Rede zur Reichspogromnacht Wenn Grosser die Anti-Israel-Keule schwingt

Das wird Ärger geben. Der Publizist Alfred Grosser soll in Frankfurt die Festansprache zum Gedenken an die Reichspogromnacht halten. Doch der ehemalige Völkerversöhner redet seit Jahren lieber über die Opfer der Juden - statt über die Juden als Opfer.

Publizist Alfred Grosser: Deutschland im Griff der Israel-Lobby?
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Publizist Alfred Grosser: Deutschland im Griff der Israel-Lobby?

Von Henryk M. Broder


Dicke Luft in Frankfurt am Main. Am kommenden Dienstag soll, wie jedes Jahr, in der Paulskirche der "Reichskristallnacht" vom 9. November 1938 gedacht werden. Und die Festansprache wird ausgerechnet ein Mann halten, der das, was die Nazis den Juden angetan haben, gerne mit dem vergleicht, was die Israelis den Palästinensern antun: "Ich bin als Judenkind in der Frankfurter Schule verachtet und sogar geschlagen worden. Ich kann nicht verstehen, dass Juden andere verachten."

Alfred Grosser wurde 1925 in Frankfurt geboren; sein Vater, Paul Grosser, war Arzt, Jude, Sozialdemokrat, Freimaurer und weitsichtig genug, um gleich nach der "Machtergreifung" der Nazis nach Frankreich zu emigrieren, wo er 1934 starb. Sohn Alfred wurde in Frankreich "naturalisiert", studierte Politikwissenschaft und Germanistik, bekam schon als 30-Jähriger einen Lehrstuhl am angesehenen Institut d'etudes politiques de Paris und machte sich bald einen Namen als engagierter Befürworter der deutsch-französischen Verständigung. Dafür wurde er vielfach geehrt, unter anderem mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, dem Grand Prix de l'Académie des Sciences morales et politiques und dem Großen Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband der Bundesrepublik.

Wichtig ist Alfred Grosser nur die Person Alfred Grosser

Grosser war Stammgast im "Internationalen Frühschoppen" von Werner Höfer und gern gesehener Redner bei Tagungen und Konferenzen. Keine Frage, er hat sich um die Normalisierung der deutsch-französischen Beziehungen verdient gemacht. Seine Freunde sehen in ihm den Prototyp des Europäers: Deutscher, Franzose, Jude, Intellektueller. Seine Kritiker verweisen darauf, dass im Mittelpunkt aller seiner Interessen und Aktivitäten vor allem eines steht: die Person Alfred Grosser. So trat er etwa im Jahre 2003 aus dem Aufsichtsrat des französischen Magazins "L'Express" aus und begründete diesen Schritt damit, die Redaktion habe "nur zögernd" seine Rezension eines israelkritischen Buches veröffentlicht und in der nächsten Ausgabe "einen Sturm von Leserbriefen" abgedruckt, "die mich beschimpften".

Noch weiß niemand, was Grosser am 9. November in der Paulskirche sagen wird. Aber allein die Ankündigung, dass er die Festrede halten soll, hat zu einer Verstimmung zwischen der Oberbürgermeisterin, Petra Roth, und den beiden Vizepräsidenten des Zentralrates der Juden, Dieter Graumann und Salomon Korn, geführt. Wie in solchen Fällen üblich, verbreitet jede Seite eine andere Version der Geschichte. Es sei Korns Idee gewesen, Grosser einzuladen, behauptet ein Vertrauter der Oberbürgermeisterin.

Sie seien weder gefragt noch um einen Vorschlag gebeten worden, versichern Korn und Graumann. Von der Verpflichtung Grossers hätten sie erst aus den Zeitungen erfahren.

Nur Grosser könnte den Eklat verhindern - mit seiner Absage

Der Generalsekretär des Zentralrates, Stephan Kramer, forderte OB Roth auf, Grosser auszuladen. Er halte es "für pietätlos, Alfred Grosser an diesem Datum und an diesem Ort sprechen zu lassen".

Dafür dürfte es zu spät sein. Die Einladungen zu der Feier sind verschickt, ein Eklat bahnt sich an, den nur Grosser verhindern könnte, wenn er von sich aus absagt. Aber auch das ist höchst unwahrscheinlich. Grosser wird sprechen. Und es gehört wenig Phantasie dazu sich vorzustellen, worüber er an diesem 9. November sprechen wird.

Im September 2009 gab Grosser dem "Kölner Stadt-Anzeiger" ein Interview, in dem er dem Zentralrat der Juden vorwarf, Kritik an Israel zu unterbinden. "Sobald einer die Stimme gegen Israel erhebt, heißt es sofort 'Antisemitismus'… Am schlimmsten ist der Zentralrat der Juden." Die Bundesrepublik, so Grosser, werde "so eingeschüchtert… , dass der Bundespräsident und die Kanzlerin vor der Knesset nur den Terrorismus der Hamas erwähnen".

In einem Interview mit dem "Stern" im Oktober 2007 behauptete er, "dass sich Deutsche zu allem Möglichen kritisch äußern dürfen, aber nicht zu Israel", es gebe eine "Keule, die ständig gegen Deutsche geschwungen wird, falls sie etwas gegen Israel sagen". Täten sie es trotzdem, "sagt die Keule sofort: 'Ich schlage dich mit Auschwitz.' Ich finde das unerträglich." Dieselbe Keule hatte 1998 auch schon der Schriftsteller Martin Walser anlässlich seiner Auszeichnung mit dem "Friedenspreis des deutschen Buchhandels" geschwungen und damit die "Walser-Bubis-Debatte" ausgelöst - an derselben Stelle, an der auch Grosser sprechen wird: in der Frankfurter Paulskirche.

Die moderne Variante des Antisemitismus

So ähnlich wie die Keulenschwinger Walser und Grosser argumentieren auch linke und rechte "Antizionisten", die Deutschland im Würgegriff der "Israel-Lobby" sehen. Wobei Grosser mit einem Extra-Pfund wuchern kann: Als Jude ist er über jeden Verdacht erhaben, antisemitische Ressentiments zu bedienen. Wenn er beispielsweise sagt, "dass gerade Israels Politik den Antisemitismus fördert", dann übt er nur "Israelkritik", auch wenn es sich um die moderne Variante des Klassikers handelt, am Antisemitismus seien die Juden schuld.

Auf solche Äußerungen angesprochen, sagt die Oberbürgermeisterin von Frankfurt, einige der Informationen seien ihr "schon bekannt" gewesen, "einiges neu". Und verweist auf "die klare und eindeutige Haltung der Stadt Frankfurt zum Staat Israel und die besondere freundschaftliche Beziehung zu Tel Aviv".

Was Grosser angeht, so habe er "einen persönlichen Bezug zu Frankfurt am Main", außerdem habe er sich "über viele Jahrzehnte um die Aussöhnung der Völker bemüht und insbesondere Großes für ein neues deutsch-französisches Verhältnis geleistet" und dafür unter anderem 1975 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten. "All dies hat uns bewegt, Herrn Grosser 35 Jahre nach diesem Festakt um eine Ansprache in der Paulskirche zum 09. November zu bitten."

Prügel für den Zentralrat der Juden

Offensichtlich meint man im Büro der Oberbürgermeisterin, Grosser sei noch immer damit beschäftigt, die Völker zu versöhnen. Aber das war einmal. Heute wundert er sich nur noch, dass die Juden nichts aus ihrer Geschichte gelernt haben.

Was insofern stimmt, als man beim Zentralrat der Juden zwar über die Haltung der Oberbürgermeisterin "schockiert" ist, es aber auf einen Skandal nicht ankommen lassen möchte. "Wir haben ihn nicht eingeladen, wir können ihn nicht ausladen", sagt ein führender Funktionär, "wir sind in einer No-Win-Situation". Man werde in jedem Fall Prügel beziehen, "egal, ob wir an der Feier teilnehmen oder ihr fernbleiben".

Deswegen werde man hingehen und erstmal abwarten, was Grosser sagt. "Wir kündigen nicht öffentlich an, wie wir uns bei der Veranstaltung der Stadt Frankfurt am Main zum 9. November in der Paulskirche verhalten werden. Aber wir werden, den besonderen Umständen entsprechend, angemessen reagieren." Soll heißen: Aufstehen und gehen.

Das kann ja eine heitere Gedenkfeier werden.



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