Reich-Ranickis letztes "Solo" Das störende Riff

Marcel Reich-Ranicki ist die erfolgreichste Ich-AG des deutschen Kulturlebens. Am Dienstagabend gab es den 82-jährigen Literaturkritiker zum letzten Mal "solo" im ZDF - ein politisch-literarisches Lustspiel jenseits des Zeitgeists.


Reich-Ranicki "Solo": Eigentlich ist es egal, worüber er gerade spricht
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Reich-Ranicki "Solo": Eigentlich ist es egal, worüber er gerade spricht

Eines muss man Marcel Reich-Ranicki, dem hoch gelobten und bitter bekämpften Literaturkritiker Nummer Eins, neidlos lassen: Während Deutschland sich in depressiven Konvulsionen wälzt, den Kanzler wie die Politik verdammt und sich über Frühverrentung, Vorruhestandsgeld und Altersteilzeit streitet, zieht er seelenruhig seine Runden.

Mit 82 Jahren geht er immer noch seinem Beruf nach, als wäre es das Normalste von der Welt. Marcel Reich-Ranicki ist, lange vor Hartz, die erfolgreichste Ich-AG des deutschen Kulturlebens, und wenn er auch gestern im ZDF zum letzten Mal sein halbstündiges politisch-literarisches "Solo" präsentierte, so ist doch klar: Im nächsten Jahr geht's weiter. Irgendwie.

Noch beeindruckender als die flagrante Entlastung der Rentenkassen durch MRR ist seine Art und Weise, in einem Atemzug von sich und der Welt zu reden, souverän und knarzig, wie er es auch gestern Abend wieder tat. Hoch droben auf einem dreistufigen Podest und ganz allein an einem Schreibtisch, der wie eine Mischung aus Katheder, Kanzel und Arbeitsplatte wirkt - so sitzt er über dem schweigenden Publikum und breitet seine Sicht der Dinge aus.

"Vergesst Berlin!" hatte ein "FAZ"-Autor gefordert und feinsinnig den neuen Provinzialismus beklagt. "Wieso eigentlich Berlin vergessen?" fragte Reich-Ranicki, der im Berlin der Nazi-Herrschaft bis Ende 1938 gelebt hat. Beherzt griff er die derzeit modische Berlin-Enttäuschung auf (wiewohl im Augenblick alles irgendwie enttäuschend ist, auch das Fernsehprogramm, das Wetter und die Fußball-Bundesliga): Es gehe doch nicht um eine flatterhafte "Metropolenbegeisterung", sondern nur um den Bestand der kulturellen Attraktivität.

Ganz nüchtern beurteilt er die Lage: "Hauptsache, kein Untergang!" Auch die angebliche Krise der jungen Literaten, die Berlin verlassen wollten, um die kreativen Freuden der echten Provinz zu entdecken, entlockt ihm keinerlei sentimentale Regung: "Berlin adieu, willkommen in Wanne-Eickel. Warum nicht?"

Eigentlich ist es nicht so wichtig, worüber Marcel Reich-Ranicki gerade spricht - über Literaturkritiker, deren verschmockt-akademischer Satzbau sie schon als Rezensenten der schönen Literatur disqualifiziere, über Günter Grass und den Günter-Grass-Springbrunnen in Danzig oder den Dichter Robert Gernhardt, der das deutsche Pech hat, Humorist und Poet in einer Person zu sein - wichtig und bemerkenswert ist immer wieder, dass er sich einfach herausnimmt zu sagen, was er denkt. Selbst im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, wo er wie ein störendes Riff zwischen "heute journal" und "Johannes B. Kerner" platziert ist, jenseits des Zeitgeists. Oft genug mag er geirrt haben (sein jüngster Verriss von Musils "Mann ohne Eigenschaften" etwa hat viele Musil-Leser verstört), aber oft trifft er ins Schwarze.

"Schuldig sind die Redakteure, die sich gängeln lassen!" ruft er mit seiner unnachahmlichen Stimme jenen journalistischen Kollegen zu, die sich immer wieder darüber beschweren, dass die großen Verlage die Rezensenten in den Medien nur als verlängerten Arm ihrer jeweiligen PR-Strategie ansehen. Selber schuld. Und direkt an die Kritikerkollegen in den Zeitungen gewandt, die sich häufig eines klaren Urteils enthalten und lieber eine langatmige Inhaltsangabe des zu besprechenden Romans liefern, stößt er einen letzten Seufzer aus: "Hört doch endlich auf damit!"

Am Ende empfahl Reich-Ranicki, neben zwei anderen Büchern, sein eigenes, das bisher letzte - "ausnahmsweise": "Goethe. Noch einmal." Unsere Empfehlung: Mach's noch einmal, Marcel. Aber nicht mehr solo.



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