Reich-Ranicki in Rage Platzt das "Literarische Quartett"?

Nach dem TV-Eklat hängt die Zukunft der ZDF-Kultursendung am seidenen Faden. "Literaturpapst" Marcel Reich-Ranicki oder Kollegin Sigrid Löffler - wer hat den längeren Atem?


Scharfzüngig: Kritiker Reich-Ranicki
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Scharfzüngig: Kritiker Reich-Ranicki

Hamburg - Ziel eines Quartett-Spiels ist, dass am Ende der Mitspieler mit den besten Karten auftrumpft. Das ist auch beim "Literarischen Quartett" nicht anders. Der Literaturpapst mit dem rollenden "R" machte seinem Ruf als Lästermaul alle Ehre. Getreu seinem Credo "Die Deutlichkeit ist die Höflichkeit der Kritiker" griff Reich-Ranicki, 80, seine Kollegin Löffler, 57, an. "Die Zusammenarbeit mit Frau Löffler ist eine Qual. Deswegen möchte ich das 'Quartett' gar nicht mehr so lange machen." Aber rausschmeißen könne er sie nicht so einfach. "Das möchte ich nicht tun und das werde ich nicht tun," so der scharfzüngige Kritiker gegenüber der Illustrierten "Bunte".

Beim ZDF wird ein Ende der Sendereihe in absehbarer Zukunft inzwischen nicht mehr ausgeschlossen. Reich-Ranicki habe sein Wort gegeben, auf jeden Fall die nächsten drei Ausgaben bis zum Jahresende zu bestreiten, sagte der verantwortliche Redakteur Manfred Eichel. "Alles hängt jetzt von der Entscheidung von Frau Löffler ab." Und auch sein Kollege Werner von Bergen bestätigt: "Im ZDF ist noch nichts entschieden. Wir wünschen uns natürlich, dass das Quartett bestehen bleibt. So lange Herr Reich-Ranicki dabei bleibt, machen wir auch weiter."

Eichel hofft zwar, die Sendung mit ihren drei Ausgaben bis zum Jahresende retten zu können. Doch ein Ausstieg Löfflers werde das vorzeitige Aus bedeuten. "Ich gewinne zunehmend den Eindruck, es geht zu Ende." Das ZDF, allen voran Programmdirektor Markus Schächter, wolle zwar das "Quartett" auch künftig weiterführen. "Fest steht, wenn einer abspringt, wird auch die Sendung eingestellt", sagte Eichel.

"Literaturpapst" Reich-Ranicki und Löffler, die zusammen mit Hellmuth Karasek und wechselnden Gästen die Sendung moderieren, hatten sich während der letzten Sendung am 30. Juni heftig gestritten. Die Österreicherin hatte in der renommierten Büchersendung den erotischen Roman "Gefährliche Geliebte" von Haruki Murakami mit den Worten kritisiert: "Ich würde für dieses Buch einen Platzverweis aussprechen. Das ist keine Literatur, das ist bestenfalls literarisches Fastfood."

Reich-Ranicki beschwerte sich über Sigrid Löfflers Haltung noch in der Sendung: "Jedes hocherotische Buch wird von Ihnen abgelehnt. Sie können die Liebe im Roman nicht ertragen." Und weiter: "Sie halten die Liebe wohl an sich für etwas anstößig Unanständiges, aber die Weltliteratur beschäftigt sich nun mal mit diesem Thema."

Das zum Kultfernsehen aufgestiegene "Literarische Quartett", das sechs Mal jährlich ausgestrahlt wird, besteht seit März 1988. Die Quoten entwickelten sich jedoch rückläufig. Lagen die Zuschauerzahlen in den neunziger Jahren noch im Millionenbereich, waren es bei den letzten Ausgaben - auch bedingt durch den späteren Ausstrahlungstermin am Freitagabend - nur noch rund 500.000 Interessierte. Dennoch gilt das Streitgespräch als erfolgreichste Büchersendung im deutschen Fernsehen.



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