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"Briefmarke auf den Hintern": Verwunderung über Calmunds Auftritt beim "Express"

Reiner Calmund (hier im Oktober 2013): "Auch manchmal Deutsch sprechen" Zur Großansicht
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Reiner Calmund (hier im Oktober 2013): "Auch manchmal Deutsch sprechen"

"Mehr, mehr, mehr" arbeiten, Betriebsräten "den Stecker ziehen": Reiner Calmund hat mit einer provokanten Rede Mitarbeiter des Kölner Zeitungsverlags M. DuMont Schauberg vor den Kopf gestoßen - der Verlag plant schließlich einen umfangreichen Stellenabbau.

Hamburg/Köln - Reiner Calmund war eingeladen, um über die Geschichte des Kölner "Express" zu sprechen. Im Jahr 2014 feiert die Boulevardzeitung 50-jähriges Bestehen. In der Kantine des Kölner Verlags M. DuMont-Schauberg, bei dem das Blatt erscheint, sollte der frühere Manager des Fußballclubs Bayer Leverkusen Mitte Dezember vor Verlagsmitarbeitern über die Höhepunkte der vergangenen Jahrzehnte reden. Er selbst hat eine Kolumne beim "Express".

Der Funktionär sprach in Köln allerdings auch über die Krise der Medienbranche - und traf eine klare Schlussfolgerung: Die Mitarbeiter müssten sich mehr anstrengen. Sie sollten nicht nur 40 Stunden arbeiten, sondern "mehr, mehr, mehr", so ein Zitat aus seinem Auftritt, der von Vertrauensleuten der Gewerkschaft Ver.di öffentlich gemacht wurde. Wer heute noch in den Verlag komme, um nur seinen Arbeitsvertrag zu erfüllen, dem gehöre eine "Briefmarke auf den Hintern geklebt".

Damit sorgte der Redner für Verstimmung, wie es aus dem Betriebsrat heißt. Vor allem, weil der Verlag plane, 84 Stellen abzubauen und Arbeiten auszulagern, um so Tarifsätze zu umgehen. Auch den Betriebsrat griff Calmund mit scharfen Worten an: "Freigestellten Betriebsräten, die Tarifrechte einforderten, gehöre der Stecker gezogen."

"In dieser Situation einen Angriff zu starten, war falsch"

Im Verlag herrsche eine große Verunsicherung, sagt Heinrich Plaßmann, Sprecher des Betriebsrats. Die Mitarbeiter seien frustriert und demotiviert: "In dieser Situation einen Angriff zu starten, war völlig falsch." Die Mitarbeitervertretung versuche gerade in dieser Situation, Stellen zu retten und sich für die Rechte der Angestellten einzusetzen.

Die Kollegen hätten sich befremdet angeschaut, sagt eine Mitarbeiterin, die bei der Rede dabei war. "Wir waren peinlich berührt, haben uns fremdgeschämt." Ärger habe Calmund vor allem deshalb hervorgerufen, weil seine Rede den Eindruck erweckte, die Mitarbeiter würden sich nicht genug für den Verlag einsetzen.

Reiner Calmund kann die Aufregung um seine Rede nicht nachvollziehen. "Die Mitarbeiter, mit denen ich gesprochen habe, waren sehr zufrieden. Es gab Applaus", sagte der derzeit in Thailand weilende Geschäftsmann zu SPIEGEL ONLINE. Er sei selbst in einfachen Verhältnissen aufgewachsen, habe immer viel gearbeitet, arbeite jetzt noch 60 bis 65 Stunden in der Woche und sei ein "absoluter Vertreter" der Arbeitnehmer. "Wer mich kennt, weiß, dass ich ein großes Herz habe", sagt er. Aber in diesen Zeiten sei es nun einmal auch wichtig, manchmal länger zu arbeiten, um seine Stelle zu sichern. Man müsse sich auf die neuen Zeiten einstellen.

"Nicht so Wischiwaschi machen"

Der Branchendienst Meedia spricht von einer Brandrede, und der Deutsche Journalistenverband meint, es sei ein missglückter Auftritt gewesen, den Calmund in Köln abgeliefert habe. Calmund selbst versteht nicht, warum sich die Mitarbeiter von seiner Wortwahl gestört fühlten. "Da muss man auch manchmal Deutsch sprechen. Das kann man manchmal nicht so Wischiwaschi machen", sagt er. Seine Rede hält Calmund für angemessen. "Man kann heute nicht mehr die Einstellung haben, Überstunden seien unnötig."

Auch Chefredaktion und Geschäftsführung des "Express" wiegeln ab: "In einer sehr kurzen Passage seiner circa 20-minütigen Rede forderte Calmund die Mitarbeiter auch auf, sie sollten 'arbeiten, arbeiten, arbeiten'. Dies war aber ganz offensichtlich auf das Jubiläum und die vielen damit verbundenen Aktionen gemünzt", heißt es in einem Schreiben, das SPIEGEL ONLINE vorliegt. "Knapp 250 Mitarbeiter folgten der Einladung und bedachten den Gastredner Reiner Calmund mit viel Applaus." Unmutsbekundungen habe es nicht gegeben - meint die Geschäftsführung.

kha

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insgesamt 107 Beiträge
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1.
volker_morales 17.12.2013
war auch so ein Spruch von Calli. Bot ebenfalls reichlich Interpretationsspielraum. Lustig ist er ja, aber sich in die innerbetrieblichen Belange einzumischen, geht zu weit. Zumal Calli ja bekanntermaßen für einen Arbeitgeberclub tätig war. Wenn er also persönlich gut alimentiert wird, sollte er der Mitarbeiter-Ausbeutung nicht auch noch das Wort reden. Spitzengehälter wie er beziehen Journalisten nämlich nicht gerade.
2.
backspin 17.12.2013
Überstunden mögen vielleicht nicht immer vermeidbar sein, regelmäßige Überstunden sind aber nicht nur unnötig, sondern schädlich und letztlich kontraproduktiv. Und jeder, der sich länger als 5 Minuten mit dem Thema beschäftigt hat, sollte das auch wissen.
3. Arbeiten um zu Leben... und nicht umgekehrt..
prisma-4d 17.12.2013
.....Wer heute noch in den Verlag komme, um nur seinen Arbeitsvertrag zu erfüllen, dem gehöre eine "Briefmarke auf den Hintern geklebt".... Der klassiker unter den Chefs. Immer schön zu hören das sich die Mitarbeiter genauso anstrengen sollen wie der Chef. ...genauso viele Stunden runterreissen, genauso "erfolgreich" sein... aber natürlich nicht bei gleichen finanziellen- oder anderen Gegebenheiten. Liebe Chefs, ihr bekommt genau das was ihr bezahlt. Und noch ein Märchen gehört mal "aufgeräumt" Nicht der Unternehmer "erzeugt" Arbeitsplätze, und schon garnicht die Politik (so gerne sie es auch immer behaupten), genauso wenig "vernichten sie Arbeitsplätze", es sind auschließlich wir Kunden! Warum will der Verlag 84 Leute ausstellen? ...weil er die Arbeit der Leute nicht mehr braucht?....nein, weil wir das Zeug nicht mehr in dem Maße kaufen wie früher! Das Unternehmer eine hohe innovationskraft haben ist unbestritten. Davon profitieren auch seine Mitarbeiter! und sie selber natürlich wiederum von den Mitarbeitern. ... das hat aber wenig mit Chefs zu tun. Und wenn ich einen Arbeitnehmer mit seinem Arbeitsvertrag sehe, dann ist das doch das gleiche wie eine Firma mit seinen Kunden. Welche Firma leistet freiwillig mehr als der Kunde bezahle will? ...kann ja auch nicht sein... sagt die Firma, da zahl ich ja drauf! Also... immer zwei Seiten der Medallie betrachten
4. gut,
nurmalso2011 17.12.2013
dem Deutschen gefällt es nicht, wenn man die Vollkasko-Mentalität verteufelt. R.C. hat schon immer Klartext geredet. Warum soll er es jetzt nicht mehr machen ? Ach ja, mit der neuen GroKloation muss man jetzt noch mehr Leuten den Hintern pudern, da passt das wohl nicht mehr in die Landschaft !?!
5. Recht auf freie Meinungsäußerung
Klaus100 17.12.2013
Calmund hat seine Meinung. Wenn diese Verdi nicht gefällt, stellt man die Gewerkschaftsmeinung dagegen. Wir haben schon genug Zensur. Mancher hat entsprechende Erfahrungen mit dem Online-Auftritt eines deutschen Nachrichtenmagazins. Warum glaubt man eigentlich in linken Kreisen im Besitz der Wahrheit zu sein. Alles ist subjektiv - wie meine Meinung selbstverständlich auch.
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