"Red Nose Day" bei ProSieben Knallzigarren in der Waschstraße

Ach, du Elend: Einen ganzen Abend lang sammelte die Comedy-Brigade von ProSieben Spenden für wohltätige Zwecke. Zur Belohnung für drei Millionen Euro Einnahmen und stundenlanges Ertragen mieser Gags und Zoten gab es am Ende Sonya Kraus barbusig in der Waschstraße.


"Red Nose Day"-Moderatorin Kraus: Voller Körpereinsatz für den Spendenmarathon
DDP

"Red Nose Day"-Moderatorin Kraus: Voller Körpereinsatz für den Spendenmarathon

"Tut etwas Verrücktes und sammelt Geld!", kreischt das Triumvirat aus Thomas Herrmanns, Sonya Kraus und Kai Pflaume. Eigentlich nix neues, wäre dies ein O-Ton aus einer Sitzung des ProSieben-Vorstands und nicht die hysterische Auftaktmoderation für den diesjährigen "Red Nose Day" des Privatsenders gewesen. Über drei Stunden Liveshow aus Köln mussten die drei Einheizer wuppen, und nur schleppend brachten sie den avisierten Spendenmarathon in Gang.

1985 etablierten britische Komiker in ihrer Heimat die publikumswirksame Charity-Veranstaltung, welche durch den öffentlichen Verkauf der namensgebenden Clownsnasen und starbesetzte Galas Millionenbeträge für wohltätige Zwecke sammelt. Konzept samt Nase importierten die deutschen Spaßfunktionäre - nur die internationalen Stars blieben außen vor. So rekrutierte sich auch das prominente Personal des gestrigen Abends überwiegend aus den üblichen Verdächtigen der hauseigenen Programmlandschaft. Im weiteren Verlauf entpuppten sich ihre Beiträge - wie überhaupt die gesamte teutonische Nummernrevue aus Kalauer und Caritas - als dilettantisches Plagiat anglo-amerikanischer Showstandards. Konsequent wäre da die Abwandlung des Sendermottos in "We Love to Imitate You".

Comedy-Star Pocher: Zotige Laienspiele
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Comedy-Star Pocher: Zotige Laienspiele

Doch zurück zum quälend langatmigen Beginn der Show (gestern Abend, 20.15 Uhr), der die Arbeitsteilung unter den drei Moderatoren verdeutlichte: Herrmanns dirigierte wie gewohnt die Auftritte der ProSiebenSat.1-Unterhaltungsbrigade, die sich aus den selbsternannten "Comedians" der Republik zusammensetzt. Pflaume wiederum steht für das menschelnde Moment und antichambriert etwaige ZDF-Umschalter, während Sonya Kraus - bekannt als schmerzfreie Großverweserin des TV-Trashs - mit ungebrochener Begeisterung den anfallenden Bodensatz aus Schlüpfrig- und Peinlichkeiten zusammenkehrt.

Nachdem das geklärt war, gab es eine erste Live-Schaltung zu Alexandra Bechtel, die sich bei "Mr. Wash" in Düsseldorf die Beine in den Bauch stand. Sekundiert von der Bundeswehrwitz-Geißel "Ausbilder Schmidt" moderierte sie das Outdoor-Event der Show: Immer wenn eine bestimmte Summe an Spendengeldern eingegangen war, wurden zur Belohnung der zahlungswilligen Zuschauer ein paar Fernsehgesichter bei offenem Verdeck durch die Waschanlage geschleust. Erwartungsgemäß hatte hier selbst der Versuch, voyeuristische "Brot und Spiele"-Gelüste zu befriedigen, den subversiven Thrill einer Knallzigarre.

Das Elend auf Distanz halten

Einen Werbeblock später kündigte Pflaume mit bewährter Schwiegersohnmiene den ersten Einspieler an: Kinderarbeit in einer peruanischen Ziegelfabrik. Dafür gab es gedämpften Applaus aus dem Publikum, in dem tatsächlich rote Nasen zu sichten waren. Das durchgängige Prinzip der vorproduzierten Elendsclips erfüllte übrigens eine doppelte Funktion: Sie lieferten die moralische Legitimation für die aufgeblähte Prunksitzung und hielten gleichzeitig die Notleidenden auf Distanz - während der gesamten Sendung durfte nicht ein einziger Betroffener die Showbühne betreten.

Da mögliche Befangenheit auf diese Weise schon vorsorglich ausgebremst wurde, durfte nun ein zusammengewürfeltes Ensemble live "Die Simpsons" improvisieren. Total neu sei das, verspricht "Schillerstraße"-Impresario Georg Uecker. Nicht wirklich: Das US-Format "Whose Line Is It Anyway" hat das etliche Jahre früher, aber vor allem geschmackssicher vorexerziert. Es folgte ein zotiges Laienspiel, angeführt vom westfälischen Phlegmatiker Rüdiger Hoffmann als Homer Simpson. Die Lacher kamen nur sporadisch aus dem Saal; erst beim Reizwort "Schwuchtel" sprang das Publikum kurzzeitig an. Man weiß halt zur Not, wo der "Bully"- und "TV Total"-konditionierte Zuschauer abzuholen ist.

Pocher als Kylie Minogue: Gnädigerweise kurzes Karaoke-Desaster
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Pocher als Kylie Minogue: Gnädigerweise kurzes Karaoke-Desaster

Nachdem im Anschluss der allgegenwärtige Stefan Raab zusammen mit seinem Leibeigenen Max Mutzke als germanisches Rattenpack eine völlig vereierte Swingnummer servierte, kam in Gestalt des ProSieben-Faktotums Elton gleich der nächste Klon aus dem Raabschen Dunstkreis angewalzt. Elton, so erfuhren wir, war mit der Kindernothilfe in Ugunda. Was dort passiert? "Die lernen wie man Obst anbaut da, und auch Englisch, um das wirtschaftlich zu nutzen" Was nehmen wir als Erkenntnis mit? "Man kommt ja eigentlich nicht in Kontakt mit Aidsinfizierten hier."

Nun, das ließe sich durchaus einrichten, rotnasiger Freund. Aber ein transkontinentaler Handshake mit todgeweihten Kindern passt eher zum Altruismus unter Spaßzwang: Das Elend vor der eigenen Haustür taugt nicht für das sorgenlose TV-Konzept. Schließlich lässt sich dem fernen Leid viel unbeschwerter die rote Nase zeigen. Ins gleiche Horn blies auch Brachialkomiker Michael Mittermaier: "Uns geht's gut glaube ich", dozierte er, "und deshalb sollten wir jetzt die Kohle locker machen". Als Ansporn wurden noch schnell die unter den Spendern zu verlosenden Automobile eingeblendet, dann kam Mittermaier mit seinem volksnahen Bush-Bashing auf die Bühne.

Schulterschluss der Spaßgenerationen

Punkt 21.33 Uhr ging eine Tröte los: "Wenn es hupt, dann ist Spendenstand" orakelte Herrmanns. 1.012.060 Euro waren gesammelt, und die Gratifikation folgte postwendend mit einer Schalte zur Waschstraße. Schnell wurden die Profi-Prolls Ralf Richter und Claude-Oliver Rudolph nassgemacht, bevor Oliver Pocher und Bernhard Hoecker als Kylie Minogue und Robbie Williams auftraten. Nach dem gnädigerweise kurzen Karaoke-Desaster blieb noch Zeit für eine luzide Einschätzung der geopolitischen Lage in Afrika: "Es ist sehr abwechslungsreich, wie die da leben." Da wurde sogar Kai Pflaume bleich und fügte schnell an: "Es sind noch dazu liebe Menschen, die die Spenden erreichen".

Show-Gäste Raab, Mutzke, Tom Göbel: Verleierte Swingeinlage
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Show-Gäste Raab, Mutzke, Tom Göbel: Verleierte Swingeinlage

Gottseidank, wäre ja noch schöner wenn es den hungernden Massen an Putzigkeit mangeln würde. Und als wollte er noch retten was nie zu retten war, wird Pflaume wenig später nur halb scherzhaft Kollegin Kraus ermahnen: "Das ist hier nicht das Nachmittagsprogramm, wo man zuerst redet und dann denkt".

Da das Interesse gegen Mitte der Show zu erschlaffen drohte, besonnen sich die humoristischen Dienstleister auf ihr Kerngeschäft: Für 2,5 Millionen Euro Spendengeld, so die Ansage, führe Sonya Kraus nackt durch die Waschstraße. Erwartungsgemäß kam dadurch wieder Leben in das Schaulaufen der Zweitverwerter, und das Publikum tolerierte sogar den Auftritt der "Comedy-Allstar-Band" unter der Leitung des Fernsehfossils Hugo-Egon Balder. Das daraus resultierende akustische Trauma ließ fast vergessen, dass sich mit Gwen Stefani immerhin ein einziger verbriefter Popstar ins Coloneum verirrt hatte.

Aber was war das schon gegen das große Hallo um 23.32 Uhr, als das Erreichen der 2-Millionen-Marke mit Roberto Blancos Fahrt durch die unvermeidliche Waschstraße gefeiert wurde. Blanco sang dabei "Ein bisschen Spaß muss sein", als hätte er sich seine rote Nase nicht aufgesetzt, sondern angetrunken. Beim zeitgleich in England zelebrierten "Red Nose Day" traten derweil übrigens David Bowie und U2 auf, wie sich Pflaume in einem wahnwitzigen Akt der Selbstdemontage nicht hütete zu erwähnen.

Null-Pointen für die Welt

Den Rest brachten die TV-Profis routiniert über die Runden. Erwähnen sollte man allerdings, dass Ex-"No Angel" Sandy Moelling bei ihrem Beitrag über Berliner Straßenkinder als einzige Mitwirkende genuines Mitgefühl und aufrichtige Empathie zeigte. Ihr schüchterner Vortrag erinnerte kurzzeitig daran, dass Spendensammeln per se in Ordnung ist. Doch wenn mit den Bildern von Verhungernden alte Witze verkauft werden, wird das unauflösbare Dilemma massenwirksamer Benefizveranstaltungen in aller Schonungslosigkeit offensichtlich. Konsum ohne Verantwortung ist keine Lösung, der Verzicht auf pompöse Selbstbeweihrauchungen von TV-Clowns immerhin ein Anfang. Nur einen Euro für jede gesparte Null-Pointe, und wir ernähren die Welt.

Aber das ist alles eitel, denn kurz vor Mitternacht brachen die letzten Dämme. Die Rotnasen hatten die Drei-Millionengrenze überschritten, und Sonya Kraus fuhr barbusig im Smart durch die Schaumfontänen. Standing Ovations im Coloneum, Hermanns rief aus: "Ist das geil!" - völlig egal ob nun wegen der physischen wie mentalen Schmerzfreiheit von Frau Kraus oder wegen der 3.022.746 Millionen Euro Spendengeld. Wer jetzt ob der eigenen Provinzialität leise ins Sofakissen weint, muss sich nur leise Mittermaiers Mantra vorsummen: "Uns geht's gut". Glaubt er.



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