Von Anke Dürr
Gott schuf die Welt in sechs Tagen. Und laut Evolutionstheorie dauerte es sogar noch ein bisschen länger, bis die Erde und ihre Bewohner sich im gegenwärtigen Entwicklungszustand befanden. Der französische Theatermacher Philippe Quesne schafft es trotzdem, die Erdgeschichte mal eben in 75 Minuten nachzuspielen, vom "Big Bang", dem Urknall, nach dem eines seiner Stücke benannt ist, bis zur seltsamen Spezies des modernen Menschen.
Klingt wie Größenwahn, ist aber großer Minimalismus: Mit einfachsten Mitteln, ein paar Plastikplanen, Perücken, etwas Nebel und Licht zieht er seine Zuschauer in eine Traumwelt. Die Akteure seiner Compagnie Vivarium Studio scheinen selbst immer zu staunen, was sie da für tolle Bilder produzieren, durch die sie ganz sanft, wie leicht bekiffte und sehr melancholische Sonderlinge, zu schweben scheinen. Denn das ist beinahe das größte Wunder: Trotz des extremen Zeitraffers, in dem die Geschichte erzählt wird, kommt beim "Big Bang" nie Hektik auf. Als "lakonisch und fatalistisch" beschrieb die Zeitung "Le Monde" das Stück.
Gratis ins Theater
Mit seinem "Big Bang" ist Quesne jetzt (wie schon 2010) noch einmal im deutschsprachigen Raum unterwegs, erst beim Festival Theaterformen in Hannover, dann bei der Sommerszene Salzburg, der Festspiel-Alternative, die seit diesem Jahr keinen Eintritt mehr verlangt. Dort hat man auch die seltene Gelegenheit, noch einmal eines seiner frühen Stücke, 2007 mit seiner Compagnie entstanden, zu bewundern: "L'effet de Serge" gilt als Geheimtipp.
In Hannover dagegen arbeitet Quesne (sprich: Känn) zum ersten Mal mit einer fremden Truppe: Sein "Stück für die Technik des Schauspiels Hannover", das er für das Festival Theaterformen entwickelt, rückt die Techniker ins Zentrum, jene schwarzgekleideten, fast immer unsichtbaren Menschen aus dem geheimnisvollen Reich hinter der Bühne, einer "Welt aus ständigem Auf- und Abbau". Damit treibt der Theatermacher sein Prinzip auf die Spitze, die Mittel des Theaters selbst zum Thema des Theaters zu machen.
Hardrocker im Niemandsland
Denn Quesnes Theater mag auf den ersten Blick naiv wirken, es ist in Wirklichkeit Meta-Theater. Seine Stücke sind Feste für die Mittel des Theaters, ganz ohne Superlative. Der Franzose studierte unter anderem Bildende Kunst und Bühnenbild, und dieser Einfluss bleibt immer sichtbar. In "La Mélancolie des Dragons" etwa stranden ein paar Hardrocker mit ihrem Citroën mitten in einem schneebedeckten Niemandsland. Eine Frau kommt vorbei, und als ob es nichts Selbstverständlicheres gäbe, packen die Männer mit den langen Mähnen aus ihrem Anhänger eine merkwürdige aufblasbare Skulptur nach der anderen aus. Das Making-of einer Installation, mitten in einer Schneelandschaft. Es gehe ihm, sagt Quesne, um "das Poetische in den Dingen, den Materialien und den Effekten". Für den Pop- und Theaterkritiker Diedrich Diederichsen ist Quesne "eine Art tiefenentspannter Marthaler".
Die Ruhe hat sich Quesne auch von den strikten Arbeitszeitregelungen der Bühnenarbeiter am Staatstheater Hannover nicht nehmen lassen, die er aus Frankreich nicht kennt. Er sei darauf vorbereitet gewesen, sagt er, und es sei "faszinierend, wie viel auch auf diese Weise zustande komme". Man kann nur staunen.
"Big Bang". Am 26.6. bei den Theaterformen in Hannover; am 1. und 2.7. bei der Sommerszene Salzburg; dort gleichzeitig auch "L'effet de Serge".
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Gesellschaft | RSS |
| alles zum Thema KulturSPIEGEL-Tageskarte | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH