rechte manchmal Recht mit den Dingen, die sie sagen: Wir müssen die Sorgen und Ängste der Menschen ernst nehmen, sagen sie, und das stimmt, nur auf eine andere Art, als sie meinen.

Es sind allerlei moderne Mythen darüber im Umlauf, dass die AfD mehrheitlich von "abgehängten", armen und ungebildeten Leuten gewählt wird, die besorgt in die deutsche Zukunft blicken. Dass Rassisten es oft einfach nicht besser wissen, wenn sie erzählen, wie sämtliche Steuern für Flüchtlinge ausgegeben werden, oder dass sich im Hass auf Ausländer hauptsächlich eine diffuse Frustration über die allgemeine Lage der Welt entlädt. Allein, dann könnte man auch einen Boxsack nehmen. Einen "stummen Schrei nach Liebe" kann man die Videos aus Chemnitz auch nur dann nennen, wenn man dabei den Ton abstellt.

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Wenn Rechtsextreme brüllend durch eine Stadt laufen und Menschen jagen, dann haben die offensichtlich keine Angst, zumindest nicht in erster Linie und wenn, dann weit hinter ihrer Aggression, ihrem Hass und ihrer offensichtlichen Gewaltbereitschaft. Es kann sein, dass sie sexuell frustriert sind, und es gibt gute Gründe, das zu glauben, aber davon muss man kein Fascho werden. Es stimmt, dass wir die Sorgen und Ängste der Leute ernst nehmen müssen, aber nicht auf die Art, wie es häufig gemeint ist.

Wir müssen die Ängste derer ernst nehmen, die seit Jahren oder Jahrzehnten sagen, dass sie in einige Bundesländer im Osten generell nicht mehr fahren - weil sie Angst haben. Dass sie da noch nicht einmal mit dem ICE durchfahren wollen, weil unterwegs auch Leute aus denjenigen Orten einsteigen würden, in die sie sich alleine nicht mehr trauen.

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Wir müssen die Sorgen derer ernst nehmen, die ein ganz schlechtes Gefühl hatten, als Alexander Gauland nach der Bundestagswahl rief: "Wir werden sie jagen, wir werden Frau Merkel oder wen auch immer jagen, und wir werden uns unser Land und unser Volk zurückholen." Ich meine kein schlechtes Gefühl auf die abstrakte Art, dass da jemand äußerst unsympathisch rüberkommt und eklige Rhetorik anwendet, sondern auf die ganz praktische Art: Panik davor, dass jemand diesen Aufruf wörtlich nimmt, und zwar genau so undifferenziert - "wen auch immer" - wie er rausgehauen wurde. In Chemnitz hieß das: Wer auch immer nicht aussieht, als käme er gerade vom Turnen mit der Hitlerjugend.

Wir müssen ernst nehmen, was uns Menschen erzählen, die die bloße Vorstellung, in der sächsischen Schweiz Urlaub zu machen, für einen makabren Witz halten, und zwar nicht, weil ihnen da die Berge zu klein sind. Die sächsische Regierung hat nicht nur über Ewigkeiten Rechtsextremismus verharmlost, sie hat auch gleichzeitig nicht dafür gesorgt, ihr Land für alle offenzuhalten, die theoretisch dort hinfahren können, aber praktisch oft schlechte Erfahrungen machen müssen. Ministerpräsident Kretschmer ließ twittern: "Es ist widerlich, wie Rechtsextreme im Netz Stimmung machen und zur Gewalt aufrufen. Wir lassen nicht zu, dass das Bild unseres Landes durch Chaoten beschädigt wird."

Nun sind aber rechte Mobs oft leider wesentlich besser organisiert als "Chaoten". Und das, was beschädigt wird, wenn Rechtsextreme zuschlagen, ist in erster Linie nicht das Image eines Bundeslandes, sondern es sind Menschen.

Es sind Menschen, die begründete Angst haben, wenn sie hören, dass wieder "Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!" skandiert wird, wenn sie im Fernsehen den Hitlergruß in Farbe sehen und auf ihrer inneren Landkarte wieder einen Bereich als No-go-Area markieren.

Zwei Drittel der Deutschen beklagen eine Verrohung politischer Debatten und einen Rechtsruck in der Politik. Darunter sind solche, die lieber in einem offenen, solidarischen Land leben wollen, aber nicht akut bedroht sind, und solche, die gerade darüber nachdenken ob sie ihrer körperlichen und geistigen Unversehrtheit willen überhaupt in Deutschland bleiben können. Oder ob sie mit dem bloßen Gedanken an Auswanderung schon denjenigen einen Gefallen tun, die sich freuen, wenn ein syrischer Junge beim Fahrradfahren von einem Trecker erfasst wird und die dann an die Stelle des tödlichen Unfalls Hakenkreuze sprühen und: "1:0". Mit jedem Fall von derart blankem, rechten Hass, wird der Platz weniger für diejenigen, die als "anders" gelten, obwohl sie dazu gehören. Ihre Ängste und Sorgen sind es, die ernst genommen werden müssen.

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