Musikfoto-Ausstellung: Gefühl von Gänsehaut

Von Felix Bayer

Fotoausstellung "Malzkorn's Rock'n'Roll": Kunstwerke aus dem Bühnengraben Fotos
Stefan Malzkorn

Portishead posieren im Heizungskeller, Lemmy bringt Henry Rollins zum Lachen, und Kurt Cobain ersteht wieder auf: Der Hamburger Stefan Malzkorn fotografiert seit 20 Jahren Musiker, stets sucht er das perfekt komponierte Bild. Beim Reeperbahn Festival sind nun seine Werke zu sehen.

Wer je in Hamburg auf einem Rock-Konzert gewesen ist, hat ihn garantiert gesehen - diesen großgewachsenen Mann, der sich mit einem entschuldigenden Lächeln im Gesicht und mit von Jahr zu Jahr größer wirkender Fototasche auf der Schulter nach vorne durchdrängelt, um rechtzeitig zum ersten Song vorne am Bühnenrand zu sein.

Stefan Malzkorn ist seit über 20 Jahren Stammgast in den Hamburger Konzerthallen. Er fuhr drei Jahre zur See, er studierte Geschichte, aber erst als Konzertfotograf fand der 1963 geborene Malzkorn so etwas wie seine Berufung. Zunächst für das Fanzine "Heft", bald für die lokale Presse, fotografiert er seit Anfang der Neunziger das Bühnengeschehen in den Clubs. Und weil man ihm seine Leidenschaft anmerkt und weil er nicht so aufdringlich voyeuristisch daherkommt wie manche seiner Kollegen, ist Malzkorn auch bei Musikern angesehen.

Deshalb wird seine neueste Fotoausstellung, die Malzkorn im Rahmen des Reeperbahn Festivals in Hamburg zeigt, auch Auftrittsort für einige Bands - etwa Bernd Begemann, Jan Plewka oder Blackmail.

Black Metal neben Chansons

Wenn Malzkorn durch seine eigene Schau führt, dann schiebt er zu Demonstrationszwecken - und durchaus mit ein wenig Stolz - die Plexiglasrahmen, in denen seine Fotos gezeigt werden, die Wand nach oben. Ein rotes Gewicht, das aussieht wie ein kleiner Box-Sandsack, schwebt dafür von der Decke herunter.

Als Problem stellte sich, dass im Ausstellungsraum Nochtspeicher eben auch noch andere Veranstaltungen stattfinden können sollen. Gesucht wurde also nach einem bequemen Weg, Malzkorns Bilder für kurze Zeit aus dem Weg zu schaffen und danach wieder zeigen zu können. Für seine Flaschenzug-Lösung, die an Bühnenbildkonstruktionen im Theater erinnert, hat Malzkorn sogar ein Patent angemeldet.

"Fotografie ist der Augenblick, die gefrorene Zeit", sagt Stefan Malzkorn im Begleittext zur Ausstellung, und dass Musik "Teil der Gefühlsgeschichte" sei. Seine Gänsehaut-These leuchtet unmittelbar ein beim Betrachten von Bildern, die bereits verstorbene Musiker zeigen - Weltstars wie Kurt Cobain, Michael Jackson oder Whitney Houston auf der Bühne. Aber auch bei lokalen Musikern, die in Hamburg sehr vermisst werden. Wie etwa Nils Koppruch, der zwischen Vinylkisten und Fanzineregalen im sympathisch vollgestellten Plattenladen Ruff Trade an der Feldstraße zu sehen ist.

Doch auch bei - glücklicherweise noch lebenden - Musikern kommen Erinnerungen hoch. Tocotronic sind bei ihrer ersten richtigen Fotosession im Croqueladen zu bestaunen. Um im Künstlerhotel einen Ort zu finden, der dem Sound von Einsamkeit und Entfremdung in ihrer Musik entspricht, ist Malzkorn mit Beth Gibbons von Portishead bis in den Heizungskeller heruntergeklettert. Und in einer schönen Serie ist zu sehen, wer den stets von seiner Bedeutung grimmig berauschten Henry Rollins zum Lachen bringen kann: Lemmy von Motörhead, natürlich.

Die Mischung ist also bunt: Die Black-Metal-Band Cradle of Filth hängt neben dem Chansonnier Tim Fischer - aber der Farbgebung wegen ergibt es Sinn. Und Stefan Malzkorn freut sich diebisch, als er eine Blickachse entdeckt, bei der man gleichzeitig die Katzen sehen kann, die sowohl auf dem Wohnzimmerporträt der Band Ja König Ja zu sehen sind als auch bei einem Foto des Rappers Ferris MC vor einem Gewächshaus: "Und auch noch beide links unten!"

Blickachsen, Geometrie, Komposition - diese Dinge machen für Malzkorn ein Bild perfekt. Minutenlang wirbelt er mit dem Zollstock umher, um ein zunächst nur mäßig spektakulär wirkendes Konzertfoto zu analysieren, um zu zeigen, warum schnell und live entstandene Fotos eben doch einen künstlerischen Wert haben. Zumal Malzkorn, und das sagt er voller Überzeugungskraft, die Bilder niemals nachträglich schneidet. Nein, beim Fotografieren, im Moment selbst, wählt er seinen Bildausschnitt - und schwört daher auf Spiegelreflexkameras.

"Malzkorn's Rock'n'Roll" hat er seine Schau genannt, und zumindest zum Auftaktwochenende wird es im Ausstellungsraum wohl auch nicht leise werden. Während des Reeperbahn Festivals erklingt dort die Soundinstallation Brüllwürfel Projekt, die DJ-Sets über eine Vielzahl von Ghettoblastern erklingen lässt. Stefan Malzkorn hat die Brüllwürfel-Leute beim Fotoeinsatz auf dem Dockville-Festival für sich entdeckt. Die Neugier hat er sich also bewahrt, nach über 20 Jahren im Dienste des Rock'n'Roll.


"Malzkorn's Rock'n'Roll", Nochtspeicher, Hamburg, vom 25.9.-31.12.2013


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1. Auf dem Blixa Foto
basileacd 28.09.2013
sieht man woher Pete Doherty's Look kommt
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