Reihenhaus-Revival Bye-bye, Herr Biedermeier!

Alles neu im Jägerzaunland: Im Reihenhaus zu wohnen, galt lange Zeit als eng, spießig, kleinkariert. Doch in der Mief- und Plüschzone hat eine Revolution stattgefunden - eine Ausstellung in Köln beweist es.


Vorne Primeln, hinten Kaninchenstall. Clogs auf der Matte vor der Haustür. Um Sieben muss der Dackel raus. Und fast immer weiß die gesamte Nachbarschaft, wer gestern schon wieder wann und mit wem nach Hause gekommen ist. So stellt man es sich vor: das Glück im Reihenhaus.

Keine Frage, das Reihenhaus hat ein Imageproblem. Es ist das Mauerblümchen der Architektur. Hoch- und Höchsthäuser, Museen, Hotels und Villen - ja, die werden gefeiert. Aber Reihenhäuser? Warum bauen renommierte Architekten so etwas überhaupt?

Schließlich ist es nicht Haus, nicht Wohnung - und eines sieht wie das andere aus. Greifen die Bewohner mit Schmiedeeisen, Butzenscheiben oder Farbeimer individualisierend ein, sieht es meist noch kläglicher aus. Auch der Architektursoziologe Werner Sewing urteilt daher: "Das Reihenhaus gilt nicht als richtig hip, es ist nicht peppig und hat auch keinen Sex-Appeal."

Abgrenzung per Jägerzaun

Eine Fotoausstellung im Kölner Museum für Angewandte Kunst vermittelt nun jedoch ein anderes Bild: kleinkariert, eng und spießig war gestern - hell, bunt, sozial orientiert, ja geradezu multikulturell, so ist das Reihenhausleben heute.

In anderen Ländern haben Seite an Seite gebaute Häuser schon lange ein besseres Image. In England zum Beispiel reicht das Reihenhausprinzip von der Arbeitersiedlung bis hin zur noblen Londoner Carlton House Terrace. Und auch in Holland lebt ein Großteil der Bevölkerung in einfallsreich variierten Häuserreihen.

Dabei hatte sich das Reihenhaus in Deutschland Anfang des 20. Jahrhunderts eigentlich im Kontext der sozialreformerischen Gartenstadtidee entwickelt, die von einem gemeinschaftsorientierten Leben im Grünen träumte. Und mit Bruno Taut und Walter Gropius haben damals bedeutende Architekten für Qualität gesorgt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg aber wurden allzu viele preiswerte Reihenhäuser gebaut, um die Menschen schnell zu "entbunkern", also aus Not- und Behelfsquartieren herauszuholen. Da waren zwischen Brandmauer und Brandmauer die Verhältnisse so beengt, dass Abgrenzung per Jägerzaun angesagt war.

Deutschlandfahne in der Yucca

Die Biedermänner der Wirtschaftswunderjahre waren strebsam, aber eingeschnürt in ein enges Normenkorsett. Anpassung war gefragt, Abweichung wurde geschmäht. Zwischen peniblen Beeten, Terrasse, Hollywoodschaukel und Sandkasten blieb kaum Freiraum.

Gegen dieses Negativbild treten die beiden Fotoserien der Kölner Reihenhaus-Schau an. Die Außenansichten von Marc Räder nehmen Häuser und Gärten so aufs Korn, dass sich die Wohnanlage als bunte Idylle darstellt - ganz als wäre sie der unbeschwerten, heilen Welt einer Miniatureisenbahn-Szenerie verwandt.

Dazu hat Albrecht Fuchs die Bewohner von 50 Eigenheimen porträtiert, eine äußerst gemischte Klientel: ein Metzger, eine Baustellen-Disponentin, eine Altenpflegerin, ein Architekt, ein Bademeister und eine Islamwissenschaftlerin sind dabei. Und siehe da: Plüsch und Mief sind raus, alles ist gut durchlüftet. Die Wohnungen wirken aufgeräumt, fast fesch, einige wirklich apart. Bei so wenig massiven Wohnsünden darf schon mal eine Deutschlandfahne in der Yucca stecken.

Dabei tauchen in Fuchs' Auswahl überraschend viele gut etablierte Reihenhäusler mit Migrationshintergrund auf. Fuchs zeigt etwa einen 24-jährigen italienischen Postangestellten, ein schottisch-usbekisches Paar, eine Familie aus Angola. So können die Autoren des Katalogs resümieren: "Standen Reihenhäuser früher noch als Karikatur für die Seele des deutschen Biedermanns, die Sehnsucht nach Ordnung und Zaun, sind sie heute vielmehr Ausdruck multikultureller Gemeinsamkeiten."

Subtil verschleierte Werbeveranstaltung

Und tatsächlich lassen die Statements der Porträtierten vermuten, dass das Soziale wieder eine stärkere Rolle zu spielen beginnt. Die Zäune fallen, man organisiert gemeinsam Feste, setzt auf Nachbarschaftshilfe, kämpft für Straßenberuhigung und besseren Nahverkehr.

Kein Wunder also, dass sich heute ein Reihenhaus-Revival anbahnt. Es ist nicht nur die preiswerteste Form des Eigenheims im Grünen. Seine meist stadtnahe Lage spart auch Zeit und Benzin. Im Vergleich zum Einzelhaus verbraucht es dazu weniger Fläche und hat eine günstigere Energiebilanz. Soziologen wie Hartmut Häußermann schätzen es "als ökologisch korrekte Bauweise im verdichteten Wohnungsbau".

Imagefördernd wirkt auch der Hype um die Townhouses, dieser komfortablen Stadthäuser für die gehobene Mittelschicht, wie sie in den vergangenen Jahren etwa im Berliner Zentrum oder im Hamburger Falkenried entstanden sind.

Leider aber lässt die Ausstellung diese reale Vielfalt der Reihenhaus-Bautypen nicht einmal erahnen. Denn auf allen Exponaten sind lediglich die Häuser eines einzigen Bauunternehmens zu sehen, das zugleich Initiator und Sponsor der Ausstellung ist.

Und so untergräbt die Schau leider ihre durchaus interessanten Einsichten und gleicht einer subtil verschleierten Werbeveranstaltung, die in einem öffentlichen Museum eigentlich nichts zu suchen hat.


"In deutschen Reihenhäusern", bis zum 1. März, Museum für Angewandte Kunst, Köln



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